Lyriost – Madentiraden

09.12.2008 um 16:56 Uhr

Kinderpornographie

von: Lyriost

Kinderpornographie

Wie bigott die Mediengesellschaft ist, kann man jetzt wieder an den Diskussionen um ein Plattencover von den Scorpions aus den siebziger Jahren erahnen, auf dem ein nacktes minderjähriges Mädchen hinter einer gesprungenen Glasscheibe zu sehen ist. Nicht besonders gelungen, das Cover, sicher, und bestimmt fragwürdig.

Nun, nach über 30 Jahren, haben eifrige Wächter es entdeckt und versuchen, daraus einen "Pornographieskandal" zu machen, wie es allenthalben nachgeplappert wird. Das ist nicht nur absurd, sondern führt in der Konsequenz dazu, daß einerseits demnächst Verrückte mit Leinentüchern in die Museen laufen, um alles abzudecken, was sie für pornographische Darstellungen halten, während andererseits die Verfolgung tatsächlicher Straftäter erschwert wird, weil mancher geneigt ist, die Problematik als hochgebauscht zu betrachten. Ist es nicht so, daß die Feuerwehr nicht mehr so gern kommt und länger nachfragt, wenn sie allzu oft zum Einsatz gerufen wurde, nur weil jemand an einer Straßenecke ein Blatt Papier angezündet hat?

Wer alles, was er in die Finger bekommen kann, in einen Begriff hineinstopft (in diesem Fall Pornographie), nimmt ihm seine Schärfe und relativiert ihn damit. Das ist das eigentlich Problematische an diesem Vorgang, denn nichts lenkt so sicher von tatsächlichen Pornographieskandalen ab wie künstlich generierte Scheinskandale.

Daß inzwischen so ziemlich jeder, der die Scorpions-Platte bisher ebensowenig kannte wie das Cover, die Abbildung gesehen hat, ist ein weiterer merk- und denkwürdiger Nebeneffekt: Etwas soll möglicherweise indiziert werden, aber vorher wird es allen breit unter die Nase gerieben. 

Ich muß doch mal schauen, ob ich noch ein Strandfoto von mir aus Kinderzeiten finde – als Umschlagabbildung oder Frontispiz für meinen nächsten Gedichtband.

 

Welt online

09.12.2008 um 10:57 Uhr

Maskulistische Linguistik

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Maskulistische Linguistik

Vertreterinnen einer feministischen Linguistik beklagen sehr gerne, wie ungerecht es bisweilen in der Sprache zugeht, als könne und solle die Sprache so etwas wie ein Gerichtshof für Gleichberechtigung sein. Häufig seien weibliche Formen unterrepräsentiert und fristeten ein armseliges Leben im Schatten männlicher Dominanz. Daß es auch anders geht, sieht man zum Beispiel in der Technik. So wird nicht etwa der Vater in die Mutter geschraubt beziehungsweise die Mutter auf den Vater – oder die Vaterschraube oder der Schraubenvater in die Schraubenmutter oder Mutterschraube –, sondern ganz pragmatisch eingeschlechtlich nur die Schraube in die Mutter, die Mutter auf die Schraube (oder die Mutterschraube). Technik als weibliche Domäne. Schon in Pierers Universallexikon von 1862 findet man neben der Schraube die "Schraubenmutter" und die "Mutterschraube". Den Schraubenvater oder die Vaterschraube sucht man unter dem Stichwort Schraube bei Pierer und in späteren Lexika vergebens.

Wir sagen zwar Schraubenmutter, aber nicht Schraubenvater. Tatsächlich findet sich der Begriff Vaterschraube in Krünitz' Enzyklopädie ein Jahrhundert vor Pierer. Die Feminisierung des technischen Befestigungs- und Verbindungselementes Schraube liegt also zwischen der Mitte des achtzehnten und der des neunzehnten Jahrhunderts.

Den Männern bleibt angesichts dieser offensichtlichen Benachteiligung, die völlig unverständlich ist, wenn man bedenkt, wie der Begriff analogisch entstanden ist, nichts als eine Art technischer Penisneid und betroffenes Staunen über die kuriose Realitätsfremdheit mancher sprachlichen Formen.

