Lyriost – Madentiraden

31.05.2007 um 09:14 Uhr

Tirade 115 – Wortfischerei

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 115 – Wortfischerei

Mir wachsen Flossen
beim Tauchen in Folianten
das Netz in der Hand

wenn nicht die Brille beschlägt
klärt sich der innere Blick

31.05.2007 um 07:26 Uhr

Zur Avantgarde

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Zur Avantgarde

Auf der Suche nach der Avantgarde muß man sich durch Müllberge kämpfen, die Schilder mit den Pfeilen und der Aufschrift "Zur Avantgarde" mißachtend, und durch die schäbigsten Türen in verlotterte Häuser treten. Einmal im Treppenhaus, lenke man die Schritte jedoch nicht nach oben, sondern wende sich zur Kellertreppe, und dann: "Viel Glück!"

31.05.2007 um 05:30 Uhr

Othello Morrison

von: Lyriost   Kategorie: Sonstiges

Othello Morrison

Als ich las, wie der am Kerzen-Leben verzweifelte Othello sagte: Tu aus das Licht, mußte ich unwillkürlich an Jim Morrison denken: "When The Music's Over": Turn out the light.

Doors

31.05.2007 um 02:59 Uhr

Deine Lakaien

von: Lyriost   Kategorie: Sonstiges

Deine Lakaien

Dank an den Vollmond, der bewirkte, daß ich nicht mehr schlafen konnte, aufstand und das Radio anschaltete. So lernte ich die Musik von "Deine Lakaien" kennen, von denen ich nie zuvor gehört hatte. Unglaublich gute Musik. Eine Offenbarung.

Deine Lakaien

30.05.2007 um 22:00 Uhr

Über das Denken

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Über das Denken

Ein großer Teil des Übels besteht darin, daß die meisten Holzwege keine Sackgassen sind. Wären unsere Holzwege Sackgassen, gäbe es Anlaß zur Hoffnung.

30.05.2007 um 12:14 Uhr

Als erster alles wissen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Rechtschreibung

Als erster alles wissen

"Behalten Sie den Überblick!" So wirbt "Die Zeit" für ihre Online-Ausgabe mit neuem Layout: "Als erster alles wissen."
Wie aber kann man als erster alles wissen, wenn die Wissensquelle es nicht weiß? Doch wer weiß schon alles?

Hier haben die Texter übersehen, daß die reformierte Rechtschreibung, trotz aller Hin-und-her-Reformierungen beim "Ersteren" ausschließlich Großschreibung vorsieht. Oder sollte diese Information noch nicht bis in die Redaktion vorgedrungen sein? In diesem Falle sollten die Redakteure "Die Zeit" lesen. Damit sie als erste alles erfahren. Oder als Erste, wenn man, wie "Die Zeit", reformiert schreibt.

30.05.2007 um 08:17 Uhr

Meinungsbildung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Meinungsbildung

Freie Meinungsbildung, soweit sie möglich ist, findet vor allem durch private Exkursionen ins eigene Denken statt, nicht so sehr durch Teilnahme am öffentlichen Diskurs, denn der Diskurs enthält zu viele interessengeleitete korruptive Elemente, und man findet sich, noch ehe man es richtig begreift, als zahlend empfangendes Mitglied eines der vielen Meinungskartelle wieder.

29.05.2007 um 18:34 Uhr

Schengener Journalismus

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Schengener Journalismus

Die News-Suche bei Google bringt es an den Tag: Der Durchschnittsjournalist hierzulande versteht sich in erster Linie als Angestellter einer Wiederaufbereitungsanlage für Agenturtexte, und die ganz Bequemen dieser Gattung winken solche Texte gar unverändert durch, als wären sie Zollbeamte, die einer Art Schengener Abkommen für Meldungen unterliegen.

29.05.2007 um 15:59 Uhr

Vom zweischneidigen Reiz des Geizes

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Vom zweischneidigen Reiz des Geizes

"Geiz ist geil", das erste Gebot aller Hobbybuchhalter in Knickerbockern, mag ja für eine Weile einen gewissen Unterhaltungswert haben, aber die Geizigen sind nicht lange glücklich mit dieser Maxime, denn wenn die Knausermenschen je ein wenig sexy gewesen sind, bleibt bald nichts mehr davon übrig.

Und auch wenn sie selbst so geil sind wie ihr Geiz, werden sich die meisten anderen bald angewidert von ihnen abwenden, als wäre ihr Billig-T-Shirt ein schmutzige Unterhose. Der Geizige ist so unsexy wie ein Sack Rindenmulch.

