Lyriost – Madentiraden

26.02.2010 um 10:44 Uhr

Still sehen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Still sehen

Um uns klarzumachen, was wir unserm Gehirn abverlangen, wenn wir in einer Gemäldegalerie tatsächlich aufmerksam ein Bild betrachten, so wir das noch können, sollten wir uns mal für anderthalb Stunden vor eines setzen und dabei bedenken, daß wir ungefähr hundertdreißigtausend Bilder sehen, wenn wir einen durchschnittlichen Kinofilm anschauen – ohne die übliche Magnum- und Bacardi-Berieselung.

25.02.2010 um 14:29 Uhr

Das gute Wort gut

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Das gute Wort gut

Mir wird regelmäßig schlecht, wenn ich das Wörtchen "gut" leichtfertig und ohne Ironie als Epitheton, dazu noch als ornamentales, benutzt sehe.

25.02.2010 um 13:43 Uhr

Griesgrämigkeit und Skepsis

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Griesgrämigkeit und Skepsis

Wenn wir der verbreiteten Annahme folgten, den Skeptiker könne man an der gerunzelten Stirn erkennen, hieße das in vielen Fällen die Griesgrämigkeit adeln, denn an der quergefalteten Stirn erkennt man – wie auch an vertikal deformierten Mundwinkeln – vor allem den häufig schweigsamen Miesepeter. Zeichen von Skepsis dagegen sind weniger am Gesicht abzulesen, als vielmehr dem Satzbau des Skeptikers zu entnehmen. Im Gegensatz zum maulfaulen Griesgram ist der Skeptiker nicht mürrisch knapp, sondern hat eine Vorliebe für längere Konditionalsätze. Der Brumm-Muffel dagegen ist auf knappe konditionale Imperative beschränkt, und nur im stillen Kämmerlein weint der Arme muffelig konditional mit der Kerze um die Wette: Wenn ich nicht so benachteiligt würde ...

25.02.2010 um 09:10 Uhr

Sprüche klopfen

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Sprüche klopfen

Seitdem das Teppichklopfen, bei dem der Mensch seine verborgene Wut ausagieren konnte, durch den technischen Fortschritt aus der Mode gekommen ist, hat die Zahl der Verbalballerer deutlich zugenommen. Heute klopft man nicht mehr Teppiche, heute klopft man Sprüche.

21.02.2010 um 21:42 Uhr

Spätrömische Dekadenz

von: Lyriost

Spätrömische Dekadenz

Betrachtet man die Geschichte der Dekadenz, so war diese zu allen Zeiten – auch und gerade im alten Rom – eine Sache der Arbeitslosen. Arbeitslosigkeit verführt geradezu zur Dekadenz. Der Arbeitslose möchte nicht mehr in einer bescheidenen Stadtvilla wohnen, es zieht ihn in einen repräsentativen Marmorpalast. Ein Arbeitsloser, der nur über zehn bis zwanzig Sklaven gebietet, wird von anderen Arbeitslosen milde belächelt, und wer gar in einem kleinen Badezimmer in simples Wasser steigt, statt sich von Bediensteten zum Milch- oder Sektbad ins eigene Badehaus geleiten zu lassen, ist ein gesellschaftliches Nichts. So war das im alten Rom, und so ist das noch heute. Die Dekadenz der römischen Nichtstuer wurde dem Römischen Reich zum Verhängnis, es ging vor allem zugrunde an der Gier der beschäftigungslosen Reichen, der Jagd nach dem persönlichen Vorteil, mangelndem Gemeinsinn, verbunden mit Prunksucht. Insofern ist die neoliberale Gesellschaftsentwicklung eine Entwicklung in Richtung Neodekadenz. Nur das mit dem Prunken muß noch etwas verbessert werden. Der Maserati Quattroporte – auch mein Lieblingsfahrzeug – als Dienstwagen eines Sozialarbeiters, allerdings keines Arbeitslosen, ist so gesehen ein Anfang, der Hoffnung macht. Selbst begütertere Arbeitslose bescheiden sich dagegen meist noch mit S-Klasse-Kutschen aus Sindelfingen, unpathetische Fahrzeuge von geringem ästhetischem Wert.

