Lyriost – Madentiraden

31.12.2006 um 04:24 Uhr

Zwischenweihe

von: Lyriost   Kategorie: Gedicht & Grafik

zeit

 

Zwischenweihe

Uhren flüstern
werfen Falten
dem der ihre
Schritte hört
werden sie sich
angestalten
bis er jeden
Pakt beschwört

30.12.2006 um 19:04 Uhr

Laborblick

von: Lyriost   Kategorie: Gedicht & Grafik

blick

 

Laborblick

Im klaren Strudel
der Metallgesichter
drehn sich die Jahre
müde Zeitsoldaten
vom Anfang zum Beginn

ein Ende ohne Ende
ganz spielerisch
und lässig ernst
und sauber wie des
Metzgers Messer

30.12.2006 um 00:26 Uhr

All together

von: Lyriost   Kategorie: Grafik

together

29.12.2006 um 20:23 Uhr

Scheinheiligenscheinpolitur

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Moral, Heiligenschein, nobel

Scheinheiligenscheinpolitur

Seit Jahren schon will ich Politur kaufen für den fremdbeleuchteten pseudoreligiösen Kopfschmuck, der bei mir längst Grünspan angesetzt hat, weil ich ihn, obgleich ein Geschenk von höchster moralischer Instanz, weil ich ihn nicht trage, nicht einmal wie andere ihre Orden und Verdienstkreuze, also zu besonderen Anlässen.

Nun liegt er seit Jahren neben dem alten Katzenkorb, dem die Katzen ausgegangen sind, und gilbt und grünt vor sich hin. Und ich denke jedes Jahr: Du solltest ihn verschenken, ehe er brüchig wird. Aber nicht so angegangen, wie er ist. Und ich weiß dieses Jahr, ohne lange zu überlegen, wie selbstverständlich schon, wem er vor allen zukommt: dem noblen Trommel-Günter – als Ersatz fürs angedepperte In-Kupfer-auf-Stein.

Also Politur kaufen. Gibt keine passende. Jedesmal dasselbe: in rauhen Mengen Heiligenscheinpolitur, aber keine Scheinheiligenscheinpolitur. Der Verkäufer sagt, das mache keinen Unterschied, alles glänze prima, und es habe sich noch nie jemand beschwert. Allerdings habe außer mir auch noch keiner der Herren den Scheinheiligen gespielt. "Und die Kopfkringel der Damen glänzen ja sowieso, ob mit oder ohne Politur", sagt er.

Als der Verkäufer merkt, daß mit mir kein Geschäft zu machen ist, gibt er mir noch einen Geheimtip aus der Ökoecke: "Eselsmilch. Besser als alle Chemie", grinst er.

Und ich denke bei mir, da hat er wohl recht. Denn Eselsmilch als Putzmittel für Scheinheiligenscheine, das leuchtet mir geradezu schmerzhaft klar ein.

26.12.2006 um 14:27 Uhr

Gravitation

von: Lyriost   Kategorie: Grafik   Stichwörter: Anziehung

Anziehung

26.12.2006 um 13:10 Uhr

Esoterische Ganzheitlichkeit

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Ganz, Teil, Seele, Körper

Esoterische Ganzheitlichkeit

"... So ist der Körper – ein Vehikel. Aber etwas Tieferes als der Körper ist da, etwas Höheres als der Körper ist vorhanden – etwas von der Totalität. Ein Fenster hat sich in die Ganzheit geöffnet."


Als ich vor 40 Jahren in der Pubertät Plotin las mit seinen platonischen Vorstellungen vom Körper als Kerker der Seele, konnte ich das damals mühelos nachvollziehen und dem vehement beipflichten, stand ich doch mit meinem eigenen Körper wie die meisten Pubertierenden auf Kriegsfuß. Heute aber habe ich eine ganzheitliche Betrachtungsweise, und ich sehe den Körper eher als Verkörperung meiner und seiner selbst. Und wenn etwas klirrt und rattert, dann klirrt und rattert es bei mir selbst. Das auf jemand anderen zu schieben ist so einfach wie unoriginell. Und ein Beitrag zur Theorie der Schizophrenie. Wer das lebendige Seiende in Körper und Seele aufspaltet, ist von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise weit entfernt. Merkwürdig nur, daß die meisten der lauthals Ganzheitlichen dies nicht bemerken. Sie reden von Ganzheitlichkeit und verachten doch ihren Körper.

Und wer ganz genau hinschaut, der vermißt bei dieser Art esoterischer Ganzheitlichkeit noch eines, was zur wirklichen Ganzheitlichkeit unbedingt dazugehört: den Geist.

24.12.2006 um 13:54 Uhr

Weihnachtstirade

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Weihnachtstirade

An alle gedacht
an die ich heut denken mag
und auch an mich

die Lichter üben sich warm
glitzern im Herzen wie Schnee

23.12.2006 um 01:29 Uhr

Der Blick

von: Lyriost   Kategorie: Gedicht & Grafik   Stichwörter: Zeit

Blick


Der Blick

Der Blick geht weit
tief in die Enge
als wär er
aus der Zeit
gewichen

vom Wahn befreit
von aller Strenge
als wär
er heimlich
fortgeschlichen

22.12.2006 um 08:59 Uhr

Apokalypse

von: Lyriost   Kategorie: Grafik

Apokal

22.12.2006 um 07:59 Uhr

Athaumasie

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Tod, Angst, Ruhe, Meinung

Athaumasie

Es sind nicht die Dinge oder Geschehnisse, die uns Angst machen, sondern unsere Meinung über sie. Die Dinge können wir im Kern nicht ändern, unsere Meinung über sie aber sehr wohl. So ist auch der Tod nur dann ein Problem, wenn wir ihn als Problem betrachten.

