Lyriost – Madentiraden

12.04.2010 um 13:29 Uhr

Konkrete Utopie

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Konkrete Utopie

Das Gefährlichste an der Utopie ist ihre Konkretion.

12.04.2010 um 13:26 Uhr

Transzendenz und Immanenz

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Transzendenz und Immanenz

Beim Gespräch um die Konkretion utopischer Vorstellungen geht es mir nicht so sehr um die Frage, ob unsere Heilserwartungen mit transzendenten Entitäten verknüpft werden, sondern ich frage mich, ob der Hauptfehler nicht darin liegt, überhaupt utopische Vorstellungen zu hegen und zu pflegen (die lt. Erbschein aus dem Nachlaß des monotheistischen Dreigestirns stammen), statt klar, realistisch und ohne Illusionen auf Menschen und Welt zu schauen. Mit einer Rückprojektion von Heilserwartung in den Bereich der Immanenz ist doch noch nichts gewonnen, vielmehr werden damit lediglich chiliastische Vorstellungen säkularisiert.

Kriege zur Durchsetzung weltweiter paradiesischer Zustände kann man auch ohne priesterlich vermittelten göttlichen Beistand hervorragend führen. Bei der Verkündung des Marschbefehls in eine glückliche Zukunft für alle braucht es nur schöne bunte Uniformen, die davon ablenken, daß nur für wenige diese Zukunft in die Gegenwart ragt. Die Uniformträger werden sicherlich nicht zu diesen wenigen gehören.

 

11.04.2010 um 19:41 Uhr

Intelligenz

von: Lyriost

Intelligenz

Warum finden wir keine Spuren von außerirdischer Intelligenz im All? Die Antwort ist denkbar einfach. Um Intelligenz zu erkennen, die von dem abweicht, was wir für Intelligenz halten, braucht es Intelligenz. Vielleicht erbarmt sich mal einer von denen, die unser Treiben auf der Erde beobachten, hört auf zu lachen, macht den Monitor aus, legt die Erdnußflips weg und schreibt uns eine nette Ansichtskarte mit Absender.

11.04.2010 um 12:38 Uhr

Säkulare Ethik

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Säkulare Ethik

Die christlichen Morallehren haben sich als unzureichend erwiesen, die Schlachthöfe auf der Erde zu schließen und den Menschen ein verträgliches Miteinander schmackhaft zu machen, die Bergpredigt wird als Sonntagsrede betrachtet und nicht ernst genommen, und weder der Koran noch die Thora können dazu beitragen, die Quellen zu schließen, aus denen Menschenverachtung und Boshaftigkeit sprudeln wie Geysire. Ganz im Gegenteil: Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen und Schattierungen graben die Hackebeilchen aus und wollen den Menschen ihre Moralvorstellungen notfalls mit Gewalt in die Köpfe transplantieren, und wenn die Köpfe nicht willig sind, dann werden sie eben abgeschlagen.

Was will man dem entgegensetzen? Keine Frage, wir brauchen eine säkulare humanistische Ethik, die locker über alle Fallstricke hinausschreitet und mit ihrer Schönheit und ihrer vollkommenen Gestalt ganz ohne Missionierung alle Welt beeindruckt und binnen kürzester Zeit universelle Gültigkeit erlangt, noch bevor die überall tickenden Zeitzünder abgelaufen sind. Doch woher soll eine solche Ethik kommen, wo ist das Fundament, auf dem sie sicher stünde, unangreifbar und für alle gleich gültig und von allen gleichermaßen akzeptiert? Wir selbst können uns ein eigenes Wertesystem schaffen, das nicht theonom ist, sondern seine Grundlagen in unserem Weltwissen, unseren Erfahrungen und Gefühlen hat. Dabei sind wir frei, in religiösen Vorstellungen wurzelnde Werte eklektisch in unser System zu übernehmen oder auch nicht.

Genau das tue ich. Die Frage ist nur: Weshalb sollte das jemand anderen interessieren? Wie allgemeingültig kann eine solche private Ethik sein? Und wenn wir überzeugt sein sollten, daß unsere säkulare Ethik – die sich wahrscheinlich von Fall zu Fall wenn nicht grundlegend, so doch zumindest en détail unterscheidet –, daß diese Ethik besser geeignet wäre als Überkommenes, um das Leben der Menschen zu erleichtern und Schlimmes zu verhüten, wie wollen wir das andern dann vermitteln, ohne selbst als Prediger und Missionar eines neuen Vernunftglaubens aufzutreten?

Dabei werden wir vermutlich schon genügend Probleme haben, uns selbst zu überzeugen, denn ein solides Fundament für eine universelle Ethik zu finden oder zu gießen (Stahlbeton sollte es schon sein), das ist gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheint.

10.04.2010 um 14:04 Uhr

Verschmähte Liebe

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Verschmähte Liebe

Das Mondschaf stand allein im Feld
und fühlte sich im Stich gelassen:
"Bleib bei mir, Schäfer, du, mein Held?"
Es konnt sein Unglück gar nicht fassen.