Vielleicht erklärt sich aus dem männlichen Neidgefühl die Erfindung des Kompositums Schreckschraube. Auch das eindeutig ein dominium femininum.

09.12.2008 um 09:30 Uhr

Ironische Selbstbeobachtung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Grammatik

Ironische Selbstbeobachtung

Wenn die Konditionalsätze über andere in Form indikativischer Realgefüge sich häufen, dann wird es Zeit, wieder Gedichte zu schreiben, bevor der Realis der anderen in den eigenen conjunctivus irrealis abgleitet.

08.12.2008 um 23:24 Uhr

Ehrabschneidung

von: Lyriost   Stichwörter: Ehre, Haltung, Zwanziger

Ehrabschneidung

Wenn einer anfängt von seiner Ehre zu reden und deren Verletzungen, dann weiß ich: Das nimmt kein gutes Ende. Erst mal aber blamiert sich der Ehrleidende selbst durch sein Gerede viel mehr, als es ihm irgendeiner mit ehrabschmirgelndem Zeitungspapier antun könnte.

Mit ein wenig Souveränität kann man Ehrverletzungen positiv umdeuten. Wer jemand was von der Ehre abschneidet, hilft ihm, Gravitätsballast abzuwerfen. Solche Verschlankung ist in jedem Falle der Persönlichkeitsentwicklung zuträglich und erleichtert das Auftreten.

08.12.2008 um 21:47 Uhr

Zirkus Zwanzigari

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Zwanziger, Weinreich

Zirkus Zwanzigari

Wenn ein Fußballhansel sich so wichtig nimmt, daß er glaubt, er besitze die Konnotationshoheit im Sprachstrafraum, nur weil er mal Richter war, und könne den anderen seine persönlichen Assoziationen als semantische Weisheit unterjubeln, dann macht er sich zum Clown in der Wortmanege. Es darf gelacht werden über das Demagögchen. Demagogen sind aus anderm Holz geschnitzt.

05.12.2008 um 09:45 Uhr

Geschlossene Gesellschaft

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Geschlossene Gesellschaft

Wenn wir uns allzusehr mit unseren Meinungen identifizieren, laufen wir Gefahr, sie für Wissen zu halten. Dieses Scheinwissen lähmt uns und nimmt dem Prozeß der Meinungsbildung alle Dynamik. Wir prüfen nur noch, ob unsere Erlebnisse und Wahrnehmungen unser Wissen bestätigen, und nicht mehr, ob unser Wissen mit den neuen Erfahrungen übereinstimmt. Im ungünstigsten Fall wissen wir über das Bescheid, was geschieht, ohne unsere äußere Wahrnehmung ins Bewußtsein zu heben, ja wir können es nicht, weil uns unser Bewußtsein signalisiert, Neuaufnahmen seien nicht nötig, da alles, was an die Tür klopft, bereits bekannt und bewertet sei. Keineswegs wegen Überfüllung geschlossen, sondern geschlossene Gesellschaft.

05.12.2008 um 09:15 Uhr

Schein und Sein

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Schein und Sein

Die einen scheinen mehr zu scheinen, als zu sein, die andern mehr zu sein, als zu scheinen. So scheint das Sein wie das Scheinen im Schein. Alles Sein, alles Schein.

04.12.2008 um 18:19 Uhr

Täuschungsmanöver

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Täuschungsmanöver

Menschen neigen dazu, die Ungenauigkeiten der andern als Fehler und die eigenen Fehler als Ungenauigkeiten zu bezeichnen. So hyperbeln sich die meisten euphemistisch durchs Leben. Und wenn ihnen ihre Bäume dabei zu Büschen werden, beschwören sie den hohen Wert ihrer Erdverbundenheit. 

04.12.2008 um 14:16 Uhr

Tirade 132 – Alter ego

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 132 – Alter ego

Das lyrische Ich
wie verwurzelte Träume
im Herzen der Stich

wie das Summen der Bäume
im blinden Spiegel der Strich 

01.12.2008 um 08:43 Uhr

Tirade 131 – Skulpturen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 131 – Skulpturen

Steine erlauschen
den Atem der Gezeiten
lautloses Klingen

die schwingende Semantik
der gefrorenen Schreie