Konkrete Utopie
Konkrete Utopie
Das Gefährlichste an der Utopie ist ihre Konkretion.
Konkrete Utopie
Das Gefährlichste an der Utopie ist ihre Konkretion.
Transzendenz und Immanenz
Beim Gespräch um die Konkretion utopischer Vorstellungen geht es mir nicht so sehr um die Frage, ob unsere Heilserwartungen mit transzendenten Entitäten verknüpft werden, sondern ich frage mich, ob der Hauptfehler nicht darin liegt, überhaupt utopische Vorstellungen zu hegen und zu pflegen (die lt. Erbschein aus dem Nachlaß des monotheistischen Dreigestirns stammen), statt klar, realistisch und ohne Illusionen auf Menschen und Welt zu schauen. Mit einer Rückprojektion von Heilserwartung in den Bereich der Immanenz ist doch noch nichts gewonnen, vielmehr werden damit lediglich chiliastische Vorstellungen säkularisiert.
Kriege zur Durchsetzung weltweiter paradiesischer Zustände kann man auch ohne priesterlich vermittelten göttlichen Beistand hervorragend führen. Bei der Verkündung des Marschbefehls in eine glückliche Zukunft für alle braucht es nur schöne bunte Uniformen, die davon ablenken, daß nur für wenige diese Zukunft in die Gegenwart ragt. Die Uniformträger werden sicherlich nicht zu diesen wenigen gehören.
Verschmähte Liebe
Das Mondschaf stand allein im Feld
und fühlte sich im Stich gelassen:
"Bleib bei mir, Schäfer, du, mein Held?"
Es konnt sein Unglück gar nicht fassen.
Den Schäfer konnte das nicht rühren,
das dumme Schaf war nicht sein Fall –
ging in die Stadt, Bordelle inspizieren,
war lieber Hahn im Hühnerstall.
Flüstern
In leeren Räumen
ist Flüstern wie ein Schreien
das schont die Stimme
Hohn, Spott, Häme
Was unterscheidet den Hohn vom Spott? Der Spötter putzt sich die Zähne, bevor er zubeißt. Der Hämische dagegen ist ein Spötter mit schlechten Zähnen und mangelhafter Mundhygiene: Zähneputzen lohnt bei ihm nicht mehr. Manchmal kauen die Letztgenannten auf Pfefferminzgummi rum. Riechen tun sie trotzdem.
Umgangssprachlicher Krieg
Beim Ausdruck "umgangssprachlicher Krieg", also der Bezeichnung dessen, was offen euphemistisch am besten temporäres Friedensdefizit genannt werden kann, findet sich eine Verschiebung des Euphemismus ins Attribut. Man möchte die verschleiernde Wirkung, ohne daß das Stilmittel, das für den Nebel sorgt, sofort sichtbar wird. Deshalb nennt man das Ding beim Namen, benutzt jedoch ein nebulöses weichspülendes Beiwort, hoffend, daß dieses dem harten Wort seine Kraft nimmt. So hat man alles gesagt und kann je nach Lage der Dinge seine Hände in Unschuld waschen.
Die christliche Moral
Die christliche Moral
hat die Menschen gezähmt
ist kreuzgefahren
hat die Heiden entwolft
hat Hexen und Ketzer gerettet
vor dem Feuer
Indianer geschützt
den Dreißigjährigen Krieg verhütet
die Armen den Reichen
aus dem Rachen gezogen
den Ersten Weltkrieg unterbunden
den Zweiten Weltkrieg verhindert
Dank der christlichen Moral
kein Auschwitz und Hiroshima
der Mensch dem Menschen
kein Wolf
Was wären wir
ohne die christliche Moral?
Im Dunkeln die Zeit
Ein besonderes Merkmal der Zeit ist, daß die meisten sich nicht für sie zu interessieren scheinen. Also kreiert sie die vielen Zeiterscheinungen, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch es nützt ihr nichts, denn die Betrachter halten die Erscheinung für das Wesen. Und so bleibt die Zeit weiter allein in der Dunkelheit.
