Lyriost – Madentiraden

28.02.2012 um 17:28 Uhr

Falschgläubige

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Falschgläubige

Gläubige ernennen andere Gläubige zu Ungläubigen, Rechtgläubige fühlen sich im Recht, Nichtgläubige sind stolz auf ihre scheinbare Resistenz in Glaubensfragen, aber sie alle sind Falschgläubige, weil sie denken, es gäbe etwas Rechtes zu glauben oder nicht zu glauben. Tatsächlich gilt es zu wissen, daß Glaube eine schlechte Angewohnheit ist wie Alkohol- oder anderer Drogengenuß und wie dieser gleichermaßen kurzfristig berauschend, mittelfristig problematisch und auf lange Sicht verhängnisvoll. Letzteres dem Leben ohne Drogen nicht unähnlich.

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28.02.2012 um 10:13 Uhr

Tirade 175 – Plagiat

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 175 – Plagiat

Nicht zu vergessen
wenn du dich artikulierst
Anführungszeichen

wer schrie nicht vor Entsetzen
jeder Todesschrei Zitat

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27.02.2012 um 19:45 Uhr

Jeder oder keiner

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Jeder oder keiner

Wie merkwürdig, selbst bei einem so gebildeten Mann wie Goethe solch einen gravierenden Logikfehler zu finden:

Kircher hat bei dem vielen, was er unternommen und geliefert, in der Geschichte der Wissenschaften doch einen sehr zweideutigen Ruf. Es ist hier der Ort nicht, seine Apologie zu übernehmen; aber so viel ist gewiß: die Naturwissenschaft kommt uns durch ihn fröhlicher und heiterer entgegen als bei keinem seiner Vorgänger.

Farbenlehre


Das Gegenteil wäre richtig: Fröhlicher und heiterer als bei jedem ..., nicht bei "keinem ..." Oder so fröhlich und heiter wie bei keinem ...

24.02.2012 um 18:35 Uhr

Kandidatenwürfeln

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Kandidatenwürfeln

Die Linke braucht noch zusätzliche drei Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl, denn dann kann man einen Würfel entscheiden lassen, wer es werden soll. Es könnte allerdings sein, daß man auch bei sechs Kandidaten erst längere Zeit über die Farbe des Würfels diskutieren muß und sich nur schwer wird einigen können.

23.02.2012 um 18:49 Uhr

Tirade 174 – Verrohung der Blicke

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 174 – Verrohung der Blicke

Ist längst geschehen
die Verrohung des Geistes
zu spät hingeschaut

geschieht immer wieder neu
die Verrohung der Blicke

23.02.2012 um 18:31 Uhr

Wie stets zweierlei Maß

von: Lyriost

Wie stets zweierlei Maß

Leider hat man es vor langer Zeit versäumt zu verhindern, daß die monotheistischen Religionen Bücher zu Heiligtümern erklärten; ohne heilige Bücher wären mit Sicherheit viele Millionen Liter Blut weniger in die aufnahmebereite Erde gesickert. Heute wiegeln die Taliban das afghanische Volk zum Mord auf, weil Amerikaner so unsensibel waren, Bücher zu verbrennen, die andern als heilig gelten. Den Ausländern soll Achtung vor islamischen Symbolen beigebracht werden. Die gleichen Taliban fanden es 2001 passend, achtlos die Buddha-Statuen von Bamiyan zu sprengen.

23.02.2012 um 15:25 Uhr

Menschenkenntnis

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Menschenkenntnis

Im Laufe der Jahre bildet sich bei den meisten Menschen ein Geflecht von Vorurteilen, die sie Erfahrung nennen, und deshalb betrachten sie die andern (wie sich selbst) meist recht oberflächlich und geben ihnen nur dann die Chance, genauer angeschaut zu werden, wenn sie ins Schema passen, das sie sich zurechtgelegt und dessen Grundlage sie mit dem Namen Menschenkenntnis versehen haben. Es ist sehr schwer, ein solches Verhalten abzustellen, weil dem unbewußte, nicht reflektierte Prozesse zugrunde liegen. Sich selbst nimmt man vor allem deshalb nicht realistisch wahr, weil man gleich einer Mater genau der stereotypen Grundform entspricht, die man sich zurechtgebastelt hat – eingehende Betrachtung nicht notwendig, denn man glaubt sich zu kennen, auszukennen mit sich selbst.

