Lyriost – Madentiraden

30.04.2010 um 18:23 Uhr

Langeweile

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Langeweile

Langeweile ist die Unfähigkeit zum Müßiggang.

28.04.2010 um 08:24 Uhr

Nicht ganz ernst gemeint

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Nicht ganz ernst gemeint

Du sollst nicht töten
schrieben sie auf ihre Fahnen
dann schlachteten sie
ein paar Rinder und Schweine
oder Schafe und Ziegen
feierten zum Abschied
mit ihren Frauen
bis spät in die Nacht
und im Morgengrauen
zogen sie lärmend in
den Krieg

23.04.2010 um 07:44 Uhr

Ohne Balken

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Ohne Balken

Das bewußte Wahrnehmen unserer Existenz im unendlichen Raum ähnelt der Situation eines Schiffbrüchigen abseits der Verkehrsrouten, und unser Denken ist wie schwimmen im Ozean – sehr bald ermüdend, und so müssen wir von Zeit zu Zeit Ausschau halten nach einem passablen Stück Treibgut, um uns eine Weile auszuruhen, bis wir wieder zu Kräften gekommen sind. Bald aber geht es weiter, wollen wir unsere Hoffnung, jemals ein rettendes Schiff oder gar ein Ufer zu erreichen, nicht aufgeben, so vage und unbegründet diese Hoffnung auch zu sein scheint. Ganz wie der Schwimmer vom Geschwemmsel, müssen wir uns auch beim Denken von den Wrackteilen der Ideologien, allen hölzernen Überbleibseln lösen, wenn wir uns nicht nur treiben lassen wollen. Wasser hat keine Balken, und mit dem Denken ist es nicht anders: Unsere gefeierten Wahrheiten werden sich schon bald als die Trümmer von Schiffbrüchen erweisen.

22.04.2010 um 08:02 Uhr

Rezept

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Rezept

Nimm deine Wünsche
presse sie in Theorie
platte Papiere

mit Herzblut färben
dann laß sie fliegen

sie flattern bald im Wind
wie blutbefleckte Fahnen

 

21.04.2010 um 21:52 Uhr

Der Gesellschaftsentwurf und Sinn von Sinn

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Der Gesellschaftsentwurf und Sinn von Sinn

Seit Platon ist es so, daß utopische Gesellschaftsentwürfe abhängig sind von den gegebenen Macht- und Herrschaftsverhältnissen, auf die sie zurückwirken oder zurückzuwirken versuchen. Ob sie nun affirmativ-naiv auf Herrschaftszähmung aus ist oder Herrschaft negiert, stets bleibt die Utopie der Folie verpflichtet, auf der sie sichtbar wird. Als Negation der Verhältnisse ist Utopie das Wahre, das im Falschen spiegelbildlich aufscheint und aus ihm herausdestilliert werden kann. Im Unglück ist das Glück verborgen und im Sinnlosen der Sinn. Die Vorstellungen von Glück und Unglück werden ebenso selbstverständlich aus den Verhältnissen herausgezogen wie die Idee der Herrschaft und ihre Negation, und hinter ihnen allen steht das Konzept Sinn, so als handle es sich dabei um ein nicht hinterfragbares abstraktes Prinzip.

Was aber ist Sinn? Wenn wir uns fragen, welchen Sinn etwas für wen hat, dann setzen wir bereits voraus, wir wüßten, was Sinn bedeutet. Was aber finden wir, wenn wir den Sinn hinter dem Wort Sinn suchen? Wir finden genau das, was wir in das Wort hineinlegen. Und nicht mehr. Wir werfen eine Handvoll Teleologie ins Universum und freuen uns wie die Kinder, wenn wir nach langem Suchen darin den Telos finden.

Um unsere Existenz und ihre Form zu deuten, geben wir allem Bedeutung, ohne zu wissen, ob Bedeutung überhaupt etwas bedeutet. Die Erkenntnis dieses Pferdefußes der Erkenntnis berechtigt uns zu ausgeprägter erkenntnistheoretischer Bescheidenheit und erst recht zu größter Zurückhaltung bei der Formulierung utopischer Gesellschaftsentwürfe, sowohl der herrschaftsfreien Art wie auch solcher, die (vorgeblich) Herrschaft als Mittel zum Zweck betrachten, um das (ferne, allzu ferne) Glück der Menschheit zu erreichen.