Meinungsverkündungsautomat
An jeder Ecke stehn sie, und keiner weiß, wie sie heißen, diese Automaten ... nun, wie soll ich sie nennen, ein passender Neologismus zur rechten Zeit: Meinungsverkündungsautomaten. Warum ist nicht schon mal eher einer darauf gekommen? Warum nicht ich?
Zimmergeschichte
Wir sitzen alle zusammen in einem Zimmer mit verschlossenen Türen. Die einen versuchen, sich dort einzurichten, und streiten über das Muster der Tapete und die richtige Anordnung der Sitzgruppen, während andere neue Legierungen für Brechstangen ersinnen, mit denen wieder andere vergeblich auf die Türen einstürmen, die sich als außerordentlich widerstandsfähig erwiesen haben. Dies ganze Szenarium existiert seit langer Zeit, und wir haben uns angewöhnt, es Geschichte zu nennen. Ein großes Wort für die Wirklichkeit in unserm kleinen Zimmer, das sich, wie wir vermuten dürfen, in einem Haus befindet, von dem wir aber leider nichts wissen, weil die Türbrecher, diese ewigen Versager, zwar viel schwitzen, doch leider nichts fertigbringen, als Brechstange um Brechstange zu verbiegen.
Diese Geschichte als Ganzes können wir ebensowenig sehen wie das Sein als Ganzes – die Türen sind zu, und wir kommen nicht raus, um eine höhere Perspektive einzunehmen.
Wie wollen wir nun eine Totalität erfassen, in deren Innerem wir uns befinden? Bleibt erst mal nichts weiter übrig, als das Ganze als ein Abenteuer zu betrachten und sich zu bemühen, innenarchitektonisch Akzente zu setzen.
Erdmann – Szenische Monodialoge 8
ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.
Schon erstaunlich
findest du nicht auch
mein lieber Spiegel
genau wie du
noch nicht richtig wach
aber schon ein freundlicher
Gesichtsausdruck
na ja unlängst
erst blankgewienert
mußt dich erkenntlich zeigen.
Apropos freundlicher Gesichtsausdruck
gestern hab ich aus aktuellem Anlaß
ich bin ja von Geburt katholisch, r.k.
den Herrn Mixa bildgegoogelt
herrje o Herr
Ritter im Kreuzzugsritterorden
selbst sein seltenes gequältes
Lächeln hat noch etwas Bedrohliches
ansonsten bis in die Mundwinkel
tiefempfundene Härte.
Schlägt so einer Kinder
wie jetzt Irregeleitete behaupten?
Man weiß es nicht.
Aber glaubt es gern.
Es könnte sein
müßte man ihm zugute halten
wenn die Vorwürfe nicht
gerichtlich verboten werden
was die Kirche angedroht hat
einmal Schläge immer Schläge
es könnte sein
daß in den Kindern
die geschlagen worden sein sollen
oder wollen
nicht nur der Satan
nein, auch der
Geist der Achtundsechziger
gefährlich aufblitzte
und deshalb – präventive
schwarze Pädagogik
ist Putativnotwehr –
bekämpft werden sollte
und mußte
jener Geist, der dafür
verantwortlich ist
daß unschuldige Kirchenleute
die Macht über ihre
gebetgewöhnten Hände
verloren und bekümmert
zusehen mußten
wie ihre Finger
unter die Soutanen
und in die Wolle der
Schäfchen wanderten.
Nichts zum Lachen
nicht mal zum Lächeln.
Mathias Richling
kann sich die Parodie sparen
das Original ist
unübertrefflich.*
"War einmal ein Bumerang ..."
Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.
Der Wolf
der dich umschleicht
der ist ganz brav
ein etwas helles
schwarzes Schaf
doch hüte dich
vor Vollmondnächten
wenn unerkannt
die Haut sich spannt
bei den Gerechten