Lyriost – Madentiraden

30.01.2009 um 02:27 Uhr

Großzügigkeit beim Teilen

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Großzügigkeit beim Teilen

Viele Menschen sind bereit, dein letztes Hemd mit dir zu teilen und sehen meist großzügig darüber hinweg, daß es nicht aus Seide und schon gar nicht von Lagerfeld ist. Und das tun sie sogar dann, wenn sie selbst noch eines haben.

26.01.2009 um 18:00 Uhr

Katz und Maus oder Über das richtige Denken

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Katz und Maus oder Über das richtige Denken

Die Maus ist religiös und der Meinung, es wäre wünschenswert, daß alle Tiere von Käse und Körnern lebten. Deshalb propagiert sie eine Theorie, die besagt, fortschrittliches Denken sei ein Denken, das die Welt als Entwicklungsmodell zum immer Besseren und Gerechteren betrachte.

Die Maus spricht, wenn die Katze nicht da ist, vom Telos der Tiere, das zwangsläufig zu einem Ethos der Verständigung und des Friedens untereinander führe, und der Weltgeist, der die Geschichte alles Lebenden sinnvoll lenke, habe vorgesehen, daß in nicht allzu ferner Zukunft alle bestens miteinander auskommen werden und in noch fernerer Zukunft nicht nur das Haus, in dem die Maus wohnt, sondern das ganze Weltall, also auch die Nachbarhäuser, zum Vorteil der Tiere, besonders der Mäuse, von dieser Erkenntnis durchdrungen sein werde.

Dummerweise sei die Katze sehr unzugänglich und denkfaul, ja, eigentlich nicht tatsächlich denkfähig oder zumindest mit fehlerhaften Gedankenkonglomeraten kontaminiert, was dazu führe, daß sie sich nicht weiterentwickle, sondern nichts Besseres zu tun habe, als sich dauernd in der Nähe des Mauselochs herumzutreiben und drohende Blicke auf den Eingang zu werfen. Wo doch jeder weiß, wenn er denn richtig zu denken imstande ist, daß jede Art von Aggression etwas ist, das die Tierwelt überwinden muß, wenn sie in eine glorreiche Zukunft marschieren möchte – in ein Land, wo Milch und Honig fließen.

Und da Katzen Milch doch gerne mögen, auch wenn sie sie nicht sonderlich vertragen, was sie aber nicht wissen (ja, auch das nicht), verhalten sie sich dumm, wenn sie weiter auf Mäuse lauern. Ach, wenn die Katzen nur richtig denken könnten.

Die Zeit

25.01.2009 um 18:14 Uhr

"American Beauty"

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

"American Beauty"

Es ist schön, wenn Lehrer sich um die Zukunft unserer Jugend sorgen, selbst dann noch, wenn diese Lehrer bereits aus dem Schuldienst ausgeschieden sind. Wie man hört, findet ein Lehrer in Nordrhein-Westfalen "American Beauty" zu freizügig für Abiturienten. Ob er als Alternative einen prachtvollen, patriotischen Kriegsfilm vorgeschlagen hat, ist nicht überliefert.

Die Welt

25.01.2009 um 11:17 Uhr

Steifer Nacken

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Steifer Nacken

Wenn man die Dinge locker sieht, kriegt man keinen steifen Nacken.

Fernsehen

18.01.2009 um 20:02 Uhr

Nicht allein

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Nicht allein

Bei mir der Rabe
ohne Schwingen
im Schattenturm
am Tag bei Nacht
wo still die Gabe
Stimmenklingen
und laut der Wurm
in dunkler Pracht

15.01.2009 um 11:52 Uhr

Dummwort Unwort

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Dummwort Unwort

Ich schlage vor, das Dummwort "Unwort" zu ächten und in Zukunft das, was es bezeichnet, angemessen zu benennen. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, daß Dummwörter nichts dafür können, wenn sie von Dummköpfen benutzt werden. Es wäre schön, wenn man sich den Wörtern gegenüber fair verhielte und sich auf die Wahl zum "Dummkopf des Jahres" beschränkte.

