Tirade 106 – Prall
Morgens nicht müde
Lust auf leben und lieben
abends kein Gähnen
nächtlich leben und lieben
manchmal schlafe ich beinah
Über das Fragmentarische
Das Fragmentarische in Literatur und Kunst ist so aufregend, weil es offener ist für den immer währenden Wandel der Realität – und weiter weg von illusionären Idealen. Aber es verstimmt uns oft sehr, denn Fragmentarisches haben wir in unserem Leben selbst alle reichlich. Wir erwarten deshalb von Kunst und Literatur, daß sie uns – wenigstens zeitweise – ablenken von der Erfahrung der eigenen Unvollkommenheit und Unabgeschlossenheit.
Über den Körper
Sie sind im Irrtum, all diese selbsternannten Erweckten und Erwachten, Erleuchtungsgierigen, die sich mühen, das als Verschmutzung ihres spirituellen Kerns empfundene körperliche Sein mit seinen Gelüsten und Ausdünstungen, mit seinen Verschleimungen und Abwässern, seinem Darmgeruch abzustreifen wie eine Larve, und versuchen, das, was sie unter Reinheit verstehen, durch Meditation herzustellen, herbeizutranszendieren.
Transzendieren ist keine ganzheitliche Metamorphose, sondern nur eine spezifische Art suggestiver Selbstinszenierung des Gehirns. Ganz so wie auch andere Versuche, den Körper unter Kontrolle zu bringen, ob nun durch religiöse Riten mit Selbstkasteiung oder Extrembergsteigerei, die moderne Medizin oder militärischen Drill.
Wir sind phylogenetisch weit entwickelt und seit langem über das Amphibienstadium hinaus und auch keine parasitären Würmer (jedenfalls nicht alle), und wir haben keine larvalen Organe, die abgestoßen oder resorbiert werden und durch funktionsfähige adulte Organe ersetzt werden können, die irgendwo im verborgenen angelegt sind.
Unser Körper läßt sich zu Höchstleistungen anregen oder zwingen, wir können auf meditativem Wege oder mit Hilfe der Pharmakologie oder der Chirurgie in seine Funktionen eingreifen oder uns so weit versenken, daß wir unsere Leiblichkeit zeitweise nicht mehr spüren. Aber wir können sie nicht abstreifen wie Falter ihr Verpuppungsmaterial.
Wir haben nur diesen einen Körper, und es bleibt dem Tod überlassen, was er damit metamorphisierend anstellt, wenn er uns holt. Was dann geschieht und ob dann mit uns etwas anderes geschieht als mit den Blättern im Herbst, wissen wir nicht, und es liegt weder in unserer Hand, darauf einzuwirken, noch es zu verhindern.
Papillarer Orgasmus
Ab einer gewissen Körperfülle wird der papillare Orgasmus, also der Orgasmus lingua bzw. glossa, zum Beispiel der Schokoladenorgasmus, dem genitalen vorgezogen, und meistens ist es so, daß ein übermäßiges Körpergewicht Ausdruck dieser Präferenz ist. Manche Männer, die Papillen nicht nur auf der Zunge, sondern in Perlenform auch auf dem Eichelrand haben, können dennoch kein Schokoladenbad nehmen, um zum Höhepunkt zu kommen und gleichzeitig das Wachstum ihrer Schwarte zu begrenzen, weil die Penispapillen geschmacklich indifferent sind.
Ohnehin ist die oral-papillare Form der orgasmischen Substitution eher femininer Natur. Um mögliche Verwechslungen auszuschließen: Cunnilingus und Fellatio haben zwar auch mit der Zunge zu tun, aber der papillare Aspekt dieser Praktiken ist im allgemeinen – leider – zu vernachlässigen.