Wenn in letzter Zeit von jemandem, der mit seiner zu kurzen Latte im (für ihn) historischen Nebel stochert, versucht wird, den Dekadenzbegriff auf nichtvermögende, zum großen Teil unfreiwillige Arbeitslose auszudehnen, dann steckt dahinter nicht zuletzt so etwas wie der Sozialneid von Besserverdienenden, die heimlich von spätrömischen Verhältnissen träumen, Verhältnissen, wo der Herr noch der Herr war und der Sklave der Sklave und wo man sich köstlich über die Rangelei der Bediensteten amüsieren konnte, die entstand, wenn die Herren ein paar Brosamen vom Tisch wischten.

Dekadenz, ja selbst der Anschein einer solchen Haltung, ist ausschließlich etwas für die Oberschicht, das muß klar sein.  

12.02.2010 um 15:33 Uhr

Verantwortung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Verantwortung

Die Freiheit des Menschen besteht nicht in dem Vermögen, handelnd die Grenzen zu sprengen, deren er gegenübersteht oder zu stehen glaubt, Freiheit heißt, sich eingedenk der anscheinenden Grenzenlosigkeit menschlichen Tuns aus Einsicht selbst Grenzen im Handeln setzen zu können. Um diese Grenzen für sich zu definieren, muß jeder ein möglichst klares Bild von dem ungeheuren Destruktionspotential besitzen, aus dem er als Individuum und als Teil einer Gruppe oder der Art als ganzer schöpfen kann.

12.02.2010 um 13:13 Uhr

Hüter der Wahrheit

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Hüter der Wahrheit

Wir sind dazu verdammt, Hüter einer Wahrheit zu sein, von der wir nichts wissen und an an deren Existenz wir nicht einmal inbrünstig glauben können, wenn wir unter glauben mehr verstehen als nur habituelles Dafürhalten.

12.02.2010 um 11:12 Uhr

Das Formen der Gedanken

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Das Formen der Gedanken

Beim Ordnen und Ausdrücken von Gedanken, beim Formen der Worte sollten wir streng sein, denn strenges Formen bringt Klarheit in die Gedanken, und der Gedanke braucht die strenge Form, um zu strahlen – wenn er Strahlkraft besitzt. Wertvolle Gedanken sind wie Rohdiamanten: Sie müssen geschliffen werden. Das geht aber nicht mit Schleifpapier aus dem Baumarkt. Solche Schmirgelspielerei führt zu nichts. Wie Diamanten an Diamanten, so muß man Gedanken mühevoll an anderen Gedanken reiben, um sie zum Leuchten zu bringen; und sie müssen, wie Diamanten, eine ihnen gemäße Fassung bekommen.

11.02.2010 um 14:00 Uhr

Tirade 145 – Oasenchimären

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 145 – Oasenchimären

Es knirscht in den Schuhn
stetes Wachsen der Wüste
Wehender Verschritt

der Pinsel der Epoche
malt Oasen in den Sand

05.02.2010 um 14:28 Uhr

Du

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Du

Du bist die Antwort
nicht die Frage
du bist der Tanz
der die Musik bestimmt
du bist das Urteil
vor der Klage
du bist die Glut
die in der Asche
glimmt

du bist das
mohngeblümte Wunder
wenn du das Wunder
wirklich willst
du bist der Stern
der aufgeblühte
der in der Morgensonne
schmilzt

02.02.2010 um 01:09 Uhr

Zeit für die Zeit

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Zeit für die Zeit

Man muß Zeit haben, um sich die Zeit nehmen zu können, über die Zeit nachzudenken und darüber, was es heißt, Zeit zu haben oder sich Zeit zu nehmen. Meistens haben wir jedoch keine Zeit für die Zeit, weil wir uns mit der siebten Wiederholung der sechsten Folge von irgendwas beschäftigen: dem Zeitgeschmack entsprechend.