Tirade 75 – Vertikaler Dialog
Tirade 75 – Vertikaler Dialog
Ich meine Wahrheit
sie wird dialogbefreit
laut ins All gebrüllt
doch ich werd ganz leise sein
wenn das Echo mich verschlingt
Tirade 75 – Vertikaler Dialog
Ich meine Wahrheit
sie wird dialogbefreit
laut ins All gebrüllt
doch ich werd ganz leise sein
wenn das Echo mich verschlingt
Der Fall Grass
Obgleich ich ihn als Schriftsteller schätze, habe ich
Günter Grass als Persönlichkeit nie sonderlich gemocht. Eher möchte ich
von einer persönlichen Abneigung sprechen, nicht zuletzt auch wegen der
walrössischen Oberlippenbehaarung.
Und als moralische Instanz? Das müssen andere beurteilen, die an
moralische Instanzen glauben, als wüßten sie nichts von der tief
eingeschriebenen Amoralität und Zerrissenheit eines jeden Menschen. Als
könnte nicht jeder im besten Falle sich selbst die einzige moralische
Instanz sein.
Insofern halte ich das Getue vieler Intellektueller, allen voran Rolf
Hochhuth, das zur moralischen Diskreditierung von Grass führen soll,
für eine Aktion von Neidern und Mißgünstigen, die alte Rechnungen zu
begleichen haben und nur wieder eine Gelegenheit sehen, um auf sich
selbst aufmerksam zu machen.
Einen dummen Jungen zum "SS-Mann" hochzustilisieren, das zeugt nicht
gerade von Einsicht in die damaligen Verhältnisse und noch weniger von
psychologischem Verstand. Da hat wohl so mancher seine eigene
Adoleszenzperiode mit all ihren Merkwürdigkeiten vergessen oder
verdrängt.
Das ganze Gerede ist ebenso lächerlich und überflüssig wie der
Schnurrbart von Grass. Vielleicht sollte Grass sich von seinem
Unternasenpelz trennen, damit dann in jeder Hinsicht gesagt werden
kann: Der Bart ist ab.
Aber der Grass hängt an seinem Bart. Und das ist das einzige, was ich ihm vorwerfe.
Viele werden sich demnächst mit mannigfaltigen
Nomen-est-omen-Spielereien vergnügen. Doch dafür, daß einer Grass
heißt, kann er noch weniger als für die Tatsache, daß er als Jüngelchen
Mitglied der SS war.
Auf jeden Fall ist es stets besser, man nimmt sich den Bart ab, bevor's ein andrer tut.
Tirade 74 – Prozession
Durch Steingewitter
wogende Farbenwinde
stolpern sie singend
preisen den Schreckenschöpfer
trippeln in den Untergang
Lebensgipfel
Die Luft wird so klar
wenn wir auf dem Gipfel stehn
wir blicken voraus
und sehn uns in der Ferne
in den Tälern der Zukunft
um uns die Wehmut
und die glutvollen Augen
der Vergangenheit
winkend heben wir die Hand
und spüren nicht die Tränen
Tirade 73 – Blogigo
Hähnchen hat gekräht
schon aufgescheuchte Hühnchen
sie schliefen so schön
nun gackern sie wie Hühner
dabei sind sie nur Hühnchen
Tirade 72 – Koffer
Bewegtes Leben
tägliches Kofferpacken
was nehme ich mit?
Und wenn du dann fertig bist
brauchst du keinen Koffer mehr
Die Schatten der Intensität
Je mehr das Leben
in den Ohren rauscht
je mehr die Sinne
sich schinden
wie Lungenkranke
mit Atemnot
spürst du die Grenzen
Existenzvorgaben
wenn dein Raum
sich weitet
weitet sich der Blick
du siehst die Stäbe
und zwischen ihnen grinst
halbschattenhaft die Zeit
mit immergleichen
schlechten Zähnen
du schlüpfst nicht hindurch
zu plustrig dein Gefieder
du mußt dich gedulden
jeder verläßt den Raum
zu seiner Zeit
jedem wird schneckenhaft
und schnell wie der Wind
das Fell von der Seele gerupft
Vom Universellen und Individuellen
Intelligenz ist individuell, Dummheit universell. Und umgekehrt. Aber dies nur dann, wenn man den zweiten Teil des Satzes mit einbezieht und dabei nicht vergißt, eine Teilinversion der Adjektive vorzunehmen.
Fortschrittspessimistischer Realismus
Wer überall die kleinen Bäche sieht und ahnt, daß diese langsam versiegen, aber gern ins Wasser spränge, der geht häufig ins Schwimmbad, solange er das noch kann. Aber er wundert sich nicht über die geringe Zahl der Besucher.
Fortschrittsoptimistischer Realismus
Wer überall die kleinen Bäche sieht und nicht ahnt, daß diese langsam versiegen, aber gern ins Wasser spränge, der geht hin und wieder ins Schwimmbad.
Fortschrittspessimismus
Wer gern ins Wasser spränge, aber nur darauf schaut, daß es in der Zukunft knapp werden wird mit dem Wasser, der projiziert seine Erwartung in die Gegenwart und bleibt bereits jetzt trocken.
Fortschrittsoptimismus
Nur wer sehr klein ist, kann in einen Bach springen, als spränge er in tiefes Wasser. Die Größeren tun sich dabei weh.
Utopien
Ob es nun negative oder positive Utopien sind, oder gar negative, die eine positive im Rucksack haben, sie alle haben eines gemeinsam: Sie nehmen uns die Freude am Glücklichsein.
Ehrgeiz
Wer allzuviel Ehrgeiz darauf verwendet, den Ehrgeiz zu verteufeln, ist der nicht verdächtig?