Keine Ruh im Wortall
Keine Ruh im Wortall
Wo die Schnecke Spuren schleimt
finden Wortebieger Klänge
schaffen wüste Wahngesänge
nichts hat je sich ausgereimt
Keine Ruh im Wortall
Wo die Schnecke Spuren schleimt
finden Wortebieger Klänge
schaffen wüste Wahngesänge
nichts hat je sich ausgereimt
Lenaus "Faust"
Seit ich zum ersten Mal Nikolaus Lenaus Version des "Faust" las, verblaßte für mich der ganze mythologisch überfrachtete Goethe-"Faust" zu einer Art metaphysischem Tranquilizer für religiöse Esoteriker und zu einer harmlosen Quelle für geflügelte Worte. Das mag ungerecht sein, aber ich habe es so empfunden. Wo Goethe das Göttliche suchend herumirrt, kommt Lenau schnell zur Sache und auf den Punkt:
Du böser Geist heran, ich spotte dein!
Du Lügengeist ich lache unserm Bunde,
Denn nur der Schein geschlossen mit dem Schein, hörst du,
Wir sind getrennt von dieser Stunde.Zu schwarz und bang,
Ich bin ein Traum,
Als dass ich wesenhaft,
Bin ich ein Traum,
Entflatternd deiner Haft.
Mit Lust und Schuld und Schmerz,
Und träume mir
das Messer in das Herz.
Halbe Wahrheit
Die halbe Wahrheit ist stets eine ganze Lüge. Und die ganze Wahrheit eine halbe Lüge.
Marx
Es kommt oft vor, daß einer ein guter Diagnostiker ist, aber ein schlechter Therapeut.
Marx' politökonomische Diagnose des Kapitalismus hat nach wie vor Gültigkeit, nach der richtigen Pille muß aber noch geforscht werden. Möglicherweise gibt es keine, und wir müssen mit dem Kapitalismus leben, da der eigennützige Mensch nun einmal ist, wie er ist, und weil die materialistische Grundannahme, das gesellschaftliche Sein bestimme das Bewußtsein, falsch oder zumindest viel zu simpel gedacht ist. Als Philosoph hat mich Marx mit seiner umgekehrten Hegelei nie überzeugt.
Bemerkenswert finde ich, daß Marx entgegen dem engstirnigen nationalistischen Denken seiner Zeit bereits damals den Trend zur Globalisierung wahrgenommen hat. Außerdem von Bedeutung und nach wie vor wichtig: die Anwendung des philosophischen Begriffs "Entfremdung" auf die Arbeitsprozesse.
Daß überall auf der Welt kleingeistige Hampels versucht haben, sich mit Hilfe verführter Massen aus Marxens Theorie ein die Bourgeoisie nachäffendes Funktionärsschlaraffenland zu basteln, spricht nicht gegen die diagnostische Qualität der Theorie, sondern zeigt uns, daß in jeder Theorie, besonders der systematischen, die leicht zur Dogmatik verkommt, der Mißbrauch schlummert, weil der Mensch, s.o., eben so ist, wie er ist: auf seinen Vorteil bedacht.
Marx als Mensch war wohl, wie man hört, auch nicht gerade ein vorbildlicher Charakter. Aber wer ist das schon.
Das Ich und das Selbst
In einem Gespräch über den Leib malte jemand ein schönes metaphorisches Bild:
Der Leib ist das Orchester und die Organe sind die Instrumente der Seele.
Der Dirigent ist das Selbst.
Der Komponist das unsterbliche ICH.
Die Musik selbst die himmlische Äußerungsform des transzendenten Seins.
Der Zustand des Todes die Stufe zum Belegen neuer Dirigier- und Kompositionskurse.
Der Schlaf das Konzert.
Wachsein das fleißige Üben von Etüden.
Und die Geburt ein wiederkehrendes Debüt mit neu gestimmten Instrumenten.
Ich schlug daraufhin vor, Selbst und Ich auszutauschen. Damit war er nicht einverstanden.
