Lyriost – Madentiraden

20.12.2012 um 09:04 Uhr

Kompositum des Tages

von: Lyriost

Kompositum des Tages

Schöner Euphemismus für Zensur: Formulierungsberatung.

13.12.2012 um 23:41 Uhr

Fragile Intelligenz

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Fragile Intelligenz

Wenn ein "Bürger" (den Begriff und auch das, was man mit ihm verbinden kann, gibt es erst fünf Jahrhunderte später) aus der Zeit um 1000 v. Chr., also vor Entstehung der Mythen Hesiods und Homers und natürlich noch vor den Anfängen der Polis Jahrhunderte später, ganz zu schweigen von den Vorsokratikern viel, viel später und der nachfolgenden klassischen Philosophie, wenn also ein solcher, sagen wir mal durchschnittlicher Zeitgenosse unter uns erscheinen würde, vorausgesetzt, er hätte Zeit und wäre nicht mit ständigem Schlachtenschlagen, Feldarbeit, Geldeintreiben und dergleichen beschäftigt, dann würde er zu den hellsten und geistig lebendigsten Kollegen und Wegbegleitern gehören. Wohlgemerkt, nicht jemand aus der intellektuellen Elite der damaligen Zeit, sondern ein durchschnittlicher "Bürger", also jemand, den es damals mangels Polis in der vorgestellten Art und Weise noch nicht gab. Auf diese besondere Klarsichtigkeit wettet der Entwicklungsbiologe Gerald Crabtree, Professor an der Stanford-Universität, und behauptet in völliger Unkenntnis der Kultur- und Geistesgeschichte, sinngemäß grob zusammengefaßt, die Qalität der Gene habe abgenommen, und deshalb würden die Leute dümmer und mutierten, satirisch gesagt, immer weiter in Richtung des pflanzlichen Bereichs. Warum nur, fragt man sich, haben die Menschen auch früher und ganz früher bereits das getan, was sie am besten können: nämlich dummes Zeug anstellen und damit zu einem Großteil die Weltgeschichte vergiften?

Wie es scheint, besteht die Gefahr der Genmutation besonders bei Naturwissenschaftlern, die sich nicht um Fakten jenseits ihrer engen Fachgrenzen scheren und mit erschreckend simplen kultur- und geistesgeschichtlichen Bildern in ihren Köpfen jonglieren, die viel mit Höhlenmalerei zu tun haben, jedoch wenig mit Wissenschaftlichkeit.

Auf die Bedeutung des genetischen Teils der Argumentation mag ich nicht im einzelnen eingehen, denn ich kann mir nicht vorstellen, daß das Ergebnis bei solch einer haarsträubenden Einleitung Hand und Fuß haben kann, und bei jemandem, der die Anzahl der Gene mit etwas korrelieren läßt, das er Intelligenz nennt, die mit "clear-sighted view of important issues" zu tun habe, zweifle ich, ob der Zeitaufwand einer weiteren Auseinandersetzung mit dessen evolutionsbiologischen Thesen sich für mich lohnt. Wer mag, kann selbst schauen.

Our Fragile Intellect

13.12.2012 um 10:02 Uhr

Schwierige Zeiten

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Schwierige Zeiten

Nicht Hunger nicht Durst
nur Krise
im warmen Dunst
unter dicken Dächern
die Unnot Langeweile
ungefährdete Fettleibigkeit
gähnt vor dem Bild
flacher Welten
läßt sich leiten
von Kreis zu Kreis
verlassen stehen
am Wegrand
die Ampeln

12.12.2012 um 19:35 Uhr

Tirade 195 – Verwehte Bilder

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 195 – Verwehte Bilder

Schaust du nach oben
in die Weiten des Himmels
kein lunatisches Treiben

kein Licht im kalten Tempel
graue Stäube alter Stein

12.12.2012 um 17:35 Uhr

Objektivität II

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Objektivität II

Wenn jemand sich Objektivität "als jenseits aller Subjektivität angesiedelt vorstellen" kann, dann "glaubt" er an Objektivität, ob ihm das nun klar ist oder nicht. Aber wo könnte die Idee der Objektivität anders "angesiedelt" sein als im Erkenntnisvermögen des Subjekts?

Jenseits aller Subjektivität kann ich mir gar nichts vorstellen, denn jenseits aller Subjektivität gibt es kein Vorstellungsvermögen. Ohne Vorstellungsvermögen sehe ich jedoch keine Möglichkeit, mir etwas, und sei es noch so abstrakt, vorzustellen.