Glück kann es jedoch nur für den einzelnen geben, und zwar jetzt, genau in diesem Augenblick.

20.04.2010 um 13:19 Uhr

Utopie als Heilserwartung

von: Lyriost   Kategorie: Mini-Essays

Utopie als Heilserwartung

Wenn die chiliastischen Vorstellungen, die allen religiösen Fata Morganen zugrunde liegen, säkularisiert werden, entsteht als weltliche Variante die politische Utopie. Beide speisen sich aus eschatologischen Auffassungen von der Geschichte als Verwirklichung eines Telos.

Das führt zum Streben nach Tausendjährigen Reichen und ist das Gegenteil von Freiheit. Gesellschaftliche Utopie begreift den einzelnen lediglich als Hülle einer Entelechie und nicht als individuelles Wesen. Das ist der Grund, weshalb politische Utopie, sobald man mit ihrer Verwirklichung beginnt, rasch menschenfeindliche Züge annimmt und manchmal in Barbarei endet. Wenn der Zweck die Mittel heiligt, wird die Heilserwartung zum Unheil.

Weit entfernt davon, den Begriff der Utopie ungebrochen positiv zu sehen, aber durchaus kein Mensch ohne Phantasie, Visionen und Idealvorstellungen, möchte ich darauf hinweisen, daß auch und gerade totalitaristische Weltherrschaftsträume in utopischen Vorstellungen wurzeln, ebenso der Wahn von der technischen Beherrschung der Natur, den man abgeschwächt und modifiziert auch bei Denkern findet, die nicht ohne weiteres dem Totalitarismus zugeordnet werden können. Oder die Betonwüsten vieler Großstädte, sie sind, gewachsen aus dem Samen utopischen Bauhausdenkens, das, was von theoretischen Idealen übrigbleibt, wenn sie zu gesellschaftlicher Praxis werden.

Blickend über die Dächer von Berliner Altbauten, freue ich mich, in einem ebensolchen Gebäude zu wohnen. Es gibt jedoch sehr unterschiedliche Auffassungen über Hygiene und Lichtdurchflutung, wie über Wohnqualität ganz allgemein, und genau da ist der Kern der Verwirklichung utopischer Visionen: Bisher haben alle mir bekannten gesellschaftlichen Utopien bei ihrer Umsetzung die Neigung entwickelt, sich über unterschiedliche Auffassungen, die nicht mit denen der "Erfinder" solcher Modelle übereinstimmten, nonchalant hinwegzusetzen. Auch darüber, was tatsächlich gesellschaftlicher "Fortschritt" ist und was nicht, läßt sich trefflich streiten. Solange das Streiten noch erlaubt ist.

Es liegt mir fern, Visionäre für die mißlungene Umsetzung ihrer Visionen verantwortlich zu machen, ich möchte lediglich zu bedenken geben, ob nicht vernünftigerweise beim Visionieren bedacht werden sollte, wie Menschen seit Menschengedenken sind und daß der "neue Mensch", den man bei vielen dieser optimistischen Visionen einfach voraussetzt, bei der Umsetzung utopischer Konzepte nicht von selbst aus der Erde wächst.


Utopische Vorstellungen einer gerechten und schönen Welt unterscheiden sich wesentlich, sind Idealvorstellungen unterschiedlicher Individuen, und die Utopie des Spießbürgers ist eine ganz andere als die des Ästheten, und beide wenden sich vielleicht mit Grausen ab, wenn sie mit der gesellschaftlichen Utopie eines Dritten konfrontiert werden, selbst wenn es nicht der utopische Bauernstaat von Pol Pot ist.

Der Mensch braucht Utopien, um sich darüber hinwegzutäuschen, wie er tatsächlich ist, und er braucht Utopien, die stets das Gute wollen, auch wenn sie meist das Böse schaffen, um nicht zuletzt auch seine Bosheit zu rechtfertigen, die der eigentliche Antrieb ist, der ihn in Schwung bringt und der ein Teil von jener Kraft sein soll, "die stets das Böse will und stets das Gute schafft", wie Goethe noch hoffte.

Hat der Mensch eine Vision, so gießt er anschauliche Abbilder davon, abstrahiert diese zu Buchstaben und formt daraus eine Ideologie, deren es bedarf, um vorzutäuschen, man wolle eine Utopie verwirklichen. In Wirklichkeit strebt man nur nach Macht über die andern. Die Utopie des Esels ist eine Gesellschaft, in der ein andrer seine Lasten trägt: Utop-ia.