Hier die Begründung meines Vorschlags:
Wo anfangen? Ganz grob vereinfacht: Wie Sie wissen, gibt es mehrere Stränge der abendländischen Philosophie, die, ausgehend von Platon, zu ganz unterschiedlichen Ich-Konzepten geführt und unser Denken über uns und unser Inneres geprägt haben.
Die eine Linie führt über Aristoteles, aber auch Plotin zur Patristik und zu den Scholastikern, natürlich mit vielen Brüchen und Widersprüchen hin zu Descartes und Kant usw., die andere von den Vorsokratikern über Platon/Sokrates mit vielen Zwischenstufen und Richtungen über Kant zu Schopenhauer und Nietzsche, Bergson und Freud.
Daneben gibt es natürlich unzählige andere Konzepte und nicht zu vergessen die Philosophie des Ostens mit Nagarjuna, Laotse usw. Die Ich- Konzepte all dieser Richtungen sind unterschiedlich, und das gleiche gilt für die Vorstellung einer "Seele". Welches dieser Konzepte wollen wir nun zugrunde legen?
All die Bezeichnungen wie Seele, Ich, Ego, Selbst, Geist, Bewußtsein müssen wir erst einmal definieren, um über die von Ihnen gewählte poetisch-metaphorische Ebene hinauszukommen. Bei diesen Definitionsversuchen werden wir große Schwierigkeiten bekommen, uns zu einigen, da Ihr Denken, wie ich vermute, eher den aristotelisch-cartesianischen Pfaden folgt, während meines wohl stärker von den voluntaristischen und den östlichen Vorstellungen geprägt ist.
Für mich ist das Ich etwas Vergängliches, eine Ausprägung dessen, was ich als Subjekt bezeichnen möchte, das, was alles sieht und von niemandem gesehen wird, und das unvergänglich ist. Das Selbst ist das, was die unterschiedlichen Teile des Ich zusammenhält, das Subjekt-Ich, das Ich-Objekt, also den materiellen Leib, wobei das, was Sie Seele nennen, das Subjekt-Ich ist, das Unsterbliche im Gegensatz zum principium individuationis.
Das Ich ist sterblich, die Kraft aber, die das Ich, aber nicht nur das Ich, sondern alle Erscheinungsformen des Seienden zur Existenz zwingt, ist ewig. Das Ich ist nur geborgt, aber gleichzeitig notwendig, damit das Subjekt seiner selbst in einer Erscheinungsform gewahr werden kann.
Ich hoffe meine kurze, grobe Skizze verdeutlicht Ihnen, weshalb ich die Degradierung des Ich vorgeschlagen habe.
zeit.de
Mensch und Religion
Der Mensch ist das Tier, das sich wunderte. Und als seine äußere, physische Existenz im Kampf mit den anderen Tieren, mit Wind und Wetter einigermaßen gesichert erschien und er mal etwas Zeit zum Nachdenken hatte, erwachte in ihm – oder vielmehr schob sich ihm ins Bewußtsein – das, was wir das metaphysische Bedürfnis nennen und das ihm tief eingeschrieben ist, ob es nun immerzu bewußt wird oder nicht, ein tiefverwurzelter Wunsch nach Erklärung seines Daseins.
So entstanden Kosmogonien, Schöpfungsmärchen, religiöse Schriften, Tempel und Kirchen, Pagoden und Moscheen und mit ihnen Berufsweise und Priesterkasten, denn das Leben war schon zu diesen Zeiten sehr hart und mühsam, und es gab, wie heute auch noch, Menschen, die erkannten, daß das metaphysische Bedürfnis nach Befriedigung strebt und einer, der erbauliche Geschichten zu erzählen weiß, von harter Feldarbeit freigestellt wird, wenn er die andern des Abends um sich sammelt und beim Verbrennen von allerlei Kräutern berichtet vom Ursprung und vom Sinn allen Seins.