Was wir brauchen, ist eine athaumasische Betrachtungsweise, um zu der Meeresstille des Gemüts zu gelangen, die jeden Schrecken in sich aufnimmt, ohne mit ihm im Innern zu reagieren.

Es ist dann so, als fielen die Beunruhigungen des Lebens wie schmutzige Wassertropfen in einen Ozean.

21.12.2006 um 08:15 Uhr

Incarnatio continua

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Sein, Drang

Incarnatio continua

Im Innersten ist Sehnsucht nichts anderes als der ständige Drang allen Seins zur Verkörperung: Incarnatio continua.

21.12.2006 um 08:04 Uhr

Sehnsucht

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Leben, Tod

Sehnsucht

Sehnsucht ist eine, wenn nicht die Definition von Leben. Wer die Sehnsucht sterben läßt, ist schon weit auf dem Weg ins Dunkel, er verbrüdert sich mit dem Tod. Ein überflüssiger Akt, denn der Tod grinst im Bewußtsein seiner Macht über eine solche nutzlose Geste der Anbiederung.

21.12.2006 um 02:50 Uhr

Schattenlichter simultan

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Schattenlichter simultan 

So wach kein Schlaf
abgeschnitten
die Sorgenschere
schnipp schnapp
mitten im Schlaflosträumen
rostig scharfe Klingen
gespiegelt
das hellwache Glück
traumlos
standhafte Wacht
vor den Räubern
der Nacht.

21.12.2006 um 02:45 Uhr

Augenmaß

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Augenmaß

Nicht alles ist meistens mehr als alles nichts.

19.12.2006 um 11:13 Uhr

Taoismus

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Ideologie

Taoismus

Der alte Taoismus ist zumindest in großen Teilen keine geignete Philosophie für junge Leute, sondern eher für unrüstige alte und rüstige, aber antriebsschwache junge Rentner, und deshalb besteht immer die Gefahr, daß er zur Rechtfertigungsideologie einer gerontokratisch organisierten und geprägten Gesellschaft wird.

19.12.2006 um 09:00 Uhr

Sicherheitskräfte

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen   Stichwörter: Sicherheit

Sicherheitskräfte

Je größer die Unsicherheit in einem Land ist, um so sicherer sind die Sicherheitskräfte dort die am kräftigsten sprudelnde Quelle der Unsicherheit, also Unsicherheitskräfte.

19.12.2006 um 08:03 Uhr

Spott

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: ernst, heiter, Tragik, Beckett, Bernhard

Spott

Der trockene Spott ist das effektivste Antidoton allzu pathetischer Tiefschürfigkeit und das Gewürz, das dem tragischen Braten den letzten Schliff gibt. Das ist das offene Geheimnis des Erfolges von Samuel Beckett und Thomas Bernhard.

18.12.2006 um 11:57 Uhr

Heidegger und die Sprache

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Philosophie, Sprache

Heidegger und die Sprache

"Was sich uns entzieht, zieht uns dabei gerade mit, ob wir es sogleich und überhaupt merken oder nicht. Wenn wir in den Zug des Entziehens gelangen, sind wir - nur ganz anders als die Zugvögel - auf dem Zug zu dem, was uns anzieht, indem es sich entzieht ... "

Wenn man intuitiv kreisend die ontologische Differenz soseiend in ihrer Daßheit reproduzieren will, wie Heidegger das manchmal tut, dann kommen solcherart Sätze herausgesprudelt, vielmehr, sie werden herausgezogen. Das Erstaunliche ist nur, daß dabei nicht die Knöpfe von der Trachtenjacke abgesprungen sind, so daß Heidegger hätte hinterherrobben müssen, um die Knöpfe daran zu hindern, sich seiner Joppe dauerhaft zu entziehen, und jene wieder in seinen Besitz zu bringen.

18.12.2006 um 08:02 Uhr

Berliner Sinfoniker

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte   Stichwörter: Stadt, Musik, Morgen

Berliner Sinfoniker

Am frühen Morgen
tastet sich das Licht
durch all die Löcher
in den trüben Mauern
die müden Straßen
schminken ihr Gesicht
und auf den Wegen
schwanken Punkte
im Bedauern
Maschinen husten sich
beherzt ins Freie
die Luft schwillt an
wird immer enger
bald tanzt kein Ton
mehr aus der Reihe
und auch die
Schatten werden
langsam länger

18.12.2006 um 07:24 Uhr

Über grüne und blaue Mäuse

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Wahrheit, Religion, Metaphysik

Über grüne und blaue Mäuse

Nimmt einer in seiner meditativ gestützten Intuition grüne Mäuse wahr, dann sagt das etwas über seinen Farbsinn und die Art seiner Wahrnehmung aus, wenn ein anderer blaue sieht, gilt das gleiche. Über "kosmische Wahrheit" oder wie immer man das nennen mag, sagt beides nichts.

Wenn nun ein dritter sich hinsetzt und nach einiger Zeit grüne oder blaue Mäuse sieht, dann sagt das ebenfalls nichts über "kosmische Wahrheit", sondern nur über dessen Farbsinn und dessen Art der Wahrnehmung und darüber, ob er sich mit Grünmaussehern oder mit Blaumaussehern identifiziert.

Und dann gibt es natürlich auch noch die weißen und die profanen grauen Mäuse und die mit gestreiften Hosenträgern, je nach Konfession und Esoterikgrad der Bildbetrachter. Und nicht zuletzt die zähe Volksmetaphysik der exoterischen Weltreligionen mit ihren spezifischen optischen Filtern.

Und die freiwilligen und unfreiwilligen Farbenblinden.

Der größte Teil von dem, was wir wahrnehmen, ist die Folge unserer unbewußten oder halbbewußten Entscheidung, was wir wahrnehmen wollen.