Lyriost – Madentiraden

31.10.2009 um 07:42 Uhr

Relativ wahrscheinlich

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Relativ wahrscheinlich

In Wahrheit ist auch die Aussage, es könne keine absolute Wahrheit geben, auch nur eine relative, jedoch die relativ wahrste Wahrheit. Und relativ wahrscheinlich nahezu absolut richtig.

29.10.2009 um 14:11 Uhr

Nasenring

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Nasenring

Im Gegensatz zur Reue, die uns dazu ermutigen kann, einen Fehler wiedergutzumachen und zukünftig anders zu handeln, als wir es getan haben, ist unsere Scham häufig ein Mittel der Selbsterniedrigung, ja Selbstzerfleischung und ein prächtiger Nasenring, an dem uns andere nach Belieben durchs Gelände ziehen können.

29.10.2009 um 13:53 Uhr

Schamgefühl

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Schamgefühl

Es gibt kaum ein Gefühl, das überflüssiger ist als Scham. Selbstkritische Nachdenklichkeit ist weitaus besser und angemessener. Und läßt sich von andern nicht so leicht für deren eigene Zwecke der Machtentfaltung instrumentalisieren. Scham ist ein vorzügliches Mittel der Kontrolle des einzelnen durch die Gruppe, in der er sich bewegt. Wer sich schämt, räumt damit andern das Recht ein, sich selbst auf eine höhere moralische Stufe zu stellen. Schämt man sich – und sei es seiner Scham darüber, daß man sich zu schämen gezwungen sieht –, sollte dies zu möglicherweise schamüberwindender Nachdenklichkeit führen.

Denn wie die meisten andern Gefühle, ist auch das Schamgefühl durch Denken zu beeinflussen, ist Scham doch kein naturgegebenes Gefühl, sondern nichts anderes als Widerspiegelung konventionalisierter gesellschaftlicher Erwartungen. Stellt man diese durch Entwicklung von Selbstbewußtsein in Frage, relativiert sich die Meinung über die Notwendigkeit, fremden gesellschaftlich-moralischen Schamerwartungen gerecht zu werden und diese zufriedenzustellen. In der Folge wird sich das reflexartige Schamgefühl mehr und mehr verlieren, je intensiver man sich klarmacht, daß die Schamerwartung anderer nichts weiter repräsentiert als deren überwiegend unreflektierte, relative Wertvorstellungen, die unüberlegt zu teilen nur dann notwendig ist, wenn man sich außerstande sieht, eigene Wertmaßstäbe zu entwickeln, und die bewußtseinsmäßige Bequemlichkeit vorzieht, sich mit tradierten fremden Normen und Wertvorstellungen zu identifizieren.

Mit der Scham ist es ähnlich wie mit manchen Krankheiten: Sie geben uns eine Möglichkeit zur Flucht, und sie dienen manchmal dazu, Vermeidungshaltungen in unserer Entwicklung zu rechtfertigen. Wenn die Scham nicht in irgendeiner Weise Lustgewinn bedeutete, würde sie nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen – oder gar keine.

29.10.2009 um 10:44 Uhr

Der Trend zur Wende

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Der Trend zur Wende

In früheren Zeiten gab es wahrnehmbare Trends, Entwicklungen, die unsere Lebenswelt je nach Blickwinkel mehr oder weniger behutsam positiv oder auch negativ veränderten. Heute sieht man nur mehr ein immer schnelleres Oszillieren von Wendebewegungen, und in der zunehmenden Beschleunigung der Trendwenden ist mittlerweile kein anderer Trend mehr zu erkennen als der Trend zur Wende. 

29.10.2009 um 02:24 Uhr

Dolchstoß

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Dolchstoß

Scharfer Sinn regt sich nur
im Zeitspalt zwischen dem Ticken
im formlosen Schweigen der Uhr
in Leere zwischen den Blicken.

Weit und gedehnt hallt der Schall
am Rande des Zeitgenormten
ist doch ein Stich bloß ein Knall
im Innern des Ungeformten.

29.10.2009 um 00:40 Uhr

Blasser Regenbogen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Blasser Regenbogen

Wenn einer sagt: Die andern denken schwarzweiß, in unsern Köpfen jedoch funkeln die Gedanken wie ein Regenbogen, dann ist das ziemlich schwarzweiß gedacht.

Blaß, der Regenbogen. 

