Lyriost – Madentiraden

29.11.2012 um 20:53 Uhr

Objektivität

von: Lyriost

Objektivität

Wenn ich mir Objektivität vorzustellen versuche, dann hat dies doch immer subjektiven Charakter. Nicht nur ist jeder Objektivierungsversuch meine ganz spezifische subjektive Art der Vorstellung von Objektivität, sondern vor allem die Entscheidung, von mir selbst und meinem Standpunkt absehen zu wollen, ist eine höchst subjektive. Warum sollte ich das tun? Aus moralischen Gründen? Um Gott zu spielen? Um mir selbst oder andern etwas vorzumachen? Wir alle sind voll von Ideen und Meinungen, die wir für selbstverständlich halten, die jedoch tatsächlich kulturell gewachsen sind und aus der Perspektive einer denkbaren anderen Kultur als banal oder absurd betrachtet werden können. Dazu gehört auch die Idee der Objektivität, an die ich nicht glaube.

Makulatur

28.11.2012 um 18:56 Uhr

Relativ irrwitzig

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Relativ irrwitzig

Peter Handke, der als ewiger Außenseiter Abgestempelte, sagte in einem Interview, im Grunde sei er relativ normal. Handke ist ein Schlitzohr: Umgeben vom Irrwitz derer, die sich als Normale betrachten, ist er "im Grunde", erste Einschränkung, "relativ", zweite Einschränkung, normal – also nur ein wenig irrwitzig. Wenn man das Irrwitzige als Normalfall sieht, zeigt die Entfernung davon den Grad an Normalität, den man der eigenen Existenz bescheinigt. Von Außenseitern umringt, ist man kein Außenseiter ..., vom Irrwitz umgeben, ist man selbst, den Irrwitz erkennend, im Grunde nur relativ (wenig) irrwitzig.

28.11.2012 um 11:15 Uhr

Starke Frauen

von: Lyriost

Starke Frauen

Was zeichnet die moderne "starke Frau" im neueren deutschen Emanzipationsersatzroman aus? Sie wirft den Kopf in den Nacken und rollt mit den Augen, wenn jemand etwas zu ihr sagt, was ihr nicht gefällt.

25.11.2012 um 10:56 Uhr

Zeit verbringen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Zeit verbringen

Heute spielt man nicht mehr miteinander, geht gemeinsam schwimmen oder zusammen ins Kino oder essen. Heute "verbringt man Zeit miteinander". Man verbringt die Zeit miteinander, weit weg, an einen tristen Ort. Oder man schlägt sie gleich tot.

25.11.2012 um 10:28 Uhr

Egomanie

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Egomanie

Man sagt so dahin, der oder die leide unter Egomanie. Leider aber ist Egomanie kein Leiden, sondern ein als lustvoll erlebter und mit dem Begriff "Selbstbewußtsein" kaschierter Zustand. Weit verbreitet.

20.11.2012 um 09:02 Uhr

Späteste Kunst

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Späteste Kunst

Im Neuigkeitendschungel der Kunst: hinter jedem dritten Baum eine zahnlose Giftschlange.

19.11.2012 um 23:20 Uhr

Originalität

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Originalität

In einer Zeit, da das Schwenken des Fetischs Originalität im Novitätenzirkus von Kunst und Kultur lächerlich geworden ist angesichts der verbreiteten Albernheiten, die mit viel Geschick vom Kunstmarkt als avantgardistisch hochgezaubert werden, hat es beinahe den Anschein, als bestehe das tatsächlich Originelle darin, Originalität zu meiden und diesem destruierten Topos der Moderne, dem heute ernsthaft nur noch Galeristen und Kunstkäufer huldigen, Lebewohl zu sagen. Hat nicht schon Max Ernst den Drang nach Originalität als "letzten Aberglauben des westlichen Kulturkreises" bezeichnet? Nicht originell zu sein als letzte Originalität, welch eine paradoxe Ironie: Maler malen kreisend Kreise.