Das Ganze setzt sich, trotz aller säkularisierenden Zwischenspiele bis heute, rituell manchmal verfeinert und ausdifferenziert, fort, denn die Ersatzreligion Wissenschaft schafft es nicht, das Bedürfnis des Menschen nach Aufklärung über die Grundlagen seiner Existenz zu befriedigen.
Daß Religionen ihren Einfluß auf die Menschen nutzen, um
ethische Regeln aufzustellen und deren Einhaltung zu überwachen, ist
ein häufig positiver, aber manchmal, je nach Regelwerk, auch negativer
Nebeneffekt.
Vom Menschentum
Ein "Gutmensch" ist einer, der allein durch seine Existenz und seine
Meinungsäußerungen dem, der gerne von sich glaubt, er wäre ein guter
Mensch, deutlich macht, daß er damit auf dem Holzweg ist. Da der
selbsternannte "gute Mensch" so dauerhaft in seiner angenehmen, sich
selbst verherrlichenden Selbstwahrnehmung beeinträchtigt wird, bleibt
ihm nichts anderes übrig, als den "Gutmenschen" als Dumm-Menschen zu
betrachten und zu diffamieren. Der gute Mensch ist immer klug wie er
selbst, denkt sich unser "guter Mensch", und der "Gutmensch" kann also,
da er ja nun mal mit einer gewissen Dümmlichkeit behaftet ist, nur ein
schlechter Mensch sein. So ist alles wieder im Lot, und es kann erneut
heißen: "Spieglein, Spieglein an der Wand ..."
Der kleine Mann
Warum fühlt sich der kleine Mann so klein? Er betrachtet sich zu oft in den großen Spiegeln, die man ihm hinstellt.
Zumutung
Viele Menschen kann man allein dadurch verunsichern, daß man sie
anlächelt, daß man ihnen ein Lächeln zumutet. Es erweckt ihren Unmut, denn sie vermuten böse Absicht dahinter. Und oftmals haben sie
gar nicht unrecht mit ihrer Vermutung.
Arroganz des Wissens
Da es vielfältige Erscheinungsformen des Hochmutes gibt, mit denen jeder je nach Stellung und Einstellung mehr oder weniger konfrontiert ist – etwa die Arroganz der wirtschaftlich Mächtigen, der Herkunftshochmütigen, der politisch Einflußreichen, der Prominenten und mit körperlichen Vorzügen Gesegneten oder Gestraften, kurz: aller, die etwas besitzen, was anderen fehlt –, und diese Formen einer gesonderten Betrachtung bedürfen, die ich hier nicht leisten mag, möchte ich mich auf eine Art des Hochmutes konzentrieren, die sich von den andern hier genannten Erscheinungsformen unterscheidet: die Arroganz des erfahrungsgesättigten Wissens.
Nicht ererbt, nicht durch Beziehungen zugeschustert, sondern im tätigen Austausch mit der Außenwelt erworben, scheint es zumindest auf den ersten Blick etwas zu sein, das sich ein jeder erarbeiten kann, wenn er nur willens ist. Die Rede ist hier nicht von formaler Bildung, die nicht selten nichts anderes ist als Titelgenerierung und die bekanntlich leichter erworben wird, wenn es in der Herkunftsfamilie nicht an Geldern und akademischen Traditionen mangelt. Nein, ich meine den einzelnen Menschen, der sich bildet, indem er lernt aus den Erfahrungen, die er macht, aus den Büchern, die er liest, aus den kulturellen Angeboten, die er wahrnimmt, und aus den emotionalen und intellektuellen Interaktionen mit anderen Menschen.
