Lyriost – Madentiraden

29.12.2008 um 12:00 Uhr

Unterdrückung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Unterdrückung

Viele Konflikte entstehen dadurch, daß jene, die glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein, aber nicht die Macht haben, andere zu unterdrücken und die eigene Wahrheit anderen gewaltsam aufzuzwingen, dazu neigen, sich selbst als ungerecht Behandelte und Unterdrückte zu betrachten. Was in gewisser Weise sogar zutreffend ist, wenn man es als Unterdrückung betrachtet, jemanden daran zu hindern, seinen totalitären Neigungen entsprechend zu leben.  

29.12.2008 um 10:02 Uhr

Luftpost aus Israel

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Luftpost aus Israel

Nachdem Hamas-Aktivisten Israel in einer Art Kassam-Luftflaschenpost in allgemeinverständlicher Sprache über längere Zeit höflich um eine neue Diskussionsrunde zu beiderseitig interessierenden Fragen gebeten hatten, hat Israel nun kurzfristig eine Informationsveranstaltung zum Existenzrecht des jüdischen Staates abgehalten, wenngleich nicht, wie von der Hamas erhofft, auf arabisch, sondern ebenfalls in einer Sprache, die von jedem zu verstehen ist. Man mag das unhöflich finden, aber verständlich ist es allemal.

24.12.2008 um 00:57 Uhr

Fußnoten

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Fußnoten

Am klarsten denkt es sich ohne Fußnoten. Sie behindern das eigene Denken wie Stiefel das Laufen auf einer Wiese.

20.12.2008 um 15:16 Uhr

Geld und Macht

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Geld und Macht

Wer viel Geld hat, neigt dazu, dieses zu benutzen, um zu noch mehr Geld zu kommen. Oder er versucht, mit diesem Geld zu Macht zu gelangen, um seine gesellschaftspolitischen oder anderen Idealvorstellungen in die Wirklichkeit umzusetzen. Wer viel Macht hat, neigt dazu, diese Macht zu mißbrachen, um an (noch mehr) Geld oder noch mehr Macht an sich zu reißen. Wem's gefällt.

Die Zeit 

20.12.2008 um 10:56 Uhr

Narrenkappen

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Narrenkappen

Narrenkappen gibt es in vielen Farben. Und wenn die Kappe nicht ganz dicht ist, muß man dichten.

19.12.2008 um 10:15 Uhr

Immer nie

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Immer nie

Manche sind immer nie besonders klug. Daran wird sich nie was ändern. Das war schon immer so.

19.12.2008 um 08:51 Uhr

Intellektuelle und Philosophen

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Intellektuelle und Philosophen

Während der Intellektuelle scheinbar verschämt abwinkt, wenn man ihn als Philosophen bezeichnet, und seine Gesichtsfarbe wegen der durchblutungsfördernden Schmeichelei von vornehmer Blässe in einen sanften Rotton wechselt, wird der Philosoph wütend und knallrot, wenn man ihn als Intellektuellen enternstet. Das ist der Unterschied.

Die Zeit

18.12.2008 um 10:42 Uhr

Vom Wert der Religionen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Vom Wert der Religionen

Michael Novak, Katholik und amerikanischer Religionswissenschaftler und Gesellschaftstheoretiker aus Pennsylvania, sagt zur religiösen Motivation amerikanischer Soldaten: "In den am stärksten religiös geprägten Teilen Amerikas gibt es einen stärkeren Willen, zum Militär zu gehen, und auch eine größere Bereitschaft, die gefährlichsten Aufträge zu übernehmen. Die Frage ist, warum ist das so? Einige Leute glauben – ich gehöre auch zu ihnen –, daß religiöse Menschen schnell erkennen, daß es etwas gibt, für das es sich lohnt zu sterben. Es gibt etwas Wertvolleres als das Leben. Und sie sind bereit, ihr Leben zu opfern, falls es notwendig ist."

Mir stellt sich eher die Frage, woran man erkennen kann, was wichtiger ist als das Leben. Und wie man herausfindet, ob einem vielleicht nicht nur etwas eingeredet wird von Leuten, die ganz andere Interessen haben als man selbst.

Herzliche Weihnachtsgrüße aus dem Ausbildungslager für Selbstmordattentäter.

Religion und Politik in den USA

17.12.2008 um 12:21 Uhr

Wert der Werte

von: Lyriost

Wert der Werte

Bereits die Frage, ob ich Wert auf ein Wertsystem lege, ist keine intellektuelle, sondern eine moralische. Um so mehr wird die Auswahl eines Wertsystems primär von ethischer Motivation geleitet und nicht so sehr von rationalen Überlegungen. Der Wert von Werten aber versteht sich nicht von selbst, sondern muß rationaler Prüfung ebenso standhalten wie der Wert der Wertung als Haltung. Welchen Wert hat es zu werten? Hat die Frage nach einem Wert überhaupt einen Sinn?