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22.02.2012 um 14:23 Uhr

Herzensgut

von: Lyriost

Herzensgut

Im allgemeinen sollte man sich hüten, beim Menschen von der Physiognomie auf den Charakter zu schließen, aber es gibt Ausnahmen von der Regel. Der Herr Moreno beispielsweise bezeichnet Schüler, die für warme Klassenzimmer demonstrieren, als "enemigos", also "Feinde", und dennoch sorgt er sich, von Menschenliebe getrieben, so sehr um sie, daß er sie mit Tränengas, Gummigeschossen und Knüppeln von der Straße treiben läßt, damit sie nicht unter die Fahrzeuge unaufmerksamer Autofahrer geraten. So jedenfalls seine Begründung des Einsatzes. Ich finde, wie herzensgut dieser Mensch ist, sieht jeder auf den ersten Blick.




Antonio Moreno bei elplural.com

22.02.2012 um 00:09 Uhr

Demokratisch ist das nicht

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Demokratisch ist das nicht

Kaum ist ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungen, wer in Kürze der neue Bundespräsident sein wird, mit einer breiten Mehrheit gewählt und ebenfalls von einer Mehrheit der Bevölkerung mit Wohlwollen betrachtet – was erst mal natürlich nichts heißt –, da geht die Netz-Nörgelei derart massiv los, daß man sich verwundert die Augen zu reiben gezwungen ist. Ob nun aus dem Zusammenhang gerissene Zitate überinterpretiert oder obskure Stasilegenden wiederaufgewärmt werden, daß es nur so kracht: "Der Herr Diestel wollte was sagen" – oder gar geraunt: Die Eltern waren NSDAP-Mitglieder –, hier wird versucht, jemanden zu diskreditieren, noch bevor er ins Amt gewählt und eingeführt wurde. Demokratisch ist das nicht, und da sind wohl noch Rechnungen offen. Ich für mein Teil bin nicht so naiv, zu glauben, der Bundespräsident müßte grundsätzlich meine Meinung vertreten. Das kann ich nur selbst tun.

20.02.2012 um 23:41 Uhr

Tirade 173 – Frühapokalypse

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 173 – Frühapokalypse

Knacken im Gebälk
kalkrieselnder Überbau
zerschwätztes Geschwätz

wer darf wo Honig saugen
wer ist die Magd wer der Knecht
 

20.02.2012 um 09:20 Uhr

Zumutung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Zumutung

Das Leitmedium des deutschen Bildungsbügertums warb mal mit dem Slogan "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf". Mag sein, daß das so ist. Allerdings ist es bisweilen unerhört, was die Zeitung – zumindest im Netz – den klugen Köpfen zumutet. Drei offensichtliche Fehler in einem kleinen Absätzchen eines nicht unbedeutenden Beitrags der FAZ sind ein wenig viel. Von einem Qualitätsmedium darf in diesem Fall nicht gesprochen werden.



FAZ

18.02.2012 um 11:57 Uhr

Rechtfertigung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Rechtfertigung

Menschen auf verzweifelter Sinnsuche oder solche in einer schmerzenden Sinnkrise fragen sich manchmal, wodurch das Dasein der Welt gerechtfertigt, worin es begründet sein könnte. Doch bedarf es einer Rechtfertigung, und ist Rechtfertigung tatsächlich möglich? Rechtfertigung setzt Moral voraus, jede Moral jedoch ist wegen ihrer Relativität fragwürdig, und es verbietet sich, das eine Fragwürdige auf der Grundlage eines andern Fragwürdigen zu rechtfertigen. Sinnleere kann nur dem weh tun, der an Sinn glaubt; wenn einer jedoch an Sinn glaubt, ist Sinnleere nicht existent. Paradox, mal wieder. So scheint aller Schmerz in Hinsicht auf den Sinn des Seins entbehrlich, es sei denn, man ist von der Existenz als Inkarnation des Bösen überzeugt. Doch auch in diesem Fall wäre das metaphysische Zähneklappern Folge eines moralischen Miß-Verständnisses.

