Lyriost – Madentiraden

26.12.2009 um 09:34 Uhr

Entgegenkommen und Zurückweichen

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Entgegenkommen

Allzu großes Entgegenkommen wird von manchen Menschen entweder als Selbstverständlichkeit betrachtet oder gar als Angriff mißverstanden. Besonders von denen, die das eigene Zurückweichen als Entgegenkommen ansehen.

26.12.2009 um 09:11 Uhr

Unzulänglichkeit

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Unzulänglichkeiten

Beim Kampf gegen Unzulänglichkeiten lohnt sich besonders das Vorgehen gegen die eigenen Schwächen. Leider geht das nicht selten mit unzulänglichen Mitteln vonstatten oder wird gar auf später verschoben. Es ist leichter, die Schwimmtechnik anderer zu kritisieren und sich über deren Tolpatschigkeit zu mokieren, als selbst versuchsweise den Schwimmring beiseite zu legen.

Besonders genau bei der Beurteilung von Schwimmern nehmen es nicht etwa Schwimmlehrer, sondern jene, die selbst gerade mit Mühe und Not das Schwimmen gelernt haben. Die schärfsten Kritiker der Schwimmer aber sind seit eh und je die Nichtschwimmer.

19.12.2009 um 10:44 Uhr

Sprachkrise

von: Lyriost

Sprachkrise

In der Sprache gibt es keine Krise. Nur bei den Sprechern und vor allem den Schreibern, die von der Sprache der andern beherrscht werden, weil sie die eigene nicht beherrschen.

Die Zeit

17.12.2009 um 13:23 Uhr

Lange Sicht

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Lange Sicht

Auf lange Sicht ist der Zeitvertreib, die kurzweilige Vertreibung der Langeweile, eine ziemlich langweilige Angelegenheit.

15.12.2009 um 21:54 Uhr

Immer Glück

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Immer Glück

Ein ungewöhnlich wohlhabender Mann wurde beerdigt. Kommentar am Rande: Er hatte immer mehr Geld als die anderen, ein schickeres Auto und ein weitläufiges Grundstück mit einem riesigen Haus. Und jetzt hat er auch noch den größten Grabstein. Manche haben halt immer Glück.

15.12.2009 um 14:00 Uhr

Tirade 139 – Ruhiger Tag

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 139 – Ruhiger Tag

Die Pfützen krachen
in allen Bäumen rascheln
graue Mumien

und Wolken streuen heimlich
die ersten kalten Krümel

15.12.2009 um 11:02 Uhr

Mundwinkelanalyse

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Mundwinkelanalyse

Beim Blick in den Spiegel denke ich: Besser ein gutgelaunter Melancholiker als ein fröhlich tuender Griesgram. Aber ich müßte mich mal wieder rasieren – zur Erleichterung der Mundwinkelanalyse.

14.12.2009 um 16:00 Uhr

Familiäre Problemverschiebung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Familiäre Problemverschiebung

Die mittlere bis späte Adoleszenz ist eine spannende, aber auch unangenehme Zeit für viele Jugendliche. Hauptursache ihrer Probleme sind nicht selten die Eltern, besonders die alleinerziehenden. Diese reden sich mit Erfolg ein, ihre Kinder seien außerordentlich schwierig, und man müsse sie deshalb erzieherisch auf einen rechten Weg bringen (auf dem man oft selbst nie angekommen ist). Dabei sind die Ursachen der beklagten Übel darin zu suchen, daß die Eltern ein wenig spät dran sind mit ihrer erzieherischen Aktivität und außerdem oft heillos überfordert mit sich selbst: eigenen spätpubertären Anwandlungen, beginnender oder sich bereits der Vollform nähernder Midlife-crisis, Torschlußpanik, Erfolgszwängen und was sonst noch an Damoklesschwertern über ihnen schweben mag. Da kommt der nervige Jugendliche gerade recht, um in die Rolle des Sündenbocks gedrängt zu werden. Und wehe, er spielt nicht mit bei dem Projektionsritual, das daraus entsteht, und durchschaut das Ganze womöglich. Das kann zu Renitenz auf beiden Seiten führen.

13.12.2009 um 13:02 Uhr

Am Horizont der Zeit – Louis Tillett

von: Lyriost

Am Horizont der Zeit

Flügelgeflimmer
ein Horn in der Nacht
Blick in die Weite

wo schwarze Kerzen flackern
am Abgrund weißer Zeiten


Louis Tillett

11.12.2009 um 09:14 Uhr

Synästhetische Verwirrungen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Synästhetische Verwirrungen

Der metaphorische Gebrauch innerer Organe wie auch der Einsatz von Sinnesinstrumentarium im uneigentlichen Sinne hat nicht selten schwerwiegende psychosomatische Folgen.