Den Schäfer konnte das nicht rühren,
das dumme Schaf war nicht sein Fall –
ging in die Stadt, Bordelle inspizieren,
war lieber Hahn im Hühnerstall.

 

09.04.2010 um 17:46 Uhr

Flüstern

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Flüstern

In leeren Räumen
ist Flüstern wie ein Schreien
das schont die Stimme

09.04.2010 um 09:28 Uhr

Meinungsbildung

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Meinungsbildung

Eine graue Zelle
hielt sich für recht helle
sprang in dunklen Meinungsbrei
nun ist sie gedankenfrei

08.04.2010 um 11:00 Uhr

Es muß nicht immer Kaviar sein

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Es muß nicht immer Kaviar sein

Bisher hatte ich Johannes Mario Simmel stets für einen Trivialschriftsteller gehalten. War er ja auch. Altes Germanistenvorurteil. Doch bisweilen ist das Gute ebenso trivial wie die hartnäckige geschmäcklerische Voreingenommenheit. Nun habe ich mal einen Roman von Simmel nicht nur kursorisch gelesen. Das Vorurteil hatte keinen Bestand. Simmel hat recht: "Es muß nicht immer Kaviar sein." Das Richtige ist manchmal auch das einfache Gute.

08.04.2010 um 09:33 Uhr

Hohn, Spott, Häme

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Hohn, Spott, Häme

Was unterscheidet den Hohn vom Spott? Der Spötter putzt sich die Zähne, bevor er zubeißt. Der Hämische dagegen ist ein Spötter mit schlechten Zähnen und mangelhafter Mundhygiene: Zähneputzen lohnt bei ihm nicht mehr. Manchmal kauen die Letztgenannten auf Pfefferminzgummi rum. Riechen tun sie trotzdem.

07.04.2010 um 21:03 Uhr

Krieg und Politik

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Krieg und Politik

Politik ist die Fortführung des Krieges mit andern Mitteln.

07.04.2010 um 14:39 Uhr

Vom Wölfischen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Vom Wölfischen

Der Wolf
der dich umschleicht
der ist ganz brav
ein etwas helles
schwarzes Schaf

doch hüte dich
vor Vollmondnächten
wenn unerkannt
die Haut sich spannt
bei den Gerechten

06.04.2010 um 10:11 Uhr

Umgangssprachlicher Krieg

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Umgangssprachlicher Krieg

Beim Ausdruck "umgangssprachlicher Krieg", also der Bezeichnung dessen, was offen euphemistisch am besten temporäres Friedensdefizit genannt werden kann, findet sich eine Verschiebung des Euphemismus ins Attribut. Man möchte die verschleiernde Wirkung, ohne daß das Stilmittel, das für den Nebel sorgt, sofort sichtbar wird. Deshalb nennt man das Ding beim Namen, benutzt jedoch ein nebulöses weichspülendes Beiwort, hoffend, daß dieses dem harten Wort seine Kraft nimmt. So hat man alles gesagt und kann je nach Lage der Dinge seine Hände in Unschuld waschen.  

 

05.04.2010 um 08:52 Uhr

Die christliche Moral

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Die christliche Moral

Die christliche Moral
hat die Menschen gezähmt

ist kreuzgefahren

hat die Heiden entwolft

hat Hexen und Ketzer gerettet
vor dem Feuer
Indianer geschützt
den Dreißigjährigen Krieg verhütet
die Armen den Reichen
aus dem Rachen gezogen

den Ersten Weltkrieg unterbunden
den Zweiten Weltkrieg verhindert

Dank der christlichen Moral
kein Auschwitz und Hiroshima
der Mensch dem Menschen
kein Wolf

Was wären wir
ohne die christliche Moral?

 

Hier weiter, wer mag ...

04.04.2010 um 09:47 Uhr

Im Dunkeln die Zeit

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Im Dunkeln die Zeit

Ein besonderes Merkmal der Zeit ist, daß die meisten sich nicht für sie zu interessieren scheinen. Also kreiert sie die vielen Zeiterscheinungen, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch es nützt ihr nichts, denn die Betrachter halten die Erscheinung für das Wesen. Und so bleibt die Zeit weiter allein in der Dunkelheit.

03.04.2010 um 11:00 Uhr

Meinungsverkündungsautomat

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Meinungsverkündungsautomat

An jeder Ecke stehn sie, und keiner weiß, wie sie heißen, diese Automaten ... nun, wie soll ich sie nennen, ein passender Neologismus zur rechten Zeit: Meinungsverkündungsautomaten. Warum ist nicht schon mal eher einer darauf gekommen? Warum nicht ich?