Heute, in einem scheinbar nachutopischen Zeitalter, da die utopischen Vorstellungen vom "Absterben des Staates" und "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" geräuschvoll auf der Deponie der Geschichte abgefackelt wurden, sind nur noch die Utopien der Marktes geblieben, die Träume des Kapitals. Aber auch diese utopischen Blütenträume werden mittelfristig immer weniger Menschen die Nächte erhellen und spätestens dann enden, wenn die Lebensgrundlagen in Klump gehauen sind.

Man muß schon mit Hegel an die Vernunft der Geschichte glauben, um die Unvernuft der Geschichte zu übersehen, die man durch den Glauben an die Vernunft der Geschichte erst hervorgebracht und nach Kräften gefördert hat.

Politische Utopien sind der Stoff für Menschheitsbeglücker, die die Menschheit (angeblich) in eine leuchtende, schattenlose Zukunft führen wollen – notfalls mit Gewalt. Ich bin eher bescheiden, gebe mich mit Licht und Schatten der Gegenwart zufrieden und zünde hier und da eine Kerze an.

Ein anzustrebender Zustand wäre einer, an dem keine Veranlassung mehr bestünde, utopische Vorstellungen zu entwickeln. Doch ein solcher Zustand ist – leider – Utopie.

ZEIT

19.04.2010 um 12:19 Uhr

Fruchtbare Gespräche

von: Lyriost

Fruchtbare Gespräche

Ein Gespräch zwischen Menschen ist dann besonders fruchtbar, wenn sie sich darin einig sind, daß sie sich in unterschiedlichen Dingen irren und das Ziel ihres Gesprächs nicht ausschließlich darin bestehen sollte, ihre Irrtümer zu nivellieren.

19.04.2010 um 11:33 Uhr

Selbstschutz und Tabu

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Selbstschutz und Tabu

Anatomie der Schwachsinnsbehauptung: Wer sich nicht traut, seine Meinung zu sagen, weil er Angst davor hat, daß sie sich im Gespräch als unsinnig erweist, meidet das Gespräch und die Selbsterkenntnis am besten dadurch, daß er erklärt, er dürfe das, was er denkt, nicht sagen, denn er verstoße sonst gegen Tabus. So kann man bequem weiter dummdenken. Eine Variante: Der etwas Mutigere sagt das, was er denkt, freiheraus, ohne nachzudenken, und führt den folgenden Widerstand und das Gelächter ausschließlich darauf zurück, daß dieses Ausdruck einer Tabuisierung sei. Auch so bleibt der eigene Standpunkt imprägniert gegen Fremdargumente und kann Stehpunkt bleiben.

17.04.2010 um 17:31 Uhr

Brötchen backen

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Brötchen backen

Es genügt nicht, kleine Brötchen zu backen: Man muß sie auch als große verkaufen können.

17.04.2010 um 15:25 Uhr

Moralapostelei

von: Lyriost

Moralapostelei

Die Hauptschwierigkeit bei der Apostrophierung anderer als "Moralapostel" – das ergibt sich aus der inneren Logik der Nachdrücklichkeit –, ist der Umstand, daß man dabei erst schleichend, doch dann immer offensichtlicher selbst zu dem wird, was man zu bekämpfen glaubt. Apostolisches Sendungsbewußtsein schafft sich selbst eine Moral, von deren Warte aus es die Moral der anderen zu entwerten versucht. Dabei wird man leicht zum Demagogen oder zum Prediger.

Rübennase

16.04.2010 um 23:06 Uhr

Das reine Herz

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Das reine Herz

Ich bin nicht mehr klein
doch mein Herz ist ganz rein
auch wenn es mal staubt

und wer das nicht glaubt
und nicht aufhört zu tratschen
der kriegt eine Watschen*

 

* Backpfeife, Ohrfeige, Schelle

 

DIE ZEIT

15.04.2010 um 16:48 Uhr

Genial

von: Lyriost   Kategorie: Sonstiges

 

 

 

          Genial

15.04.2010 um 09:50 Uhr

Wahrheit

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Wahrheit

Nun auch noch Wahrheit
das unbekannte Wesen
wesenlos rein
erschaffen in den Köpfen
der belogenen Lügner
die Spinne legt ihre Eier
und spinnt ihre Fäden
in kernlosen Zeiten
kein Zentrum
kein Halt
nur ein
Brei 