28.10.2009 um 17:56 Uhr

Streit

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Streit

Wohin willst du gehn
Wissen vernebelt Wünsche
du wirst schon sehen

der Fuß streitet mit dem Pfad
wäre gern Lenker
der Pfad kennt den Weg

21.10.2009 um 00:26 Uhr

Unter Einäugigen

von: Lyriost

Unter Einäugigen

Unter den Blinden ist der Einäugige König, sagt man. Aber wer ist König unter den Einäugigen?

Der mit der größten Klappe.

20.10.2009 um 18:40 Uhr

Meinungsumschwung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Meinungsumschwung

Eine vorgefaßte Meinung ist auch durch relativierende Erfahrungen nur schwer zu erschüttern. Eher ändern wir eine vorgefaßte Meinung durch die Übernahme einer gegenläufigen vorgefaßten Meinung. Dazu ist es nötig, daß wir diese auf einem Stückchen Zucker oder in einer Geschenkverpackung mit Schleife serviert bekommen.

20.10.2009 um 17:05 Uhr

Warten

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Warten

Schnappen nach Morgen
am Abend ohne Gewinn
zu kurz die Ärmchen

Genieße das Abendrot
denn Ruhe endet
wenn die Hähne krähn

20.10.2009 um 17:01 Uhr

Über Naivität

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Über Naivität

Die Naivität als Privileg der Jugend zu betrachten ist ein Privileg naiver Erwachsener, die glauben, naiv, wie sie sind, sie hätten sich ihre Naivität nur mit Mühe erhalten oder gar gänzlich verloren. Es ist ein Zeichen von Naivität, zu glauben, Naivität sei an ein Lebensalter gebunden. Das gilt sowohl für den negativen Aspekt der Naivität – also unbekümmerte Blauäugigkeit und Vertrauensseligkeit – wie auch für den positiven – Unvoreingenommenheit und Neugier. Die negative Seite ist bei Erwachsenen stärker ausgeprägt als die positive. Bei Jugendlichen und besonders bei Kindern halten sich beide Aspekte eher die Waage.

20.10.2009 um 09:51 Uhr

Das Sterben der Geschichte

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Das Sterben der Geschichte

Mit Quelle "stirbt ein Teil deutscher Handelsgeschichte". So oder ähnlich ist in den Medien zu hören.

Die arme Geschichte. Die Zeiten werden immer härter: Erst sterben Menschen und Tiere – und nun auch die Geschichte? Was bleibt uns, wenn sogar die Geschichte stirbt? Doch keine Sorge, die Geschichte kann nicht sterben, denn alles, was vergeht, wird zur Geschichte, die Geschichte selbst aber ist das, was bleibt, wenn alles andere längst perdu ist.

Auch wenn die grauen Zellen sich dereinst allesamt verabschiedet haben werden, bleibt doch ihre Geschichte, die häufig eine Geschichte ihrer Fehlfunktionen ist, Fehlfunktionen, die abgelesen werden können an den verbalen Hervorbringungen der Zellenbesitzer.

19.10.2009 um 08:38 Uhr

Überwinden

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Überwinden

Sanft steigt das Wasser
wenn es sich tosend bezähmt
in hemmendem Höhlenschlund

im Schaum geboren
geduldige Erfahrung
am Abgrund belehrt

17.10.2009 um 13:50 Uhr

Der befreite Blick II

von: Lyriost   Kategorie: Sonstiges

Der befreite Blick II

Die Warteschlange vor dem nordöstlichen Seiteneingang von Santa Maria del Fiore, dem Florentiner Dom, konnte sich sehen lassen, aber es ging, anders als bei den Uffizien, zügig voran, und bald waren der Panoramenjäger und seine Gefährtin der sonnigen Luftigkeit entrissen und tauchten ein in die düstere Enge des Treppensystems. Er begann, die Stufen zu zählen, angeblich 463, gab es jedoch nach kurzer Zeit auf, als ihnen in unregelmäßigen Wellen Irrgänger entgegenkamen, die eine Abzweigung verpaßt haben mußten, aber nichtsdestotrotz größtenteils angegrimmte Mienen aufgesetzt hatten, weil sie nicht realisierten, daß nicht die Entgegenkommenden, sondern sie selbst sich als Geisterkletterer betätigten. Und da sie sich in der Mehrheit befanden, die bekanntlich immer recht hat, werden sie ihren Irrtum, wenn überhaupt, erst später am Eingang bemerkt haben, der eben zum Aufgang führt und nicht der Ausgang ist.

