Lyriost – Madentiraden

29.04.2008 um 07:51 Uhr

Soziolektale Eleganz

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Soziolektale Eleganz

Beamtendeutsch ist Juristendeutsch light. Juristendeutsch ist soziolektales Stolpern auf dem schmalen Grat zwischen Realsprache und Amtsstubendialekt.

Die ZEIT

28.04.2008 um 20:38 Uhr

Konformisten und Nonkonformisten

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Konformisten und Nonkonformisten

Ein Nonkonformist ist einer, der nicht im Traum auf die Idee käme, sich als Nonkonformisten zu bezeichnen. Jemand, der sich selbst als Nonkonformisten tituliert, ist ein Konformist, der sein Spiegelbild betrachtet.

27.04.2008 um 10:33 Uhr

Problem

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Problem

Wer glaubt, alle Probleme ließen sich irgendwie lösen, der hat ein nicht lösbares Problem.

26.04.2008 um 08:43 Uhr

Beziehung und Unabhängigkeit

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Beziehung und Unabhängigkeit

Das übersteigerte Bestreben nach möglichst vollständiger Unabhängigkeit hat zwar utopischen Charakter, denn der Gedanke, eine solche Unabhängigkeit des einzelnen sei auch nur annähernd machbar, ist eine der vielen Illusionen unserer illusionsgesättigten Gesellschaft, aber dieser weitverbreitete Wunsch höhlt viele Beziehungen zwischen den Menschen aus. Wer niemand anderen mehr zu brauchen glaubt und auch selbst nicht gebraucht werden will, der betrachtet die Beziehungen zu anderen Menschen mehr und mehr als eine Art Dienstleistungs-Konsumartikel. Ebenso wie man ins Kino gehen kann, aber nicht muß, nimmt man eine temporäre Beziehung auf – oder auch nicht. Kommen und Gehen nach Gusto und Belieben. Alles in eigener Verantwortung, aber nur noch für sich selbst. 

22.04.2008 um 17:01 Uhr

Stimmungen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Stimmungen

Es sollte im Leben nicht darum gehen, eine mittlere Stimmungslage zu finden, mit der man sich identifiziert und die über einen möglichst langen Zeitraum beizubehalten versucht wird. Das reiche Leben ist eines, das alle Stimmungen, von der Verzweiflung über die Melancholie bis hin zum höchsten Glücksempfinden, voll ausschöpft.

22.04.2008 um 16:34 Uhr

Muhilieren

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Muhilieren

Wie mir zugetragen wurde, hat mein Neuverb "muhilieren", eine Kontamination aus den Verben "muhen" und "jubilieren", das für die Verbindung der Perzeption animalischen Erlebens und der daraus folgenden menschlichen Verzückung steht, Anklang gefunden, und so sei es hiermit offiziell in die deutsche Sprache aufgenommen.


Präsens

ich muhiliere
du muhilierst
er, sie, es muhiliert
wir muhilieren
ihr muhiliert
sie muhilieren

Präteritum

ich muhilierte
du muhiliertest
er, sie, es muhilierte
wir muhilierten
ihr muhiliertet
sie muhilierten

Perfekt

ich habe muhiliert
du hast muhiliert
er, sie, es hat muhiliert
wir haben muhiliert
ihr habt muhiliert
sie haben muhiliert

Plusquamperfekt

ich hatte muhiliert
du hattest muhiliert
er, sie, es hatte muhiliert
wir hatten muhiliert
ihr hattet muhiliert
sie hatten muhiliert

Futur I

ich werde muhilieren
du wirst muhilieren
er, sie, es wird muhilieren
wir werden muhilieren
ihr werdet muhilieren
sie werden muhilieren

Futur II

ich werde muhiliert haben
du wirst muhiliert haben
er, sie, es wird muhiliert haben
wir werden muhiliert haben
ihr werdet muhiliert haben
sie werden muhiliert haben

22.04.2008 um 16:13 Uhr

Nichtkantianische Mondschaf-Variante

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Nichtkantianische Mondschaf-Variante

Das Mondschaf blökt im Donnerhall
und zittert zag im Blitzetakt
es sehnt sich still nach seinem Stall
und nach dem warmen Liebesakt

22.04.2008 um 12:25 Uhr

Gott und der Eimer

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Gott und der Eimer

Gott nahm den Eimer in die Hand
und schüttete die Zeit in Raum
dem Ganzen fehlte nur Verstand
nun wachen wir in Gottes Traum

21.04.2008 um 11:40 Uhr

Schwarzreden

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Schwarzreden

Man kann die Dinge so lange schwarzreden, bis das graue Hemd, das man anhat, weiß zu sein scheint. Man kann aber auch gleich ein weißes Hemd anziehen. Dann erhält man für sich einen wirklichen Kontrast und erkennt die Schattierungen in den Dingen. Und wenn man sich dann mal schmutzig macht, merkt man sofort, daß man selbst auch dazugehört.