Die Zeit

14.01.2009 um 12:17 Uhr

Die Apostrophs oder die Apostroph's?

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Die Apostrophs oder die Apostroph's?

Immer ist es erhebend, im "Zwiebelfisch", dem Zentralorgan des Sprachpolizisten Bastian Sick, zu lesen. Manchmal aber ist es auch überaus lustig. Zum Beispiel, wenn er sich über die Unsitte von Deppenapostrophen mokiert und deren neueste Variante, den Plural-Apostroph, amüsiert betrachtet und dessen Aufkommen unverständlich findet, weil doch, wie er schreibt, die "Tendenz der Standardsprache" in eine andere Richtung gehe. So heißt es bei Sick: "Nicht immer mehr, sondern immer weniger Apostrophs empfiehlt die neue amtliche Regelung." Apostrophs.

Nebenbei: Die "neue amtliche Regelung" und die "Tendenz der Standardsprache" sind grundsätzlich zweierlei. In einem jedoch sind sich Tendenz und Amt einig: Der Plural von Apostroph ist Apostrophe – und nicht, wie der Herr Obersprachwart schreibt, Apostrophs. Mit oder ohne Apostroph, das ist hier nicht die Frage.

Eine Kuh mit zwei Eutern wird nicht dadurch zum Ochsen, daß man ihr eines davon wegoperiert. Aber man macht sich selbst zum Ochsen, wenn man es versucht.

Zwiebelfisch

13.01.2009 um 14:23 Uhr

Hineininterpretieren

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Hineininterpretieren

Gerade habe ich zum wiederholten Male gelesen, in Texte könne man vieles hineininterpretieren. Oder auch "hineindeuten", also, so bezeichnet es das Duden-Wörterbuch: "aufgrund eigener Deutung oder Vermutung in etwas (etwas) zu erkennen glauben, was in Wirklichkeit nicht darin enthalten ist". Das im Duden fehlende zweite "etwas" habe ich mir zwar durch eine Interpretationsleistung erschlossen, aber es fehlt dennoch nach wie vor im Text. In meinem Kopf aber ist es vorhanden, von mir in mein Gedankengefüge hineininterpretiert, so daß es dort, was diese Definition betrifft, etwas geordneter zugeht als im Duden.

Die Definition leuchtet mir, ergänzt durch das fehlende Wort, durchaus ein. Was mir jedoch nicht einleuchtet, ist das dazugehörige zusammengesetzte Stichwort "hineininterpretieren".

Anders als "hineininterpretieren" heißt "interpretieren" erklären, erläutern, deuten, aus einem Text also etwas von dem herausholen, was darin ist. Also herausinterpretieren. Und hinein...? Hineininterpretieren, hineinlesen, hineinprojizieren ist nichts als ein Mißverständnis, denn ein bestimmter Text ist ein bestimmter Text und bleibt genau so, wie er ist. Wir können einen Text lediglich, so wie ich es hier mit dieser Duden-Definition getan habe, für uns selbst in unserem Kopf ergänzend uminterpretieren und dieses anderen mitteilen, indem wir einen Text zum Text verfassen, der diesen ergänzt.

Der ursprüngliche Text bleibt davon unberührt. Niemand kann etwas in einen vorliegenden Text hineininterpretieren. Nicht einmal der Autor selbst.

09.01.2009 um 10:32 Uhr

Zwischen zwischen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Zwischen zwischen

Stehend auf dem Stuhl
sage ich zwischen
zwischen den Wänden
gerieben geboren
zwischen Geburt und
Wiedergeburt
klingt doch besser
als Tod wenn auch
Klaustrophobie
im Geburtskanal
nicht die Stille
der schwarzen Steine
wo die Uhren nicht ticken
nur die leise Reibe
der Erosion
Sekundenjahrgeräusche
das Knabbern
kosmischer Mäuse
und es rauscht nur
das Nichts
nicht das
Blut