Lyriost – Madentiraden

23.04.2009 um 00:11 Uhr

Hinterherdenken

von: Lyriost

Hinterherdenken

Es ist schon erstaunlich, wie weit unsere Kultur des Hinterherdenkens, des Paraphrasierens und Zitierens entfernt ist von dem, was ich als Ausdruck menschlicher Denkfähigkeit betrachte. Kaum hat man einen eigenen Gedanken, wird nachgefragt, von wem er entliehen sein könnte, so als sei aufmerksames Selbst-Denken etwas Abseitiges, Unnatürliches. Aber wen wundert das, ist doch schon der Begriff "Nachdenken" doppeldeutig. Natürlich darf nicht übersehen werden, daß jede ernsthafte Beschäftigung mit dem Denken anderer ein Nach-Denken ist und unser eigenes Denken durch die Gedanken anderer angeregt und befruchtet wird und unsere Sichtweisen von ihnen beeinflußt werden. Aber ist das nicht von jeher so?
Wir müssen schon weit in die Antike zurückgehen, um auf Denker zu treffen, die bei ihrem Blick auf Welt und Menschen nicht auf den Schultern anderer standen.

     

21.04.2009 um 14:28 Uhr

Wandrers Neid

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Wandrers Neid

Wenn der Neid an ihnen nagt, entdecken die Menschen gern ihre ansonsten verborgene moralische Ader. So wird der Wanderer auf Schlappen geneigt sein, dem mit dem festen Schuhwerk vorzuwerfen, er zertrete mit seinen Füßen unnötig viele von den zarten Blumen, und sein fester Tritt schade den Wurzeln des Weges über Gebühr. 

21.04.2009 um 12:01 Uhr

Dominanzstreben

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Dominanzstreben

Besonders ausgeprägt ist die Abneigung gegen dominantes Verhalten traditionell bei denen, die mit ihrem eigenen Dominanzstreben gescheitert sind. Da redet man gern der Gleichheit das Wort. Wortreich abgelehnt wird erhebendes Streben auch von jenen, die auf durch Dominanzverhalten ergatterten hohen Stühlen sitzen und spüren, wie es unter ihren Hintern vibriert, weil jemand die Säge angesetzt hat an ihre bequemen Sitzgelegenheiten. Besonders die Stuhlsitzer mit den kurzen Beinen werden leicht nervös und zappeln rum, wenn einer Hand an ihren Stuhl anlegt. Sie schreien Zeter und Mordio ob des bösen, unmoralischen Dominanzstrebens derer, deren Köpfe außerhalb der Reichweite von Fußtritten liegen. 

20.04.2009 um 23:32 Uhr

Leuchten

von: Lyriost   Kategorie: Gedicht & Grafik

Leuchten

Fuß vor Fuß
der Weg hinauf
hinabhinauf
durch Schattenwüsten
beleuchtet vom
ewigen Licht unser
Leuchten leuchte uns
leuchtet in uns
wir leuchten
uns heimlich
heim

Leuchten

20.04.2009 um 13:47 Uhr

Looking 2009

von: Lyriost   Kategorie: Grafik

Looking

07.04.2009 um 13:26 Uhr

Tradition

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tradition

Du lernst zu laufen auf
verblichnen Knochen
und sprechen mit
zerbrochnen Schädeln
trinkst Blut wie
alle Diadochen
versuchst dich in
die Welt zu fädeln.

Verbrauchte Luft
füllt deine Lungen
noch ehe du das
Licht erblickst
und eigne Worte
sind verklungen
eh du vor ihrem
Klang erschrickst.

Du siehst den
Platz in den Ruinen
wo mancher seinen
Tag verbracht
da waren Kerker
Guillotinen und
manchmal spürst du
dort die Nacht.

Und strebst du still
nach Lichterleben
den Kopf gedreht
zur klaren Sicht
dein Drang nach
Freiheit zielt daneben
die Konvention
erlaubt das nicht.

05.04.2009 um 09:49 Uhr

Verteidigung der Ruhe

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Verteidigung der Ruhe

Was tun wir, wenn uns einer sagt, unser Urteil beruhe auf Vorurteilen und sei deshalb getrübt? Wir fühlen uns verurteilt und sprechen dem andern die Urteilsfähigkeit ab. So verteidigt das Denken seine Nachtruhe. Es ist so ähnlich, als wenn wir träumten, wir seien bereits aufgestanden und auf dem Weg zur Arbeit, obgleich wir noch faul im Bett herumliegen. 

04.04.2009 um 10:12 Uhr

Scheuklappenwechsel

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Scheuklappenwechsel

Wenn man sich vornimmt, ohne Scheuklappen zu denken, merkt man schnell, wie schwierig das ist. Man ist es nicht gewöhnt und außerdem eingebunden in die kulturellen und intellektuellen Traditionen der Kultur, in der man das Denken gelernt hat. Schnell rutscht man von einem Ideologem in ein anderes und merkt plötzlich, daß man nur die Scheuklappen gewechselt hat. Vielleicht ist der Versuch, frei zu denken, erst einmal nicht mehr als die Beschleunigung des Scheuklappenwechsels. Zumindest ein Anfang. Am Ende steht dann vielleicht die durchsichtige Scheuklappe, weil es uns nicht gelingt, auf das gewohnte Gefühl dieser Klappe zu verzichten. So wie wir nicht ohne Kleidung in die Öffentlichkeit gehen mögen.