Nicht nur daß die Entgegenkommenden seine weitere praktische Anwendung des Dezimalsystems verhinderten, sie zwangen ihn auch zu umfangreichen olfaktorischen Meditationen. Natürlich ist eine feine Nase in engen Räumen mit vielen Menschen stets mehr Fluch als Segen, aber hier war allzu offensichtlich, daß es zu mehreren heimlichen Entgasungsaktionen gekommen sein mußte, denn urplötzlich gerieten sie in eine Gestankwolke, die unmöglich von einer einzelnen Person verursacht sein konnte. Alles Naserümpfen half nichts, allein die Beschleunigung der Schritte verhieß Erleichterung. Doch Erleichterung stellte sich erst ein, als sie die schmale Galerie betraten, die an der Innenwand der Kuppel herumführte.

Hier konnte man durch eine Balustradenverkleidung aus angeschmuddeltem Plexiglas in den Innenraum des Doms hinunterschauen, wo erstaunlich kleine Gestalten umherliefen. Wie er am Tag zuvor beim Hochschauen in die Kuppel bereits gedacht hatte, mußte das Ganze deutlich höher sein, als es von unten betrachtet erschien. Doch lohnender als der Blick nach unten war der auf das Kuppelfresko, das ihn zuerst an die phantastischen Darstellungen von Hieronymus Bosch denken ließ. Bei genauerer Betrachtung jedoch kam er zu dem Schluß, daß es sich hier um eine vergleichsweise realistische Darstellung handelte, bei der die Dämonen deutlich weniger dämonisch aussahen als bei Bosch. Ihre menschliche Gestalt war lediglich durch ein wenig Verfremdung attributiv modifiziert.

"That's the hell", sagte der dicke Mann vor ihnen, vermutlich Engländer oder zumindest Brite, lachend und deutete auf eine beschwänzte Gestalt, die einen Menschen mit einer Riesenzwille an den Boden drückte. "Ja", sagte die Gefährtin auf deutsch. "Wer hätte das gedacht." Der Dicke nickte emphatisch, und als er noch zu hören bekam: "A hell in a hell", wiederholte er unbeeindruckt heiter: "That's the hell." Plötzlich Gedränge. Wieder einmal ein Irrläufer, der sich mit Mühe an den ihm Entgegenkommenden vorbeiquetschte und auf deren Murren erklärte, er habe was mit den Augen oder es sei was mit seiner Frau (da "wife" und "eyes" im Stimmengemurmel ähnlich klingen, bleibt der tatsächliche Grund des Schwimmens gegen den Strom wohl für immer im dunkeln).

Nun standen sich zwei Männer mit beträchtlichen Körpermaßen gegenüber wie Müller-Lüdenscheid und Doktor Kloebner in Loriots Badewanne, und weil man auch in der Hölle bisweilen zuvorkommend miteinander umgeht, versuchte der dicke Brite nach kurzer Einschätzung der mißlichen Lage, sich vorübergehend schlankzumachen, um den andern vorbeizulassen. Auch der andere holte hörbar tief Luft und bemühte sich,
seinen Körper neu zu gestalten und Bauchumfang in Länge umzuformen. Bauch an Bauch standen sie da, und der Irrgänger mühte sich etwa dreißig Sekunden redlich, jedoch erfolglos. "You are too fat", war der Kommentar einer moderat dicklichen Frau, und allgemeines Gekicher setzte ein.

Der Panoramenjäger, selbst nicht geplagt von Gewichts- und dazugehörenden Umfangsproblemen, war froh darüber, daß der Brite vor ihm den Geisterläufer abgefangen hatte, dachte kurz über unfreiwilligen genitalen Kontakt zwischen Männern nach und fragte sich, welchem Druck das Plexiglas wohl standzuhalten vermochte, als jemand vorschlug, der Brite solle sich doch einfach auf den Boden knien, hocken oder legen, und dann ... Ob das ernstgemeint war oder nur ein böswilliger Scherz, war dem Tonfall und der Miene des Ratgebers nicht anzumerken. Aber schon trat der gedemütigte Quetscher entmutigt den Rückzug an und überließ seine Frau, wenn es sich denn um seine Frau handelte, vorläufig ihrem Schicksal. Später, am nächsten Abzweig, sah man ihn, verschämt beiseite blickend (vielleicht hatte er ja doch Schwierigkeiten mit den Augen) auf freie Bahn warten.


(Der abschließende Teil folgt nächste Woche.)     