16.12.2008 um 22:27 Uhr

Moralische Urteile

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Moralische Urteile

Gegen moralische Urteile, die auf Nachdenken beruhen, habe ich nichts, soweit sie schlüssig aus den Ergebnissen des Nachdenkens hervorgehen. Nachdenken, das auf moralischen Urteilen beruht, sie zu ihrem Ausgangspunkt macht, halte ich jedoch für entbehrlich. Es sei denn, das Nachdenken geschieht mit der Absicht, ebendiese moralischen Urteile auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen.

Bevor ich begründe, warum etwas von Übel ist, gebietet es die intellektuelle Aufrichtigkeit, zu prüfen, ob dies tatsächlich zutrifft und nicht nur meinen Neigungen und vorgefaßten, wenig reflektierten Überzeugungen widerspricht.

16.12.2008 um 18:58 Uhr

Nicht geahnt

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Nicht geahnt

Ein Verbrecherregime gebiert sich nicht selbst. Am Anfang eines jeden verbrecherischen Regimes in der Geschichte standen Gläubige, enthusiasmierte Idealisten, die später einmal sagen werden: Das haben wir nicht geahnt. Und wir haben nichts gewußt.

16.12.2008 um 14:51 Uhr

Zeigefinger

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Sloterdijk

Zeigefinger

Sloterdijk in der Zeit : "Der Daumen hat den übrigen Fingern den Rang abgelaufen, er ist der große Gewinner dieses Jahrzehnts." Ich hatte dazu bereits bemerkt, daß der Daumen eher Verlierer ist – wegen der zu erwartenden Zunahme der Daumensattelgelenksarthrosen infolge exzessiven Mausgebrauchs. Im übrigen stelle ich fest, daß die Zeigefinger allüberall immer länger werden.

16.12.2008 um 14:29 Uhr

Kreise

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Kreise

Je größer unsere Kreise sind, um so eher erliegen wir der Illusion der linearen Bewegung.

16.12.2008 um 11:57 Uhr

Tirade 134 – Fortschreiten

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 134 – Fortschreiten

Und immer voran
gehen in großen Zellen
spurlos im Beton.

Auch die Zeiger der Uhren
zerpflügen nicht ihren Weg

16.12.2008 um 11:13 Uhr

Hinfallen

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Hinfallen

Wer hinfällt, ist nicht immer nur ungeschickt, sondern oft unbewußt beseelt von dem Wunsch, jemand möge ihm aufhelfen.

16.12.2008 um 09:05 Uhr

Bankraub

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Bankraub

Angesichts der staatlichen Unterstützungen des Bankensektors ist zu überlegen, ob der Begriff "Bankraub" neu definiert werden muß.

15.12.2008 um 15:33 Uhr

Das Bild im Spiegel

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Das Bild im Spiegel

Menschen sind sehr unterschiedlich, aber wenn wir uns in ihnen spiegeln, kommen sie uns vertraut vor.

15.12.2008 um 14:45 Uhr

Tirade 133 – Seelenmimese

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 133 – Seelenmimese

Schwarze Gespenster
bunt im Tagesgefieder
Farben der Sonne

Die Nächte lichten das Licht
Nachts sind Seelenflügel grau

14.12.2008 um 11:22 Uhr

Maulproleten und Zerebralprominenz

von: Lyriost

Maulproleten und Zerebralprominenz

Eine auffällige Kulturverflachung unserer Zeit ist die Verschmelzung bisher von vielen als disparat betrachteter Bereiche: Während Maulproleten wie Bohlen auf der Buchmesse Pressekonferenzen abhalten, sorgen Vertreter der Zerebralprominenz wie Sloterdijk durch ihre Äußerungen in Interviews dafür, daß sich die Grenzen zwischen der sprachlichen Darstellung von Gedanken und belanglosem Großsprechgelaber immer mehr verwischen. Das Maulproletentum wird auf diese Weise zerebral geweihwässert.

Die Zeit

12.12.2008 um 15:56 Uhr

Höflichkeit

von: Lyriost

Höflichkeit

Übertriebene Höflichkeit ist die sublimierte Aggression eines Menschen, der Angst davor hat, als Heuchler entlarvt zu werden.

Dem Wort "Höflichkeit" haftet auch heute noch seine Herkunft aus dem intriganten höfischen Getue an, das durch Schleimerei und Schmeichelorgien geprägt war. Daß das alles keine Erfindung des frühneuzeitlichen höfischen Lebens ist, sondern in milderer Form bereits in der Antike zu finden, erkennt man, wenn man etwa den Blick auf römische Patronatsbeziehungen richtet.