Jeder, der das eine Weile wirklich intensiv betreibt, spürt, wie er innerlich bereichert wird, wie er wächst und gedeiht und sich zu einer Persönlichkeit entwickelt.Und da der Mensch dazu neigt, sich mit anderen zu vergleichen, wird unser bewußter Lerner bald bemerken, daß er ein immer deutlicheres Bild von seiner Umgebung und sich selbst bekommt. Aber wenn er ehrlich mit sich selbst ist, wird er gleichzeitig intensiv wahrnehmen, daß sein Wissen zwar immens wächst, aber dennoch niemals ausreicht, um die wesentlichen Grundlagen seiner Existenz auch nur annähernd zu erfassen.
Nach einigen Jahrzehnten, in denen er gelernt und beim Erwerb formaler Qualifikationen erfahren hat, daß es im Wissenschaftsbetrieb ähnlich zugeht wie auf Pariser Laufstegen von Haute Couture und Prêt-à-porter und auch der Hegel in der "Phänomenologie des Geistes" nur mit Wasser gekocht hat, dazu mit ziemlich schmutzigem, betrachtet er die universitären und die öffentlichen Diskurse mit viel weniger ehrfurchtsvollem Blick als vordem und sieht, wenn er in den Spiegel schaut, den Anflug eines spöttischen Lächelns, den er bislang noch nicht von sich kannte. Wenn er auch ein wenig erstaunt ist über diesen neuen Zug in seinem Gesicht, sieht er doch keinen Grund, beschämt zu sein, denn von Hochmut ist er weit entfernt, auch wenn er bisweilen ein wenig belustigt ist über die Ernsthaftigkeit, mit der um die Relevanz von Fußnoten gestritten wird.
Gerät unser erfahrener Lerner, nennen wir ihn N., etwa in eine Diskussion, bei der von Platons "Höhlengleichnis" die Rede ist, bei dem jemand ins Licht des Vollmondes gezerrt wird, wird N., wenn es sich ergibt, vielleicht beiläufig anmerken, es handle sich nicht um den Mond, sondern die Sonne, und der gewaltsame Vorgang sei nicht so ohne weiteres mit plötzlicher Befreiung gleichzusetzen.
Wenn auch die offensichtlich nicht übermäßig gutinformierten Diskutanten nach einigem störrischen Zögern einräumen, es könne sein, daß bei Platon tatsächlich die Sonne geschienen habe, so erklären sie vehement, man wolle bezüglich der gewaltsamen Befreiung keinerlei Abstriche machen. Warum nicht, das sagen sie jedoch nicht und wenden sich dem Türhütergleichnis im "Prozeß", der Tagespolitik oder ihrem Bierchen zu. Oder jemandem, der bescheiden und interessiert erklärt, noch nie etwas vom "Höhlengleichnis" gehört zu haben, und über dessen Unwissenheit sie sich wunderbar amüsieren können.
Unser N. geht seiner Wege, aber er wird, wenn er das nächste Mal mit solchen Blendern zu tun hat, ein wenig mehr sagen als nur Beiläufiges, vor allem dann, wenn die Halbgebildeten ihre gute Laune nicht aus der Befriedigung über die eigene Denkleistung ziehen, sondern aus der Uninformiertheit anderer. Und er spürt in sich etwas wachsen, das er gleichermaßen begrüßt wie auch verabscheut: Arroganz des Wissens.
Gleichzeitig weiß er aber auch, daß er dieses Gefühl nur wirksam werden lassen wird, wenn es auf seinesgleichen trifft.
Tirade 126 – Wie Messer
Schneidende Syntax
wie Messer im Morgenbrot
sanft aber kräftig
in der Ferne der Donner
der groben Wortkanonen
Kriminalgeschichte
Das Kompositum "Kriminalgeschichte" ist ein pleonastisches Gebilde. Da die meisten jedoch mehrere Maßstäbe in der Tasche haben – einen für sich selbst und alles, was ihnen lieb ist, und einen für andere –, sieht es manchmal so aus, als sei der kriminelle Antrieb der weltgeschichtlich Gestaltenden nicht breit gestreut, sondern in bestimmten Lagern, Gruppen, Religionen, Parteien, Ländern konzentriert. Die Guten und die Bösen. Wenn es so einfach wäre ...