20.04.2008 um 10:44 Uhr

Wissen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Wissen pro Pfund

Alles elementare Wissen kommt aus der Tiefe wie das Öl, aber wird nicht in Barrel, Kubikmeter oder Liter, sondern in Pfund gemessen. Und niemand kann mehr als ein Pfund erwerben. De profundis, das profunde Wissen. Grammweise relativ preiswert, aber pro Pfund unbezahlbar.

20.04.2008 um 09:29 Uhr

Idee

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Idee

Wer keine Idee hat, muß sich etwas einfallen lassen.

18.04.2008 um 11:46 Uhr

Der aufregendste Ort

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Der aufregendste Ort

Der aufregendste Ort ist da, wo Himmel und Hölle zusammenfallen, wo die Kühe muhilieren. Leider können wir uns dort immer nur kurz aufhalten – allzu kurz.

17.04.2008 um 13:34 Uhr

Diogenes und die Linsen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Diogenes und die Linsen

 

Neulich wurde ich nach meiner Lieblingsanekdote gefragt. Hier ist sie:

Der griechische Philosoph Diogenes saß auf dem Boden und wusch Linsen, als der Philosoph Aristipp vorbeikam und Diogenes bemerkte. Damals gab es in Athen kein billigeres Essen als Linsen, und eine linsenreiche Speisekarte war Ausdruck von äußerster Armut.

Von Diogenes wußte man, daß er sich hauptsächlich von Linsen ernährte. Aristipp jedoch hatte es nicht zuletzt durch seine Schmeicheleien dem König gegenüber zu Wohlstand gebracht. Aristipp sagte von oben herab: "Diogenes, wenn du lerntest, etwas bescheidener und ehrehrbietiger zu sein und dem König ein wenig zu schmeicheln, dann müßtest du nicht immer nur Linsen essen."

Diogenes blickte schelmisch zu dem wohlhabenden Gesprächspartner herauf (oder besser herab) und erwiderte: "Ach, Aristipp. Wenn du gelernt hättest, Linsen zu waschen, müßtest du nicht dem König schmeicheln."

16.04.2008 um 07:36 Uhr

Das Ticken der Bomben

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Das Ticken der Bomben

Der Optimist sagt: Es ist fünf vor zwölf. Der Pessimist ist eher der Meinung, es sei schon fünf nach. Ist es nicht in Wirklichkeit so, daß die meisten Bomben zu allen Zeiten ticken und keiner weiß, wann und wo welche Bombe losgeht?

16.04.2008 um 06:18 Uhr

Ankündigen

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Ankündigen

Man sollte ein Vorhaben nicht zu oft und zu wortreich ankündigen, sonst ist keiner mehr da, wenn es endlich sichtbar wird.

Aflaton

Iron Butterfly: In-A-Gadda-Da-Vida, Part 1

Part 2

16.04.2008 um 00:26 Uhr

Die Erde und das Brett

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Die Erde und das Brett 

Besonders Konstrukteure von Flachgedankengebäuden halten es für "Ironie", wenn sie auf einen Einwand, den sie nicht verstehen, mit der Bemerkung reagieren: ... und die Erde ist eine Scheibe. Man unterstellt anderen auf diese Weise Einfalt, ohne sich selbst der Mühe (bei genauerer Betrachtung wäre es oftmals eine vergebliche) zu unterziehen, auf den Einwand inhaltlich einzugehen. In solchen Fällen pflege ich zu sagen: Die Erde nicht, wie jeder sehen kann, aber wohl das Brett vor deinem Kopf. Aber daß das Brett eine Scheibe ist, können nur andere sehen, du selbst jedoch nicht.

15.04.2008 um 18:39 Uhr

Bauchargumentation

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Bauchargumentation

Menschen mit direkt ans Gehirn angeschlossenen Ohren erleben Bauchargumentation häufig als mehr oder weniger stilvolles Rülpsen. 

15.04.2008 um 14:07 Uhr

Über Querulanten

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Über Querulanten

Im Gegensatz zum Querdenker ist der Querulant meistens ein einsamer Mensch, der versucht, seiner Einsamkeit auf aggressive Weise zu entkommen oder wenigstens einen Grund für seine Einsamkeit zu finden, indem er andere zu ebenfalls aggressiven Gegenreaktionen zu verleiten trachtet. Gelingt dies, dann kann sich der querulus einsam wähnen, weil die andern so aggressiv sind. Der Querulant ist eine Art aggressiver Aggressionsprophet.

15.04.2008 um 12:19 Uhr

Tirade 128 – Unverstanden

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 128 – Unverstanden

Die schnellen Nicker
unverstanden verstehen
glückliches Völkchen

wenn die Wörter sich biegen
kräuseln zu Hirnenfalten

14.04.2008 um 14:25 Uhr

Tirade 127 – Der Gänger

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 127 – Der Gänger

Verschwunden im Schnee
verstreut die Hieroglyphen
fast heiterer Totentanz

unter der Wörterlupe
die Farbe grauer Bilder

 

Der letzte Spaziergang