29.05.2007 um 07:20 Uhr

Kritiker

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Kritiker

Ein Kritiker sollte stets ein wenig klarsichtiger sein als der Kritisierte, denn ein Großteil der Kritik ist bei genauerer, lichtunterstützter Betrachtung nichts anderes als ein entzückendes Nebelschauspiel, sieht man doch, wie so mancher Nebelkerzen in den Nebel wirft, als wolle er sagen: Mein Nebel ist der interessantere.

Hat man keine intellektuelle Windmaschine zur Verfügung, ist es besser, man wartet, bis der Nebel sich von allein verzogen hat oder andere ihren Argumentationsfön in Gang gebracht haben. Dann kann man in aller Ruhe die hellsichtige Kritik der anderen paraphrasierend nachplappern.

28.05.2007 um 21:19 Uhr

Pfingsten in Berlin

von: Lyriost   Kategorie: Fotos

Karneval der Kulturen

28.05.2007 um 10:10 Uhr

Erfolg

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Erfolg

Erfolg ist nicht nur appendizischer Ausdruck der Sinnlosigkeit – nämlich Folge des Suchens nach Sinn –, sondern gleichzeitig ihr ironischer Kommentar, denn Erfolg ist niemals von Erfolg gekrönt. Bestenfalls ist er so etwas wie die Wegzehrung auf dem Marsch nach irgendwo. An den Rändern dieses Weges aber liegen überall die leeren Tüten unserer Vorgänger.

25.05.2007 um 20:18 Uhr

Journalismus

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Journalismus

Den verängstigten Journalisten, den allzu satten Wortbeamten, denen zu Bloggern nichts anderes einfällt, als sie als Gelegenheitsrülpser zu diffamieren, weil einige von diesen ihnen in Zukunft vielleicht die Butter auf dem Brot dünnkratzen könnten, kann ich nur raten, sich ein wenig mehr von ihren Beschreibungsobjekten zu entfernen, damit es sich wieder lohnt, eine Zeitung zu kaufen.

Unkritischen Hofjournalismus gibt es viel zu viel, und es ist wünschenswert, daß der ebenso verschwindet wie die phantasiefreien Marketingstrategen ihrer selbst oder ihrer Verlage und deren Werbungssponsoren, die uns mit ungrammatischer Hülsenkost zupflastern.

Wenn der klassische Journalismus sich nicht wandelt, wird er langfristig verschwinden. Im Augenblick aber gibt es noch nicht genug professionelle journalistische Blogs, um den traditionsreichen Medienzirkus ernsthaft zu gefährden.

 Handelsblatt-Weblog

24.05.2007 um 12:18 Uhr

Sehen und Hören

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Sehen und Hören

Einen Menschen kann man erst dann richtig hören, wenn man ihn einmal gesehen hat. 

22.05.2007 um 16:53 Uhr

Auf Augenhöhe

von: Lyriost

Auf Augenhöhe

Die unangenehmste Eigenschaft von verbalem Schwachsinn ist, daß er in Hohlkopfkreisen rasend schnell inflationär wird. Besonders dann, wenn dieserart Hülsenfrüchte auf dem furchtbar fruchtbaren Mist der Minderwertigkeitsgefühle sprießen, gibt es schon bald kein Halten mehr.

So ist das auch mit der Wendung "auf Augenhöhe". Blauäugig erfunden, so will ich mal ohne genaue Kenntnis der Geburtsurkunde behaupten, von der Partei mit den drei Ablagerungen von Fliegendreck im Namen, die sich gerade einen Haufen Hämatome beim Überspringen der 5-Prozent-Hürde eingefangen hatte, aber "auf gleicher Augenhöhe" mit einer hochprozentigen Partei verhandeln wollte, nimmt dieser wortgewordene Minderwertigkeitskomplex inzwischen derart narzißtische und abstruse Formen an, daß es mir an der Zeit zu sein scheint, dem etwas entgegenzuhalten.

Pressemeldungen der letzten Tage: Delmenhorst ist mit dieser Ausstellung mit großen Museen auf Augenhöhe getreten, Pocher will mit Schmidt auf Augenhöhe zusammenarbeiten, MAN verhandelt auf Augenhöhe mit VW, Firstgate will auf gleiche Augenhöhe mit PayPal kommen, Langer ist auf Augenhöhe mit Woods, in Frankfurt kann man beim Wolkenkratzer-Fest per Ballon "auf Augenhöhe mit den Chefetagen" kommen. Im Zoo kommt man mit Gorillas oder Adlern auf Augenhöhe, und manchmal, wenn einer vergißt, den Käfig zuzumachen, anschließend mit den Ärzten im Klinikum, aber nur, wenn einer von denen Rollstuhlfahrer ist.

