Lyriost – Madentiraden

30.08.2010 um 12:57 Uhr

Meinung sagen

von: Lyriost   Kategorie: Statements

Meinung sagen

Mag sein, daß sich auch viel Unsinn in Sarrazins Thesen eingenistet hat, aber was von Sarrazins Kritikern zu hören ist, ist in vieler Hinsicht großer Humbug, wie etwa der absurde Rassismusverdacht, und das gilt ebenso für die Forderungen nach Berufsverbot.

In unserer Demokratie soll, wie mir scheint, jeder seine Meinung sagen dürfen, natürlich besonders dann, wenn er nicht weiß, worüber genau: außer Thilo Sarrazin. Das geht natürlich nicht. Doch die Thesen seines Buches müssen detailliert diskutiert werden. Nicht nur: Was ist falsch daran?, sondern auch: Was ist richtig?

28.08.2010 um 07:15 Uhr

Letzte Worte

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Letzte Worte

Er sagte
das ist mein letztes Wort
und schaute wüst und leer
sicher nicht sagte ich
und schüttelte den Kopf
du willst doch nicht sterben
schweige ruhig ein wenig
doch wenn du wieder reden wirst
wird vielleicht
keiner mehr zuhören

27.08.2010 um 07:26 Uhr

Nährboden

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Nährboden

Monotheistische Religionen seien ein guter Nährboden für Haß und Fanatismus, so sagt man. Bei Licht betrachtet aber ist es wohl eher so, daß Haß und Fanatismus, stets auf der Suche nach Möglichkeiten, sich auszuleben, in solcherart Religionen ein ideales Betätigungsfeld finden. Der tatsächliche Nährboden für fanatisch geprägte destruktive Handlungen ist die menschliche Psyche, die zwischen Selbstzweifel und Größenwahn schwankt.  

26.08.2010 um 13:24 Uhr

Lockerungsübung

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Lockerungsübung

Schrei in die Stille
lausche dem holzigen Echo
als wäre es wilder Honig
der auf die Zunge tropft
das falsche Glück
faß es an als wäre es aus Glas
und laß es fallen in die
steinigen Schluchten
wohlan hör den Salut und sieh
die Bäume durch Kanäle
treiben als eilten sie heimwärts
wo Lichter in dunklen Sälen warten
wo warmes Abendmahl erkaltet
wo borstige Reden
aus Samtgewändern quellen
wo die Glut der Stille
verzischt auf dem harten Stein
dem Opferstein so rot
wie deine Rosen

25.08.2010 um 11:43 Uhr

Ich sah

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Ich sah

Sah heute morgen
jemand blitzenden Auges
ein Grab ausheben
die Wangen
begeisterungsdurchblutet
was gräbst du da?
fragte ich entsetzt:
Ich baue ein Haus
sagte er
dies wird die
Grube fürs
Fundament

23.08.2010 um 18:36 Uhr

Verhaltenes Schönsehen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Verhaltenes Schönsehen

Auch ich ein Gutseher
frohnaturig im Nahbereich
nur da hinten die Grube
durchs Fernglas betrachtet
sie sieht so harmlos aus
mit dem vielen Grün drum herum
ein wenig zu einladend
meine ich – verdächtig
in dieser Hinsicht ein
unverbesserlicher
Pessimist

23.08.2010 um 18:24 Uhr

Ohne Schirm

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Ohne Schirm

Wenn die Wolken
mein Wachanzug
schwer an mir hängen
wie Wackersteine
dann weiß ich
es wird Regen
geben und denke
meine Seele ist
wieder mal
ohne Schirm

23.08.2010 um 12:26 Uhr

Gib 8

von: Lyriost

Gib 8

Es nützt nichts
Brotkrümel zu streuen
wenn du fortgehst
besser Kieselsteine oder Ziegel
für die alten Augen aber
am besten
bleibst du da

23.08.2010 um 11:49 Uhr

In die Breite

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

In die Breite

Wer in die Breite bohren will, braucht einen weichen Bohrer.

23.08.2010 um 09:24 Uhr

Schmerzverschiebung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Schmerzverschiebung

Eine merkwürdige Strategie der Vermeidung von Verlustgefühlen ist die aktive Inszenierung einer Verlustsituation. Wenn man ihn selber herbeiführt, ist der Verlust kein tatsächlicher und deshalb nicht oder weniger schmerzhaft, so glaubt man. Das ist natürlich ein Irrtum. Der Schmerz kommt nur sehr viel später.

22.08.2010 um 21:57 Uhr

Unbekümmerte Sensibilität?

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Unbekümmerte Sensibilität?

Jemand wünschte sich, sein Gegenüber möge gleichermaßen sensibel und unbekümmert in die Welt schauen. Gibt es so jemanden? frage ich mich.