Wer es mit dem Einsatz des Herzens in optischen Angelegenheiten übertreibt, kann sich leicht chronische Kreislaufbeschwerden einfangen oder gar Herzrhythmusstörungen. Als Nebenwirkung ist häufig partielle Erblindung festzustellen, weil der von Natur aus zum Sehen vorgesehene optische Sinn wegen der ihn entlastenden verstärkten Herzmuskeltätigkeit nicht ausreichend ausgelastet ist und wie alle bettlägerigen Muskeln Verkümmerungstendenzen unterliegt.

Zwar sprechen Menschen, die mit dem Herzen sehen, häufiger mit den Augen als andere, doch das reicht nicht, um die Aufgabenverschiebung zum Herzen hin vollständig auszugleichen. Dazu kommt nun, daß diejenigen, die bevorzugt mit den Augen sprechen, sich stärker auf die Nahrungsaufnahme konzentrieren, um ihren Mund in Bewegung zu halten, was nicht nur zunehmende Fettleibigkeit zur Folge hat, sondern auch Verdauungsbeschwerden aller Art nach sich zieht – bis hin zu Motilitätsstörungen, die sich durch Diarrhoe bemerkbar machen. Auch flatulentisches Völlegefühl gehört zu den unangenehmen Begleiterscheinungen.

Da nun Menschen, die bevorzugt mit dem Herzen sehen und mit den Augen sprechen, dazu neigen, sich auf ihr Bauchgefühl zu verlassen, und deshalb viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen, sind diese Bauch-Entscheidungen wegen der übermäßigen Gärung in dem genannten Bereich häufig recht unausgegoren. Bauchdenker, die mit dem Herzen sehen und mit den Augen sprechen, sollten wissen, was der Volksmund so treffend formuliert: Ein voller Bauch studiert nicht gern.

Eine innere Stimme sagt mir: Man hört nur mit den Ohren gut. Doch womit höre ich diese innere Stimme? Da sich mein inneres Ohr den größten Teil des Tages im Tinnitusrausch befindet und  deshalb für die Wahrnehmung von inneren Monologen ausfällt, muß es sich bei der inneren Stimme um eine Art stummen Bauchredner handeln. Doch welches Rezeptionsorgan nimmt die Reden eines stummen Bauchredners wahr? Ein betäubtes Ohr ganz sicher nicht.


09.12.2009 um 10:38 Uhr

Illusionen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Illusionen

Es gibt Tage, da halte ich mich für einen illusionslosen Betrachter, schlendernd auf dem Illusionenboulevard. Aber auch das ist natürlich nur eine Illusion unter Illusionen, denn auch wer skeptisch Oberflächen betrachtet und an ihnen kratzt, wird getrieben von der Illusion, der Anschein sei nicht Wesen, und hinter der äußeren Hülle müsse etwas möglicherweise fundamental anderes verborgen sein.

07.12.2009 um 22:36 Uhr

Sei wie ein Schwan

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Sei wie ein Schwan

Sei wie ein Schwan im weißen Wasser
so gleite durch den Strom der Zeit
spür in den Wellen den Verfasser
des dunklen Rätsels Ewigkeit

hör in der Tiefe Rabenstimmen
fremder Gestalten Klagelaut
laß dich von Charons Brut umschwimmen
und fühl die kalte Schlangenhaut

schau in dir in die fernste Ferne
und bleibe immer nah bei dir
alleine in der Allzisterne
allein mit dir und mir und ihr.

So gleite lautlos durch die Weiten
des zeitgekrümmten Wellenraums
im Spiel der wirbelnden Gezeiten
im Innern deines Lebenstraums

05.12.2009 um 15:08 Uhr

Utopie als Heilserwartung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Utopie als Heilserwartung

Wenn die chiliastischen Vorstellungen, die allen religiösen Fata Morganen zugrunde liegen, säkularisiert werden, entsteht als weltliche Variante die politische Utopie. Beide speisen sich aus eschatologischen Auffassungen von der Geschichte als Verwirklichung eines Telos.

Das führt zum Streben nach Tausendjährigen Reichen und ist das Gegenteil von Freiheit. Gesellschaftliche Utopie begreift den einzelnen lediglich als Hülle einer Entelechie und nicht als individuelles Wesen. Das ist der Grund, weshalb politische Utopie, sobald man mit ihrer Verwirklichung beginnt, rasch menschenfeindliche Züge annimmt und manchmal in Barbarei endet. Wenn der Zweck die Mittel heiligt, wird die Heilserwartung zum Unheil.

04.12.2009 um 23:36 Uhr

Grund zur Bescheidenheit

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Grund zur Bescheidenheit

Auch Berge fallen
und Steine fahren ins Tal
vom Regen zerstäubt

Bäume neigen sich im Wind
und Ebenen erblühen

04.12.2009 um 21:37 Uhr

Ein paar Worte zur Utopie

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Ein paar Worte zur Utopie

Der Mensch braucht Utopien, um sich darüber hinwegzutäuschen, wie er tatsächlich ist, und er braucht Utopien, um seine Bosheit zu rechtfertigen, die der eigentliche Antrieb ist, der ihn in Schwung bringt. Hat er eine Utopie, so macht er daraus eine Ideologie, deren es bedarf, um vorzutäuschen, man wolle eine Utopie verwirklichen. In Wirklichkeit strebt man nur nach Macht über die andern.