Selbst in der "Zeit" kann man solcherlei Bückwunschpoesie lesen: "Er dozierte, aber auf Augenhöhe."

Die Aufzählung ließe sich so lange fortsetzen, bis der nächste Stromausfall dem ein Ende setzt oder der Schlaf mich übermannt.

Bei alldem sollte man nicht vergessen: Im Lebensmittelgeschäft, und nicht nur dort, sind Waren in Augenhöhe teurer als Bückware.

So habe ich mich unlängst entschlossen, immer dann, wenn einer etwas von gleicher Augenhöhe sagt, zu fragen, ob er ein Fußbänkchen dabeihabe, das er mir leihweise überlassen könne. Solches Understatement wird gern angenommen.

Zum Schluß noch etwas Rätselhaftes aus der Rubrik Augenhöhe: "Vertreter des Kultusministeriums und Schulkritiker haben in Tübingen konferiert. Das Gespräch dauerte zwei Stunden und wurde an einem ovalen Tisch, also auf Augenhöhe, geführt."

Ich stelle mir das mal lieber nicht so arg detailliert vor.

22.05.2007 um 13:38 Uhr

Damoklesschwert

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Damoklesschwert

Wenn das Damoklesschwert über deinem Kopf von einem dicken Haar aus hochwertigem Kunststoff gehalten wird statt von einem dünnen Pferdehaar, läßt es sich darunter eine Weile unbeschwert leben, aber nur dann, wenn du dich nicht zu ausgiebig mit dem Thema Materialermüdung beschäftigst.

22.05.2007 um 08:39 Uhr

Von Bärten und Bärtchen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Von Bärten und Bärtchen

Vor über 25 Jahren hatte ich mal für längere Zeit einen Vollbart, so einen richtig langen. Damals habe ich mich nicht gefragt, wozu das gut sein soll: Sicher war es ein wenig politischer Personalausweis und unterschwellig das beste Mittel, den lästigen Akt des Rasierens zu vermeiden.

Als der Bart eines Tages fiel, habe ich das als ungeheure Befreiung empfunden, und mir wurde klar, daß ein Vollbart in erster Linie ein Versteck für das Gesicht ist und etwas für ökologisch Bewegte, denen die Pflege seltener Pflanzen und Tierarten am Herzen liegt.

Die Bärtchen, die heute allüberall zu sehen sind, dienen dagegen hauptsächlich dem Zweck, die Aufmerksamkeit der Betrachter auf sich zu ziehen und von den Gesichtern der Träger abzulenken.

Es gibt viele Arten, sich zu verstecken.

21.05.2007 um 04:32 Uhr

Der Abend der Nacht

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Der Abend der Nacht

Die Stadt erbrummt
die Sterne gehen schlafen
nur einer hält noch Wacht
ex oriente lux
vorm Frühstück Aufruhr
im Amselkindergarten
Plapp-plapp Gefiederschütteln
Zitternd gähnen die Würmer

19.05.2007 um 10:36 Uhr

Tirade 114 – Blutleere

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 114 – Blutleere

Die Ruhestätte
der ewigen Weisheiten
zwischen Buchdeckeln

der Kluge wendet sich ab
blutloses Blätterrascheln

18.05.2007 um 08:47 Uhr

Der schönste erste Satz

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Der schönste erste Satz

Lieber Leser, heutzutage schreibt nahezu jeder, der Finger hat und diese bewegen kann, einen Roman oder wenigstens eine Autobiographie und läßt ein Feuerwerk der Banalitäten und grammatikalischen Absonderlichkeiten, stilistischen Gewürges und von semantischem Unverständnis geprägten Wortschleims auf dich los; und da auch ich, gedrängt von meinen Freunden, mich dieser Unart nicht enthalten kann, habe ich mich entschlossen, einen autobiographischen Roman zu schreiben, dessen ersten Satz du gerade mit hoffentlich angemessener Begeisterung liest und den du, wie ich hoffe, beim Wettbewerb der Initiative deutsche Sprache und Stiftung Lesen als Kandidaten für den schönsten ersten Satz einreichen wirst – und weil ich dir dankbar bin, daß du mein Buch gekauft hast, soll dieser Satz nicht nur der erste meines Romans sein, sondern gleichzeitig der letzte, und ich überlasse es dir, die folgenden 556 Seiten, die ich für dich freigelassen habe, nach Belieben kalligraphisch oder schmierzettelig zu füllen: mit meiner Geschichte aus deiner Sicht, mit Liebesgedichten für deinen Dackel oder mit Grafiken konkreter Poesie.

Satz