16.10.2009 um 23:21 Uhr

Anfangen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Anfangen

Im Dunkel tasten
unter Steinen die Samen
das Werden sucht seine Bahn

chaosumfangen
erahnend das Sonnenlicht
Schatten entwirrend

16.10.2009 um 21:35 Uhr

Gesamtverzeichnis

von: Lyriost

Gesamtverzeichnis

Merkwürdigerweise finde ich nicht alle meine Beiträge mit Google. Deshalb hier die Aufstellung.

 

 

16.10.2009 um 13:32 Uhr

Finanzexperte, erfolgreich

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Finanzexperte, erfolgreich

Was ist ein erfolgreicher Finanzexperte? Das ist ein Mensch, dem es gelingt, mit leerer Hand in die Taschen von Nichtfinanzexperten hineinzugreifen, die volle Hand unbemerkt wieder herauszuziehen und die Beute nicht in die eigene, sondern großzügig in die Taschen seiner Klientel hineinzustecken, die ihm seine Großherzigkeit ebenso großzügig vergütet. Durch diesen scheinbaren Umweg besteht für den Finanzexperten nur eine geringe Wahrscheinlichkeit, das Heer der weniger erfolgreichen Finanzexperten in den Strafvollzugsanstalten zu vergrößern.

15.10.2009 um 23:03 Uhr

Empfangen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Empfangen

Stille erlauschen
was wollen Arm und Hände
wie webt die Luft Gewänder

Williges Fließen
macht Bäche zum Fluß
und die Flüsse zu Strömen

15.10.2009 um 14:31 Uhr

Der befreite Blick

von: Lyriost   Kategorie: Sonstiges

Der befreite Blick

Hatte er gerade keine Cessna oder ein vergleichbares Luftfahrzeug zur Hand, wollte aber dennoch einen Vogel-Blick auf die großen Städte werfen, machte er sich auf die meist kurze Suche nach Funk- oder Fernsehtürmen oder die etwas längere nach turmartigen Hochhäusern, ließ sich mit oft allzu vielen anderen Schwitzenden in stets allzu kleine Kabinen zwängen und in die Höhe katapultieren. Wenn das Wetter es erlaubte, genoß er dann die windigen Panoramen und bisweilen auch eine spektakuläre Sonnenversenkung, die indes allesamt auch nicht annähernd die Bildqualität der Kunstpostkarten erreichten, die er den Daheimgebliebenen zukommen ließ.

In Florenz nun war es anders: kein hohes Stahlmonument und keine merkantile Betonskulptur, statt dessen Giottos alter Glockenturm, der ihm auf den ersten Blick am geeignetsten schien, seine Sucht nach Vogelperspektive zu befriedigen. Der Besucherandrang am frühen Morgen war gering, keine Trauben, keine Schlangen, nur ein paar etwas zu breit geratene, mürrisch dreinblickende amerikanische Touristen, die neben dem Eingang standen und, wie er schmunzelnd und erfreut registrierte, das Fehlen elevatorischer Unterstützung beklagten.

Im Nu war er oben, hatte die vierhundert und ein paar Stufen mit seinen Turnschuhen behutsam aus dem Morgendämmer geweckt, trat hinaus in die unerwartet belebte Luft und schaute sich um. Im Rücken freundliches Dachpfannenflickwerk, sah er hinab auf die Hausdächer mit ihren Terrassen im erstaunlich dicht stehenden warmfarbigen Steinmeer und streckte befreit die Arme aus, sich wundernd über die gutgenährten plumpen Tauben, die sich trotz ihrer Körperfülle leichtflügelig nach oben bewegten. Er fragte sich, was sie dort suchen mochten, denn zu futtern gab es unten auf den Piazzen. Nun, vielleicht waren es die Metaphysiker unter den Tauben, auf der Suche nach dem Taubengott, dachte er, aber wahrscheinlich lieben auch Vögel die ihnen eigene Perspektive mehr als den Froschblick.

Als der Panoramenjäger weiter nach oben in Richtung der Domkuppel schaute, sah er dort keine Vögel, aber zu seiner Ernüchterung einige mit Ferngläsern bewaffnete Menschen, die auf ihn herabblickten, ein wenig spöttisch, wie ihm schien, und andere, die lachend gestikulierten. Da wurde ihm klar: Der Turm war nur zweite Wahl, er war nicht hoch genug geraten für den wahrhaft befreiten Blick.

14.10.2009 um 23:33 Uhr

Schöpfen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Schöpfen

Würfeln mit Felsen
im Himmel Steinekreischen
so reden die Gewalten

Wenn der Funke spricht
wachsen die Zungen
und die Ohren erglühen