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17.02.2012 um 13:18 Uhr

Schluß Bellevue

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Schluß Bellevue

Warum nicht gleich so? Als Nachfolger schlage ich vor: Copy Guttenberg. Der hat das nötige Format und ist zur Zeit ohne Ganztagsbeschäftigung. 

16.02.2012 um 08:57 Uhr

Die Botschaft der Dinge und die Desillusionierung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Die Botschaft der Dinge und die Desillusionierung

Die Dinge sind nie Boten gewesen, wir haben sie früher nur dafür gehalten oder tun es heute noch. Die Desillusionierung, wenn sie stattfindet, führt dazu, daß alles schleichend der menschlichen Projektion entzogen wird und dann, bei der nächsten eingehenden Prüfung, durchfällt. Projektionsfläche löchrig. Jedes neue Entzünden hat zum Wozu nur die unbewußte Hoffnung, diese Löcher zu stopfen, aber die Frage nach dem Wozu ist nicht zu beantworten, weil schon in der Frage ein Fehler steckt, nämlich der Glaube, alles müßte ein Wozu hergeben. Solche Fragen bedenken nicht, daß Kategorien wie Nutzen, Zweck, Ziel und Sinn anthropomorphe Erfindungen sind und keine universellen Voraussetzungen haben. Kein Gott, der sich etwas wünscht, und keiner, der zu einem Ziel strebt.

Mit Heidegger gesprochen, bedeutet Individuation Transzendenz des Seins des Seienden und damit gewissermaßen Entleerung des Kosmos. Bleibt am Ende jedoch nicht die Wiederauffüllung durch individuelle Sinnstiftung, sondern die Aufhebung des Konzepts Sinn durch die Transzendenz des Individuums, das sich selbst als ebenso konzeptionell begreift wie die von ihm stillschweigend aufgesogene utilitaristische Weltsicht. 

Dank an Alcide für die Anregung.

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15.02.2012 um 19:18 Uhr

Botschaft aus Kakanien 12

von: Lyriost   Kategorie: Kakanien-Gedichte

Botschaft aus Kakanien 12

Nichts treibt dich hier fort
nicht das Licht nicht die Schatten
nicht Sturm nicht Sonne

allein im Sein verfangen
sichtbar im Verborgenen



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14.02.2012 um 17:15 Uhr

Botschaft aus Kakanien 11

von: Lyriost   Kategorie: Kakanien-Gedichte

Botschaft aus Kakanien 11

Im Mahlstrom der Zeit
versinken Ophelien
kein Rufen kein Schrei

zu ahnen nur Erkennen
im Sichtbaren verborgen


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13.02.2012 um 16:52 Uhr

Botschaft aus Kakanien 10

von: Lyriost   Kategorie: Kakanien-Gedichte

Botschaft aus Kakanien 10

Die gefangenen Tropfen
klirren verwandelt im Licht
ermattender Trotz

an den Füßen leckt Wasser
kaum hörbar stöhnt Eisgeflecht


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12.02.2012 um 14:04 Uhr

Botschaft aus Kakanien 9

von: Lyriost   Kategorie: Kakanien-Gedichte

Botschaft aus Kakanien 9

Die Formen schwinden
kehren zum Ursprung zurück
heimlos heimsuchend

Anfang heimsuchend heimlos
ewig neues Beginnen


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11.02.2012 um 19:02 Uhr

Botschaft aus Kakanien 8

von: Lyriost   Kategorie: Kakanien-Gedichte

Botschaft aus Kakanien 8

Geburt der Tränen
Schmerz murmeln die Disteln Leid
klirrt verborgen im Eis

im sprachlosen zersinnten
Wechsel wäßriger Worte




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10.02.2012 um 14:31 Uhr

Botschaft aus Kakanien 7

von: Lyriost   Kategorie: Kakanien-Gedichte

Botschaft aus Kakanien 7

Ins Eis geborgen
kakanischer Flaschenpost
zerknülltes Papier

in der Nähe die Scherben
Nachricht wurde empfangen




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