Lyriost – Madentiraden

31.03.2012 um 13:32 Uhr

Tyrannei der Maße

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Döring

Tyrannei der Maße

Wo wir schon mal bei der FDP sind: Wenn der inhaltlich mäßige, aber äußerlich weniger maßhaltende FDP-Generalsekretär von der Tyrannei der Masse sprach, dann meinte er nicht etwa die bei Wahlen zustande kommenden Mehrheiten, durch die neoliberal gesinnte Minderheiten unter die Räder der Demokratie geraten könnten, nein, er hatte sich nur versprochen, denn eigentlich ist der Hintergrund der, daß er sich ausnahmsweise mal einen neuen Anzug von der Stange kaufen wollte, weil der ihm so gut gefiel, so einen chicen glänzenden, aber die Verkäuferin beim Herrenausstatter Gulliver bedauerte: In dieser Größe leider nicht. Deshalb stöhnte der Herr von der FDP: Tyrannei der Maße. Und hauptsächlich deshalb reagiert er auf Spiegel mitunter allergisch.

30.03.2012 um 13:47 Uhr

Anschlußverwendung und Plazierung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Rösler

Anschlußverwendung und Plazierung

Wenn die FDP in absehbarer Zeit aus der deutschen Parteienlandschaft verschwindet, wird es sogar für Nullnummern wie Philipp Rösler eine schnelle "Anschlussverwendung" (dessen eigener Kommiß-Sprachgebrauch) geben, ganz ohne Einschaltung des Jobcenters, das, wie man hört, bemüht ist, die Arbeitslosen "auf dem Arbeitsmarkt zu plazieren". (Erinnert das nicht ein wenig an die unseligen Zeiten der DDR-Gastronomie? – "Warten Sie, Sie werden plaziert.") Man merkt, an der sprachlichen Umsetzung der zweifellos in hohem Maße vorhandenen Empathie könnte noch ein wenig gefeilt werden.

30.03.2012 um 11:44 Uhr

Alles Kopfsache

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Alles Kopfsache

Man kennt das ja, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die klugen Köpfe.

Hier war mal wieder einer von ihnen am Werk. Zum Vergleich: Das BIP der Vereinigten Staaten liegt so etwa bei 14 Billionen Dollar, weltweit sind es etwas über 70 Billionen. Pakistan ist also scheinbar über Nacht zum reichsten Land der Welt geworden, obwohl die Industrieproduktion pro Nase nur so um die 200 US-Dollar beträgt (zum Vergleich: Deutschland – über 10 000). Um nur auf die 40 Billionen Dollar Industrieproduktion von 2007 zu kommen, müßte Pakistan etwa 200 Milliarden Einwohner haben. Das würde eng im Land.



FAZ

29.03.2012 um 18:27 Uhr

Über gängige Denkmaschinen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Über gängige Denkmaschinen

Wer Gedichte schreibt, sollte wissen: Nicht jeder Leser hat eine Denkmaschine mit integriertem Lyrikprogramm oder ein passendes Lyrikmodul griffbereit.

29.03.2012 um 12:31 Uhr

So gehn die Tage hin

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

So gehn die Tage hin

In deinen Worten hör ich Schweigen
in deinen Blicken seh ich nichts
wie in den Versen des Gedichts
die Regenwolken trocken ziehn

und spät in abendnahen Strahlen
zum Abschied sich verneigen


Musikalische Ergänzung

27.03.2012 um 09:51 Uhr

Monogamie und Beziehung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Monogamie und Beziehung

Viele Beziehungen scheitern. Man ist auf der Suche nach den Gründen. Michèle Binswanger will die Hauptursache gefunden haben: falsch verstandene Treue und Monogamie. Willkommen in den sechziger Jahren. Nur, was damals notwendig war, um verkrustete Strukturen aufzubrechen, wirkt heute ein wenig lebensfremd, weil wir inzwischen in einer Gesellschaft leben, die offener ist und freier als die damalige und die gelernt hat, daß nicht alles, was natürlich scheint, auch wünschenswert und zivilisatorisch integrierbar ist.

Ich finde sie gelinde gesagt merkwürdig, diese Argumentationen, die bestimmte Teile unserer genetischen Disposition anerkennend werten, andere Teile jedoch nicht. Mag ja sein, daß Monogamie eine "junge Erscheinung" ist. Das gilt aber auch bei der Körperpflege zum Beispiel, da gibt es auch einige "junge" Erscheinungen, oder bei der Gewohnheit, seinem Gegenüber nicht gleich den Schädel einzuschlagen, wenn uns dessen Gesicht nicht paßt. Auch werfen wir unsere Kinder heute nicht mehr einfach auf den Mist, wenn sie mißgebildet zur Welt kommen. Unsere Gesellschaft zeichnet sich durch die ein oder andere zivilisatorische Errungenschaft aus.