14.04.2010 um 13:35 Uhr

Krieg um Frieden

von: Lyriost

Krieg um Frieden

Lange konnten sie sich nicht einigen, wer der Friedlichste von ihnen war, es ging hin und her, und jeder glaubte, er hätte die besten Argumente. Nichts half, und unzufrieden und entnervt saßen sie da und warfen sich giftige Blicke zu. Dann hatte einer eine Idee: Wir werden das ein für allemal ausfechten, nicht nur mit Worten, sondern mit Taten. Darauf konnten sich alle ohne weiteres einigen. Und so begann der Krieg.

14.04.2010 um 10:22 Uhr

Vollidiot

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Vollidiot

Eine vielleicht idiotische Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Idioten und einem Vollidioten?

Wer in einem Boot voller Idioten sagt, das Boot sei voller Idioten, ist ein Vollidiot. Sagt der gewöhnliche Idiot.

13.04.2010 um 13:35 Uhr

Die Idee des anderen

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Die Idee des anderen

Wenn wir an der Idee eines anderen so gar nichts auszusetzen haben, uns aber dennoch nach langem Suchen – Drehen und Wenden und Schauen – immer noch ein Gefühl der Abneigung beschleicht, dann liegt es wahrscheinlich daran, daß ein unreifer Teil in uns sich grämt, nicht selbst darauf gekommen zu sein.

13.04.2010 um 12:23 Uhr

Spruch des Tages

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Spruch des Tages

Wenn man länger darüber nachdenkt, entpuppt sich mancher Spruch des Tages als Selbsttor des Monats.

13.04.2010 um 09:42 Uhr

Gutmensch

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Gutmensch

"Gutmensch" ist ein Schmähwort des egoistischen Menschen, meistens benutzt, um weniger egoistische Menschen zu verunglimpfen. Gern laut gerufen, damit das eigene schlechte Gewissen übertönt wird. Annähernd synonym mit "Weltverbesserer".

Vom Menschentum

13.04.2010 um 00:14 Uhr

Bewußt sein

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Bewußt sein

Solange man noch wichtig sein möchte, ist man nicht richtig bewußt. Aber auch wenn man es wichtig findet, bewußt zu sein, mangelt es an Bewußtsein.

12.04.2010 um 16:06 Uhr

Glaube und Gesellschaft

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Glaube und Gesellschaft

Heute ist es bei uns weitgehend gesellschaftlicher Konsens – wenn auch noch nicht immer tatsächliche Praxis von Eltern und Lehrern –,  Kinder zu loben und sie bei der Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit zu unterstützen.

Das ist eine ziemlich neue Herangehensweise. Bis vor kurzem ging es doch bei der Erziehung eher darum, den Kindern elterlichen Willen aufzuzwingen, sie in die vorgefertigten Schablonen gesellschaftlichen Funktionierens einzupassen. Wen interessierte in der Vergangenheit die Entwicklung von Persönlichkeit? Nicht die Eltern, nicht den Staat und schon gar nicht die Kirche. Überall autoritäre, hierarchische Strukturen, in die man hineingezwungen wurde, und auch der allerorten beschworene christliche Glaube war kein Herzensbedürfnis, kein Ausdruck der Sehnsucht, sondern eine aufgezwungene und vielfach nicht reflektierte Selbstverständlichkeit. Das Oben und Unten in der Gesellschaft war klar vorgegeben, und zu dieser Gesellschaft gehörte die Kirche als Erscheinungsform der Macht, vor der man den Rücken zu krümmen hatte. Individualisierung von Glauben war nicht vorgesehen und nicht erlaubt, da schädlich für das Machtgefüge. Gerade deshalb wurden die Mystiker allezeit an den Rand der Kirche gedrängt oder darüber hinaus.

Durch den jahrtausendelangen Zwang zur Unterordnung fällt es den meisten Menschen immer noch schwer, Selbstbewußtsein zu entwickeln, den Glauben an sich selbst. Und so kriechen sie unter bei den Priestern, den starken Männern, den Gurus und Experten. Und wenn eines der traditionellen Heilsinstitute und Daseinserklärungsämter fragwürdig geworden ist, dann wechselt so mancher Glaubensgewöhnte zu einem anderen.

Oder zu einem Geldinstitut.