Lyriost – Madentiraden

23.09.2009 um 15:04 Uhr

Hungertücher

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Hungertücher

Wie zu hören ist, sollen nach der Bundestagswahl unentgeltlich schmucklose linnene Hungertücher an alle ausgegeben werden. Da jedoch der Etatansatz voraussichtlich nicht ausreichen wird, um der gesamten Bevölkerung solche Schmachtlappen zukommen zu lassen, werden die Bezieher hoher und höchster Einkommen gebeten, sich selbst mit diesen traditionsreichen Sakralkunstwerken zu versorgen. Die Finanzverwaltung teilte mit, daß die Anschaffung von Hungertüchern als Sonderausgabe von der Steuer abgesetzt werden kann. Dabei wird auch der Kauf kunstvoller Tücher aus edelstem Material steuermindernd Berücksichtigung finden.

23.09.2009 um 09:30 Uhr

Wachstum

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Wachstum

Solange die Bäume im eigenen Garten prächtiger wachsen als die des Nachbarn und reichlich Früchte tragen, ist der Gartenbesitzer geneigt, das Thema Schatten zu vernachlässigen. Wenn aber dann auch bei den mickrigen Bäumchen in Nachbars Garten ein ungeahnter und ungebremster Wachstumsschub zu beobachten ist, beginnt sehr bald das immer lautere Nachdenken über den Schattenwurf der Bäume und das Theoretisieren über die allgemeine Notwendigkeit von Wachstumsbegrenzungen.

19.09.2009 um 10:26 Uhr

Gedanken

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Gedanken

Gedanken kommen einem nur dann, wenn man sich Zeit zum Nachdenken nimmt. Und Zeit zum Nachdenken sollte man sich nehmen, wenn man ein Bild dessen bekommen möchte, was gemeinhin die Wirklichkeit genannt wird. Mehr denn je aber ist es heute so, daß die meisten Menschen ihre freie Gedankenzeit damit zubringen, eine kognitive Repräsentanz ihrer persönlichen Interessen einzurichten und zu pflegen, statt ihre Gedanken wie eine Lampe in einer dunklen Höhle zu benutzen.

14.09.2009 um 14:33 Uhr

Plastizität in der Lyrik

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Plastizität in der Lyrik

Für Nietzsche, auf den der Beuyssche Kunstbegriff wesentlich zurückgeht, ist die "plastische Kraft" der Grundtrieb der Natur, und wenn wir das bejahen, dann können wir sicher sein, daß diese Kraft zwar zeitweise durch Banalitäten und den Wunsch nach Bequemlichkeit und Ruhe überlagert werden kann, sich jedoch stets wieder aufs neue zu Wort melden und zu machtvollen, verstörenden skulpturischen Strukturen ganz neuer Art gerinnen wird. Das Leben ist nicht so leicht totzukriegen.

Für die formbewußte Lyrik bedeutet das, Gebilde wachsen zu lassen, in denen sich diese Plastizität deutlich manifestiert, ohne daß das Blut durch ein Übermaß an Gerinnungsfaktoren in seinen Wallungen beeinträchtigt wird. In diesem Sinne ist das Skulpturische in der Lyrik gleichermaßen hart und weich. Es gilt, lebendige Steine zu schaffen.

 

DIE ZEIT

11.09.2009 um 08:56 Uhr

Seele

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Seele

Die menschliche Seele ist der Spiegel ihres Schöpfers.

10.09.2009 um 23:30 Uhr

Kompensatorische Spiegelschrift

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Kompensatorische Spiegelschrift

Es ist ein besonders unschöner Charakterzug mancher Menschen, bei andern lautstark das zu kritisieren, was sie bei sich selbst im stillen schmerzlich vermissen.

10.09.2009 um 17:30 Uhr

Zwiebelkastanie

von: Lyriost

Zwiebelkastanie

10.09.2009 um 16:51 Uhr

Einfach betrachtet

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Einfach betrachtet

Alles Komplizierte ist ebenso einfach wie alles Einfache kompliziert. Unsre Sicht ist abhängig von der Betrachtungsweise und den optischen Hilfsmitteln. Ohne Fernglas ist ein Flugzeug am Horizont nur ein Punkt am Himmel, und unterm Mikroskop ist ein Regentropfen ein kleines Universum.

07.09.2009 um 18:08 Uhr

Tirade 138 – Erste Zeichen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 138 – Erste Zeichen

Blendendes Knacken
rotbraune Schalenbrecher
Edelholzdesign

bald blühen Nachtgedanken
in sommerleeren Köpfen

06.09.2009 um 15:50 Uhr

Hoffnung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Hoffnung

Jeder Hoffnung folgt irgendwann Enttäuschung, gerade wenn der Hoffnung über längere Zeiträume kräftige Nahrung zugeführt wurde. Der Enttäuschte wird im Augenblick der Enttäuschung, wundgehofft, wie er ist, manchmal dazu neigen, zukünftig auf die Hoffnung verzichten zu wollen, um sich Enttäuschung zu ersparen. Doch auch die Hoffnung, auf Hoffnung verzichten zu können, führt nicht zur Ruhe, sondern auch nur wieder zur Enttäuschung: Ist doch jeder Atemzug voller Hoffnung, Luft zu bekommen. Hoffnung ist nichts Akzidentielles, das man so einfach abstreifen könnte. Es sei denn ..., aber auch das ist ja eine Art Hoffnung, so voller Unwägbarheiten wie jede andere.