Ich selbst halte Treue in der Beziehung und damit Verläßlichkeit für wichtig, und deshalb sollten Mann wie Frau sich ordentlich sexuell ausleben, bevor sie eine richtige Bindung eingehen. Und man sollte sich einen Partner suchen, der auch sexuell zu einem paßt – nicht nur in bezug auf gesellschaftliche Stellung, Image und Bankkonto, wie das gern gemacht wird.

Aber die Wegwerfgesellschaft, die sich durchgesetzt hat, wirkt sich auch auf Beziehungen aus. So wie man alle naselang ein neues Auto zu brauchen glaubt oder andere Novitäten, so meint man auch etwas zu verpassen, wenn man nicht jede Gelegenheit zum Fremdvögeln wahrnimmt. Das, was man hat, weiß man nicht mehr wirklich zu schätzen. Das ist der Fluch der Überflußgesellschaft, der in überzogenen Ansprüchen und Erwartungen kulminiert, was der Hauptgrund dafür ist, daß so viele Beziehungen kaputtgehen.

Die Zeit

Musikalische Ergänzung

25.03.2012 um 09:20 Uhr

Der Zeitulk

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Der Zeitulk

Es wurde auf Sommerzeit umgestellt, und nun besteht erst mal Urlaubssperre für Kardiologen, denn die Herzinfarktpatienten werden, wie jedes Jahr, in den nächsten Tagen vermehrt Schlange stehen. Auch wird jetzt wieder mehr Energie verbraucht, weil die Heizung des Morgens eher angeworfen wird. Das bißchen Licht, das man am Abend einspart, fällt im Zeitalter der Energiesparlampen dagegen immer weniger ins Gewicht. Alles in allem eine schwachsinnige Angewohnheit, an der äußeren Uhr zu drehen. Einer der vielen Witze der sogenannten Zivilisation.

24.03.2012 um 10:13 Uhr

Moral

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Moral

Naturgemäß sind moralische Vorstellungen kulturell tradiert und damit in hohem Maße relativ, abhängig von den gewachsenen Strukturen der Gesellschaften, in denen sie sich manifestieren. Das heißt jedoch keineswegs, alle diese Vorstellungen, Normen und Gewohnheiten hätten in gleichem Maße ein Recht auf Akzeptanz. Sosehr ich die Herkunft meiner eigenen Moral reflektiere und sie damit zumindest in Teilen in Frage stellen mag, so bin doch ich selbst es, der moralische Pflöcke in den eigenen Boden treibt und dafür sorgt, daß diesen für alle sichtbar gesetzten Maßstäben so weit wie möglich Geltung verschafft wird und dem entgegenstehende Vorstellungen so abgewertet werden, wie sie es verdienen. Trotz der ungesicherten Herkunft und Geltung moralischer Normen dürfen wir in unserer täglichen Praxis keine moralische Indifferenz zulassen. In der Theorie muß das Phänomen Moral jedoch von allen Seiten intensiv beleuchtet, und deren Erscheinungsformen dürfen selbstverständlich auch radikal in Frage gestellt werden. 

23.03.2012 um 09:23 Uhr

Endlagerung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Endlagerung

Wie man hört, sollen die Verfassungsschutz-Roboter in den NPD-Büros und -Werkstätten ab April abgeschaltet werden. Da die funkgesteuerten Geräte jedoch als in hohem Maße kontaminiert betrachtet werden müssen, frage ich mich, ob jemand sich schon Gedanken um eine Endlagerstätte gemacht hat, etwa ein stillgelegtes Salzbergwerk oder etwas Ähnliches. Von der NPD wird man eine verantwortungsbewußte Entsorgung auch wegen des in deren Reihen bald deutlich werdenden Personalmangels nicht erwarten können.

22.03.2012 um 21:10 Uhr

Relevanzbedarf

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Relevanzbedarf

Die Häufigkeit des Wortes Relevanz in der Rede eines Wortklinglers ist der Bedeutung des Redners umgekehrt proportional. Je unwichtiger der Verwender ist oder sich fühlt, um so häufiger wird er dem Relevanten und der Relevanz verbal frönen und ihnen scheinbar seine Reverenz erweisen. Tatsächlich Relevantes wird den meisten jedoch ganz ohne Charakterisierung und Hierarchisierung als solches deutlich.

22.03.2012 um 17:46 Uhr

Zeitnah

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Zeitnah

Was will uns jemand, der das Wort "zeitnah" inflationär benutzt, damit sagen? Er will uns darüber informieren, daß er vor kurzem beim Putzen des Zeitfensters ausgerutscht und von der Leiter gefallen ist, sich dabei nicht ohne Folgen den Kopf an  der Fensterbank gestoßen hat und von diesem Zusammenstoß so bald nicht wieder genesen wird.