03.04.2010 um 09:27 Uhr

Zimmergeschichte

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Zimmergeschichte

Wir sitzen alle zusammen in einem Zimmer mit verschlossenen Türen. Die einen versuchen, sich dort einzurichten, und streiten über das Muster der Tapete und die richtige Anordnung der Sitzgruppen, während andere neue Legierungen für Brechstangen ersinnen, mit denen wieder andere vergeblich auf die Türen einstürmen, die sich als außerordentlich widerstandsfähig erwiesen haben. Dies ganze Szenarium existiert seit langer Zeit, und wir haben uns angewöhnt, es Geschichte zu nennen. Ein großes Wort für die Wirklichkeit in unserm kleinen Zimmer, das sich, wie wir vermuten dürfen, in einem Haus befindet, von dem wir aber leider nichts wissen, weil die Türbrecher, diese ewigen Versager, zwar viel schwitzen, doch leider nichts fertigbringen, als Brechstange um Brechstange zu verbiegen.

Diese Geschichte als Ganzes können wir ebensowenig sehen wie das Sein als Ganzes – die Türen sind zu, und wir kommen nicht raus, um eine höhere Perspektive einzunehmen.

Wie wollen wir nun eine Totalität erfassen, in deren Innerem wir uns befinden? Bleibt erst mal nichts weiter übrig, als das Ganze als ein Abenteuer zu betrachten und sich zu bemühen, innenarchitektonisch Akzente zu setzen.

01.04.2010 um 11:41 Uhr

Erdmann – Szenische Monodialoge 8

von: Lyriost   Kategorie: Sonstiges   Stichwörter: Mixa, Prügel, Pädagogik

Erdmann – Szenische Monodialoge 8

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Schon erstaunlich
findest du nicht auch
mein lieber Spiegel
genau wie du
noch nicht richtig wach
aber schon ein freundlicher
Gesichtsausdruck
na ja unlängst
erst blankgewienert
mußt dich erkenntlich zeigen.

Apropos freundlicher Gesichtsausdruck
gestern hab ich aus aktuellem Anlaß
ich bin ja von Geburt katholisch, r.k.
den Herrn Mixa bildgegoogelt
herrje o Herr
Ritter im Kreuzzugsritterorden
selbst sein seltenes gequältes
Lächeln hat noch etwas Bedrohliches
ansonsten bis in die Mundwinkel
tiefempfundene Härte.
Schlägt so einer Kinder
wie jetzt Irregeleitete behaupten?
Man weiß es nicht.
Aber glaubt es gern.

Es könnte sein
müßte man ihm zugute halten
wenn die Vorwürfe nicht
gerichtlich verboten werden
was die Kirche angedroht hat
einmal Schläge immer Schläge
es könnte sein
daß in den Kindern
die geschlagen worden sein sollen
oder wollen
nicht nur der Satan
nein, auch der
Geist der Achtundsechziger
gefährlich aufblitzte
und deshalb  – präventive
schwarze Pädagogik
ist Putativnotwehr –
bekämpft werden sollte
und mußte
jener Geist, der dafür
verantwortlich ist
daß unschuldige Kirchenleute
die Macht über ihre
gebetgewöhnten Hände
verloren und bekümmert
zusehen mußten
wie ihre Finger
unter die Soutanen
und in die Wolle der
Schäfchen wanderten.

Nichts zum Lachen
nicht mal zum Lächeln.

Mathias Richling
kann sich die Parodie sparen
das Original ist
unübertrefflich.*

"War einmal ein Bumerang  ..."

Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

 

* Original

01.04.2010 um 08:28 Uhr

Metareflexion

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Metareflexion

Man hört bisweilen, die Beachtung von Grammatik und Orthographie begrenze die Ausdrucksmöglichkeiten. Diese These, die gern die Lyrik ins Feld führt, ist jedoch durch nichts belegt und, wie ich denke, Ausdruck des Wunsches, die eigene Lernunwilligkeit und daraus resultierende Schwächen zu kaschieren. Weil man es zu mühsam findet, sich mit Regeln vertraut zu machen, stellt man diese in Frage. Doch wer überzeugend und erfolgreich gegen Regeln opponieren will, muß sie erst einmal lernen. Unvollständige Sätze in Gedichten, wie etwa eine Ellipse, verstoßen in keiner Weise gegen die Rechtschreibung, sondern sind ein Wesensmerkmal moderner Dichtung. Überdies wird kein halbwegs vernünftiger Mensch Wert darauf legen, in der Lyrik die konventionelle Interpunktion und dergleichen beachtet zu sehen.

Grundsätzlich jedoch fördert nach meiner Erfahrung die umfassende Kenntnis und Anwendung der grammatikalischen und orthographischen Regeln ebenso die Klarheit des eigenen Denkens, wie sie zum tieferen Verständnis dessen beiträgt, was ein anderer zu sagen hat.

Ein Gedanke ist so etwas wie ein Tautropfen, und wer sich Gedanken macht über die graphische Repräsentation seiner Gedanken, also die Grammatik und die Regeln der Orthographie in seine Überlegungen einbezieht, tritt ein in die Metareflexion. Dadurch, daß man das, was man denkt, nicht einfach kompromißlos raushaut, sondern in eine den Regeln der Sprache gemäße Form bringt, wird so mancher Gedanke klarer. Was einer tatsächlich denkt, wird erst sichtbar, wenn der Morgennebel sich gelichtet hat. Der Tautropfen beginnt zu schillern.