Man muß schon mit Hegel an die Vernunft der Geschichte glauben, um die Unvernuft der Geschichte zu übersehen, die man durch den Glauben an die Vernunft der Geschichte erst hervorgebracht und nach Kräften gefördert hat.

Die Utopie des Esels ist eine Gesellschaft, in der ein andrer seine Lasten trägt: Utop-ia.

Ein anzustrebender Zustand wäre einer, an dem keine Veranlassung mehr bestünde, utopische Vorstellungen zu entwickeln. Doch das ist – leider – Utopie.

04.12.2009 um 08:25 Uhr

Zwischen den Stühlen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Zwischen den Stühlen

Von jemandem, der zwischen allen Stühlen sitzt, sagt man, er sei in einer unangenehmen Lage. In mancher Hinsicht mag das zutreffen. So leidet ein solcher Mensch vielleicht häufiger als andere an einem kalten Hintern und wird unfreiwillig Experte für extremste Formen von Hyperhidrosis pedis. Doch all das wird durch etwas aufgewogen, was denen auf den Stühlen notwendigerweise abgeht: Bodenhaftung.

03.12.2009 um 23:43 Uhr

Nutzlosigkeit

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Nutzlosigkeit

Dieser lächerliche Versuch einiger Osho-Imitatoren, die Vernunft und alles logische Denken als Funktion des Egos madig zu machen und ihre "Nutzlosigkeit" festzustellen. Dabei ist der Begriff "Nutzen" erst durch die Vernunft in die Welt gekommen. Wenn der Esoteriker nun von "Nutzen" und "Nutzlosigkeit" spricht, muß er, wenn das nicht nur wahnhaftes Geschwätz sein soll, immer die vernunftlogischen Meßgeräte in der Tasche haben, um die von ihm behauptete Nutzlosigkeit überhaupt wahrnehmen und darstellen zu können.

Der Nutzen der Lehre von der Nutzlosigkeit des Denkens ist ohne die Vernunft nicht feststellbar, mit Hilfe der Vernunft festgestellt, ist sie jedoch gleichzeitig widerlegt. Ein paradoxes Phänomen.

Der einzige Esoteriker, der auf mich überzeugend wirkt, ist still, lächelt vor sich hin und singt hin und wieder ein Liedchen.

02.12.2009 um 21:58 Uhr

Mehr Rücksicht beim Gehwegverkehr

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Mehr Rücksicht beim Gehwegverkehr

Gestern in den späten Abendstunden habe ich, ich muß es gestehen, einen harmlosen Fahrradfahrer gefährdet und wahrscheinlich zu Tode erschreckt, weil ich ein wenig in Gedanken war und meiner Sorgfaltspflicht im Straßenverkehr deshalb nur unzureichend nachgekommen bin.

Glücklicherweise ist nichts wirklich Schlimmes passiert, denn meine Reflexe sind offensichtlich noch so gut, daß ich rechtzeitig stand, bevor ich mit dem Radfahrer zusammenstoßen konnte. So blieb er ohne Blessuren und konnte seine Fahrt, wenn auch verständlicherweise ein wenig erbost, fortsetzen. Daß ich ihm außerordentlich dankbar bin, von ihm, wie das ansonsten mittlerweile Usus ist, weder direkt als Idiot beschimpft noch durch besondere Fingerzeichen, die im Straßenverkehr heute an der Tagesordnung sind, in meiner Würde herabgesetzt zu werden, versteht sich von selbst.

Dieser Radfahrer ist zu bedauern, denn er muß wahrscheinlich das ganze Jahr über diese schmutzig-dunkle Kleidung tragen, weil er sich hellere neue nicht leisten kann, und sicherlich aus denselben Gründen auf die Freuden der Fahrradbeleuchtung verzichten, denn wir wissen doch alle, wie teuer Reparaturen sind. Und dann ist solch ein armer Tretsklave ständig noch mit gedankenlosen Fußgängern wie mir konfrontiert, die glauben, sie könnten einfach eine Straße überqueren, ohne an die Radfahrer zu denken, und sich damit herausreden wollen, sie hätten keinen Radfahrer kommen sehen, und außerdem habe die Fußgängerampel Grün gezeigt, und darauf hätten sie sich verlassen. Als wüßten sie nicht, daß Radfahrer, ähnlich den Taxifahrern, ausdrücklich von der Beachtung dieser diktatorischen Lichtzeichen freigestellt sind. Ampeln gelten natürlich nicht für alle, schon gar nicht für Radfahrer!

Mein Appell an alle Fußgänger: Nehmt mehr Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer, vor allem, wenn diese  Zebrastreifen queren oder und auf Fußwegen unterwegs sind.

02.12.2009 um 20:06 Uhr

Begeisterung

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Begeisterung

Die Herzen glühen
wenn Donner musizieren
die Orgeln brausen

doch wenn die Trommeln dröhnen
erhebt sich der Wahngesang