Ein sensibler Mensch ist gemeinhin einer mit einem hochempfindlichen Sensorium, feinfühlig und demgemäß leicht erregbar, ein Mensch mit langen Antennen, wo andere nur grobe, halb sedierte Fühlwarzen haben. Solch ein Mensch wird besonders feinnervig sein und schon deshalb häufig verletzt oder mindestens verstimmt. Diese Wahrnehmungserfahrung, so darf man annehmen, wird im Laufe der Jahre aus ihm einen eher vorsichtigen Zeitgenossen gemacht haben, der ganz gewiß nicht mehr unbekümmert und so ohne weiteres auf Menschen und Dinge zugehen kann, haben diese ihm doch in der Vergangenheit gerade wegen seiner ausgeprägten Sensibilität so manche leidvolle Erfahrung verschafft.

Extravaganz mit Sensibilität gleichsetzend und Schlichtheit mit unbekümmertem Wesen, so könnte man einwenden, dieses beide sei jedoch durchaus kompatibel.

Mit Schlichtheit und Extravaganz aber ist es ganz anders, weil bei diesem Begriffspaar, das nicht für eine gefühlsbedingte Verhaltensweise steht, eine Haltung charakterisiert wird, die in hohem Maße von der Umgebung abhängig ist und sich häufig als deren Kontrapunkt versteht, so daß in einer extravaganten Gesellschaft Schlichtheit zur Extravaganz wird, während die Extravaganz in ihrer Einfallslosigkeit und mangelnden distinktiven Qualität schon wieder – zumindest ironisch – als eine Art Schlichtheit bezeichnet werden kann.

22.08.2010 um 10:19 Uhr

Tirade 152 – Außenwand innen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 152 – Außenwand innen

Du schreibst an Wände
in den verschloßnen Räumen
Hirninnenwände

Wer lesen will der lese
spiegelgeschriebene Schrift

18.08.2010 um 22:17 Uhr

Tirade 151 – Zu den Sternen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 151 – Zu den Sternen

Dem Schmutz entfliehen
leg den Kopf in den Nacken
blick zu den Sternen

die speckig glänzend tänzeln
im dunklen Himmelsmorast

18.08.2010 um 08:54 Uhr

Zurechtgedreht

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Zurechtgedreht

Ein entfernter Bekannter war internetsüchtig, wie er mir vor kurzem bekannte, als ich ihn in einer Verfassung antraf, die dazu angetan war, ihm die ansonsten ein wenig blockierte Zunge zu lösen: Ein klein wenig durch Alkoholeinfluß beeinträchtigt, stolperte er durch die Landschaft und suchte erfolglos nach seiner Wohnung. Während ich ihn nach Hause geleitete, berichtete er, er sei sogar sexsüchtig gewesen, schlimm sei solch ein Zustand. Aufmerksame Freunde jedoch, die, mit denen er vorhin bowlen gewesen sei, hätten ihn gerettet und ihm professionelle Hilfe verschafft bei solch einem Psychofuzzi, und der hätte ihm das Hirn gekonnt zurechtgedreht: Nun sei er glücklich wie früher, schaue mit Genuß beinahe jede Serie im Fernsehen und sei auch wieder dreimal wöchentlich beim Bowlen.
Das Leben sei schön.

Die Zeit

17.08.2010 um 21:46 Uhr

Am Ende ein Haken

von: Lyriost

Am Ende ein Haken

Der Tag in das Buch
am Ende ein Haken
auch heute wieder
die Lungen gelüftet
unschuldig Hände gewaschen
Wörter verformend
Silben gebildet
und leise nickend
wieder nichts gesagt
außer dem wenigen
Sagbaren

17.08.2010 um 00:14 Uhr

Statische Psyche

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Statische Psyche

Als wär ich bebleit 
ein Sommervogel
aus Gneis
metamorph wie
ein Schmetterling
mit Marmorflügeln
granitgleich erdvertraut
wie soll man
da fliegen

16.08.2010 um 15:41 Uhr

Über musikalische Harmonie

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Über musikalische Harmonie

Musikalische Fülle mal von der Leere her betrachtet: Das Wichtigste in der Musik ist nicht das, was wir hören. Die Töne machen nur Geräusch, die Pausen aber erzeugen Melodie und Rhythmus.

16.08.2010 um 14:37 Uhr

Tirade 150 – Entwiren

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 150 – Entwiren

Wir stöhnt von Liebe
taumelt barfuß in Scherben
das Ende vericht

kaum hörbar leises Sirren
im Donnern schwerer Stiefel

15.08.2010 um 21:49 Uhr

Merkwürdigkeit

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Merkwürdigkeit

Je ausgeprägter und umfassender die Dummheit eines in die Zukunft gerichteten Gedankens, desto größer das Verbrechen, das zu begehen selbst intelligente Menschen bereit sind, um diese idiotische Phantasie in die Tat umzusetzen – egal ob es um Krieg, um Geldanhäufung oder zwischenmenschliche Beziehungen geht.

14.08.2010 um 00:04 Uhr

Glaubsinn

von: Lyriost

Glaubsinn

Die Behauptung der Sinnlosigkeit berücksichtigt nicht die Fragwürdigkeit des Konzeptes "Sinn". Deshalb ist eine solche Behauptung ebenso paradox wie ihr Gegenteil. Die Erkenntnis dieser Tatsache berechtigt bei Bedarf zur zeitlich begrenzten Verzweiflung zum Zwecke der Zerglaubung von Sinngläubigkeit.