Akustische Ergänzung

22.03.2012 um 10:59 Uhr

Das Leben des Schriftstellers

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Das Leben des Schriftstellers

Im Gespräch mit Simone de Beauvoir sagt Jean-Paul Sartre – man unterhält sich über den Ruhm –, ein Schriftsteller, der ein "gültiges", ein anerkanntes Buch geschrieben habe, werde "ein anderes Leben haben nach seinem Tod".

Natürlich meint Sartre so etwas wie literarisches Leben, aber das nimmt dem Ausspruch nichts von seiner Komik – oder auch Tragik. Ganz wie man will.

Wenn ich mal wieder in der Nähe bin, werde ich auf dem Cimetière du Montparnasse vorbeischauen.

20.03.2012 um 11:11 Uhr

Tirade 177 – Im Sinne Epiktets

von: Lyriost

Tirade 177 – Im Sinne Epiktets

Glücklos glücklich sein
das Leid im Larmoyanten
mit Pech begießen

statt im Unglück ergrauen
glückvoll Pechsträhnen färben

15.03.2012 um 10:01 Uhr

Wertewandel

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Wertewandel

Früher war es auch, aber nicht nur in Deutschland üblich, positive Tugenden wie Fleiß und Genauigkeit zu Unrecht als typisch deutsch zu betrachten, heute bezeichnet man, besonders in Deutschland, das eine als Übereifer und das andere als Kleinlichkeit. Das einzige, was geblieben ist, ist das Etikett: typisch deutsch. Typischer Irrtum.

14.03.2012 um 16:39 Uhr

Als Angeber bezeichnet man "jemandem" ...

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Sick

Als Angeber bezeichnet man "jemandem" ...

Der Lautsprecher der Dilettantenabteilung im deutschen Hobbylinguistenverband Bastian Genitivtod Sick hat wieder – im "Spiegel" – zugeschlagen. In der Zwiebelfisch-Kolumne beschäftigt er sich mit dem Vorkommen der fliegenden Gestalten in der deutschen Sprache. Wie immer volkstümlich und anbiedernd launig, wie Quadrantarius-Professionelle es besonders lieben. Normalerweise lese ich diese Sachen nicht mehr, aber, nun ja, man hört bisweilen in einem schwachen Moment auch eine Schnulze im Radio.

Sick

Herr Sick weiß nicht immer, wo Kommas zu setzen sind und wo nicht, geschenkt. Allein, daß niemand "Pleite gehen" kann, sondern nur pleitegehen, das sollte er, als der Sprachspezialist, für den er sich hält, schon wissen. Aber vor allem sollte er nicht die Fälle durcheinanderbringen, auch wenn's mal nicht um den Genitiv geht. Als einen Angeber bezeichnet man nicht "jemandem", als Angeber bezeichnet man jemand oder jemanden. Zum Beispiel jemanden, der sich anmaßt, andere belehren zu wollen, sich selbst jedoch ausnimmt.

Seine Lapsus sprechen nicht für ihm. Ich meine ihn.  

Zwiebelfisch

12.03.2012 um 11:53 Uhr

Die Idiotie des Kapitalismus

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Die Idiotie des Kapitalismus

Volkswagen hatte im letzten Jahr den Gewinn auf 19 000 Millionen Euro verdoppelt, mehr als das Bruttosozialprodukt von Zypern oder Bolivien und vergleichbar mit dem von Afghanistan, einem Land mit immerhin dreißig Millionen Einwohnern, und hat angekündigt, dieses Jahr ohne Gewinnsteigerung auszukommen. Schon liest man in der Presse, auch bei VW "wüchsen die Bäume nicht in den Himmel", "beim Gewinn in der Warteschleife", "VW tritt auf der Stelle". Von "Stagnation" ist die Rede, die Börsenkurse sinken. Und wenn sich der Gewinn, der sich gerade verdoppelt hatte, wider Erwarten halbieren sollte, dann wird vom Untergang des VW-Konzerns schwadroniert werden. Das ist die Logik der Denkgestörten in den Redaktionen. Nicht zu vergessen: Wir befinden uns in der Krise, und daraus haben wir uns erst befreit, wenn jeder heutige Millionär Milliardär geworden ist. Da muß der VW-Chef Winterkorn mit einem mageren Jahreseinkommen von nur 17 Millionen Euro noch ein wenig sparen.

01.03.2012 um 19:12 Uhr

Tirade 176 – Hinter den Bergen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 176 – Hinter den Bergen

Im Schatten stehen
ein jeder kreist um jeden
dann wieder im Licht

wenn sie Sieger verkünden
tropfen die Sterne ins Meer

Akustische Ergänzung