19.11.2012 um 09:46 Uhr

Son Blödsinn

von: Lyriost

Son Blödsinn

DUDEN online:
"Son, sone
...
son Kerl
sone frechen Gören
bei soner Kälte
...
es gibt immer sone und solche

Betonung:
so̲n, so̲ne

zusammengezogen aus: so ein(e)"

Im neuesten DUDEN-Newsletter dagegen: "Häufig steht ein Apostroph auch dann, wenn am Anfang eines Wortes Buchstaben ausgelassen werden und das Wort dadurch schwer lesbar oder missverständlich ist: Sie hat ’ne (= eine) Menge erlebt. So ’n (= ein) Blödsinn!"

Vielleicht sollten sie beim DUDEN mal in den DUDEN gucken.

14.11.2012 um 17:00 Uhr

Flott gesagt

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Flott gesagt

"Das Unglaubliche ist der einzige Maßstab, an den zu glauben immer richtig ist." Einer von vielen flotten Sätzen aus Sloterdijks Notizbuch. Aber: immer "richtig", was ist schon richtig? – und gar immer: Was ist schon "immer" richtig? Nun gut, vielleicht gibt es einiges wenige, was immer richtig scheint, zum Beispiel als Mensch ohne Schnorchel oder Flaschen unter Wasser nicht zu atmen, aber schon ein suizidal Gestimmter könnte ganz anders denken.

Nun zum Unglaublichen. Wenn das "Unglaubliche" etwa so stabil wäre wie das Wetter auf den Azoren oder in Irland, dann könnte man froh sein. Tatsächlich jedoch ist das Unglaubliche ein Abstraktum, unter dem sich jeder etwas anderes vorstellt, wenn er sich denn etwas darunter vorstellen kann. Weit entfernt davon, ein Maßstab zu sein, wie etwa das Urmeter aus Platin in Sèvres bei Paris, ist das Unglaubliche bedeutungsmäßig unbestimmt. Weder Stab noch Maß. Es hat den Anschein, als bewerbe sich Sloterdijk mit solchen Sätzen als Maßstab für Windbeutelei.

03.11.2012 um 23:01 Uhr

"Blutadler"

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

"Blutadler"

Schwarzweiß Geschnitztes
blutleer blutig eingefärbt
Kri-mi-nal-Mär-chen

Budenzauber konstruiert
weit ist der Weg nach Schweden


FAZ

01.11.2012 um 14:36 Uhr

Ein unverschämter Hundt

von: Lyriost

Ein unverschämter Hundt

Arbeitgeberpräsident Hundt spricht sich vehement gegen eine Abschaffung der Praxisgebühr aus. Was geht den das an, fragt man sich, aber die Absicht ist natürlich klar: Stattdessen soll der Beitragssatz gesenkt werden, denn von der Abschaffung der Praxisgebühr würden allein die Kranken profitieren. Die armen Unternehmer gingen, wie meistens, leer aus. Unglaublich, wie rotzfrech da argumentiert wird: Bei Arztbehandlungen solle "nicht auf jeden Eigenanteil verzichtet werden". So zu lesen in der WELT. Arztbehandlung als eine Art Almosen ohne "Eigenanteil"? Wofür werden dann Krankenkassenbeiträge gezahlt?

DIE WELT

01.11.2012 um 10:35 Uhr

Auch eine Art Banausentum

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Auch eine Art Banausentum

Vermehrt ist zu hören, es brauche, angesichts der Verirrungen auf dem Kunstmarkt, eine neue Kitsch-Diskussion, und noch bevor eine mögliche Debatte darüber begonnen hat, stehen bereits simpelste Töpfchen-Kröpfchen-Modelle bereit, um die "gute Kunst" von der schlechten zu unterscheiden. Mihai Nadin dagegen schreibt in seinem Buch "Die Kunst der Kunst – Elemente einer Metaästhetik": "Die manchmal zum Kitsch ausartenden Darstellungen ... sollten nicht mit weniger Sorgfalt und Genauigkeit behandelt werden wie alle anderen ..." Deshalb kann ich einer Kunstbetrachtung durch die oberflächliche dichotomische Brille KunstKitschKunst nichts abgewinnen. Primitive Selektion, eines gewissenhaften Kunstbetrachters unwürdig. Auch eine Art Banausentum.

01.11.2012 um 10:05 Uhr

Tirade 192 – Späte Stunde

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 192 – Späte Stunde

Nicht steigend im Kurs
Auf den sinkenden Schiffen
die Segelmacher

ohne günstige Winde
kurzer Weg zu den Fischen