Tirade 115 – Wortfischerei
Mir wachsen Flossen
beim Tauchen in Folianten
das Netz in der Hand
wenn nicht die Brille beschlägt
klärt sich der innere Blick
Othello Morrison
Als ich las, wie der am Kerzen-Leben verzweifelte Othello sagte: Tu aus das Licht, mußte ich unwillkürlich an Jim Morrison denken: "When The Music's Over": Turn out the light.
Deine Lakaien
Dank an den Vollmond, der bewirkte, daß ich nicht mehr schlafen konnte, aufstand und das Radio anschaltete. So lernte ich die Musik von "Deine Lakaien" kennen, von denen ich nie zuvor gehört hatte. Unglaublich gute Musik. Eine Offenbarung.
Deine Lakaien
Journalismus
Den verängstigten Journalisten, den allzu satten Wortbeamten, denen zu Bloggern nichts anderes einfällt, als sie als Gelegenheitsrülpser zu diffamieren, weil einige von diesen ihnen in Zukunft vielleicht die Butter auf dem Brot dünnkratzen könnten, kann ich nur raten, sich ein wenig mehr von ihren Beschreibungsobjekten zu entfernen, damit es sich wieder lohnt, eine Zeitung zu kaufen.
Unkritischen Hofjournalismus gibt es viel zu viel, und es ist wünschenswert, daß der ebenso verschwindet wie die phantasiefreien Marketingstrategen ihrer selbst oder ihrer Verlage und deren Werbungssponsoren, die uns mit ungrammatischer Hülsenkost zupflastern.
Wenn der klassische Journalismus sich nicht wandelt, wird er langfristig verschwinden. Im Augenblick aber gibt es noch nicht genug professionelle journalistische Blogs, um den traditionsreichen Medienzirkus ernsthaft zu gefährden.
Sehen und Hören
Einen Menschen kann man erst dann richtig hören, wenn man ihn einmal gesehen hat.
Auf Augenhöhe
Die unangenehmste Eigenschaft von verbalem Schwachsinn ist, daß er in Hohlkopfkreisen rasend schnell inflationär wird. Besonders dann, wenn dieserart Hülsenfrüchte auf dem furchtbar fruchtbaren Mist der Minderwertigkeitsgefühle sprießen, gibt es schon bald kein Halten mehr.
So ist das auch mit der Wendung "auf Augenhöhe". Blauäugig erfunden, so will ich mal ohne genaue Kenntnis der Geburtsurkunde behaupten, von der Partei mit den drei Ablagerungen von Fliegendreck im Namen, die sich gerade einen Haufen Hämatome beim Überspringen der 5-Prozent-Hürde eingefangen hatte, aber "auf gleicher Augenhöhe" mit einer hochprozentigen Partei verhandeln wollte, nimmt dieser wortgewordene Minderwertigkeitskomplex inzwischen derart narzißtische und abstruse Formen an, daß es mir an der Zeit zu sein scheint, dem etwas entgegenzuhalten.
Pressemeldungen der letzten Tage: Delmenhorst ist mit dieser Ausstellung mit großen Museen auf Augenhöhe getreten, Pocher will mit Schmidt auf Augenhöhe zusammenarbeiten, MAN verhandelt auf Augenhöhe mit VW, Firstgate will auf gleiche Augenhöhe mit PayPal kommen, Langer ist auf Augenhöhe mit Woods, in Frankfurt kann man beim Wolkenkratzer-Fest per Ballon "auf Augenhöhe mit den Chefetagen" kommen. Im Zoo kommt man mit Gorillas oder Adlern auf Augenhöhe, und manchmal, wenn einer vergißt, den Käfig zuzumachen, anschließend mit den Ärzten im Klinikum, aber nur, wenn einer von denen Rollstuhlfahrer ist.
Selbst in der "Zeit" kann man solcherlei Bückwunschpoesie lesen: "Er dozierte, aber auf Augenhöhe."
Die Aufzählung ließe sich so lange fortsetzen, bis der nächste Stromausfall dem ein Ende setzt oder der Schlaf mich übermannt.
Bei alldem sollte man nicht vergessen: Im Lebensmittelgeschäft, und nicht nur dort, sind Waren in Augenhöhe teurer als Bückware.
So habe ich mich unlängst entschlossen, immer dann, wenn einer etwas von gleicher Augenhöhe sagt, zu fragen, ob er ein Fußbänkchen dabeihabe, das er mir leihweise überlassen könne. Solches Understatement wird gern angenommen.
Zum Schluß noch etwas Rätselhaftes aus der Rubrik Augenhöhe: "Vertreter des Kultusministeriums und Schulkritiker haben in Tübingen konferiert. Das Gespräch dauerte zwei Stunden und wurde an einem ovalen Tisch, also auf Augenhöhe, geführt."
Ich stelle mir das mal lieber nicht so arg detailliert vor.
Der schönste erste Satz
Lieber Leser, heutzutage schreibt nahezu jeder, der Finger hat und diese bewegen kann, einen Roman oder wenigstens eine Autobiographie und läßt ein Feuerwerk der Banalitäten und grammatikalischen Absonderlichkeiten, stilistischen Gewürges und von semantischem Unverständnis geprägten Wortschleims auf dich los; und da auch ich, gedrängt von meinen Freunden, mich dieser Unart nicht enthalten kann, habe ich mich entschlossen, einen autobiographischen Roman zu schreiben, dessen ersten Satz du gerade mit hoffentlich angemessener Begeisterung liest und den du, wie ich hoffe, beim Wettbewerb der Initiative deutsche Sprache und Stiftung Lesen als Kandidaten für den schönsten ersten Satz einreichen wirst – und weil ich dir dankbar bin, daß du mein Buch gekauft hast, soll dieser Satz nicht nur der erste meines Romans sein, sondern gleichzeitig der letzte, und ich überlasse es dir, die folgenden 556 Seiten, die ich für dich freigelassen habe, nach Belieben kalligraphisch oder schmierzettelig zu füllen: mit meiner Geschichte aus deiner Sicht, mit Liebesgedichten für deinen Dackel oder mit Grafiken konkreter Poesie.