Eine scheinbar von der Wahrnehmung losgelöste Idee ist ein graues spekulatives Modell, das selbst dennoch auf Wahrnehmung beruht, denn ohne Wahrnehmung ist alles nichts. Kein Gedanke ohne eine Vorstellung von etwas. Und diese Vorstellung ist in unserm Kopf, also subjektiv.

Wenn ich den Begriff "Sinn" benutze – und zwar im Gegensatz zum allgemeinen Gebrauch, der seinen Ursprung unkritisch ins metaphysische Wolkenkuckucksheim à la Weltgeist, Entelechie, Gott oder dergleichen verlegt –, dann mit dem nötigen skeptischen Ernst, der es nicht erlaubt, diesem Begriff mehr als lebenspragmatische Relevanz zuzugestehen. "Sinn" ist ein subjektives Konzept. Manchen ist nicht bewußt, daß bereits ein Bedeutungskonzept, und zwar ein subjektives, vorhanden war, als jemand das Wort "Sinn" erfand. Und daß damit und mit allen anderen späteren Aufladungen diesem "Sinn" und seinen Ausprägungen jede "objektive Realität" abgeht?

Es geht hier nicht um Fremdbeeinflussung, nicht um meine Subjektivität versus die eines andern, sondern um Subjektivität versus Objektivität (als etwas jenseits des Subjektiven). Diese Objektivität ist ohne ein Subjekt nicht denkbar. Von einem Bild, das niemand sieht, kann nicht gesagt werden, ob es existiert und ob es ein Bild ist. Wenn aber doch einer da ist, der es sieht, dann ist dessen Sicht auf das Bild eine Sicht im Rahmen seiner Wahrnehmungsmöglichkeiten, so daß über ein "objektives", außerhalb einer subjektiven Wahrnehmung existierendes Bild keine verläßliche Aussage gemacht werden kann.

Nicht schwer zu verstehen: Um ein Objektives jenseits alles Subjektiven zu postulieren, bedarf es eines postulierenden Subjekts, und damit haftet dem Postulat des Objektiven von vornherein Subjektives, Nicht-Objektives an, was bedeutet, daß ein reines Objektives "jenseits" des Subjektiven ein Ding der Unmöglichkeit ist. Objektivität als (objektiver) Standpunkt jenseits aller (subjektiven) Standpunkte wäre ein Standpunkt jenseits seiner selbst. Ziemlich glitschiger Punkt.

Objektivität I

 

eins plus eins

 

12.12.2012 um 13:54 Uhr

Tirade 194 – Im Objektiv

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 194 – Im Objektiv

Nicht grau nicht Farbe
beim Sehen ohne Augen
ohne Ohr kein Ton

keine sengende Sonne
keine Gedanken im Stein

12.12.2012 um 09:27 Uhr

Weltuntergang

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Weltuntergang

Am 21. Dezember soll bekanntlich laut Maya-Kalender mal wieder die Welt untergehen. Jetzt hat sogar Erich von Däniken Entwarnung gegeben: „Alles Quatsch.“ Da bin ich ja beruhigt.

11.12.2012 um 09:30 Uhr

Tirade 193 – Rastlos

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 193 – Rastlos

Wenn der Nordwind bläst
oder der aus dem Osten
Knirschende Ruhe

Stille bis in die Wurzeln
rastlos die Räderdreher


schnee

09.12.2012 um 10:13 Uhr

Dünn geschnittenes Haiku

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Dünn geschnittenes Haiku

Wenn man es mag
reichen auch wenige
leise Laute

08.12.2012 um 11:45 Uhr

Henri

von: Lyriost   Kategorie: Sonstiges

Henri

Können uns nicht entkommen
immer sind wir hier
im flauschigen Fell

die Wartung ist delikat
bin frei zu gehen
aber ich bleibe

ohne Sinn der viele Schlaf
die fünfzehn Stunden
wach: Langeweile

bin unsterblich an der Wand
aber vergessen
auf dem Fußboden

wenn meine Leute treten
auf dieses Gerät
werden sie wütend

doch ich fühle nichts
wenn ich raufgehe
da fühle ich nichts

außer meiner Reichweite
leckere Sachen
gnadenlos verhöhnt

ich allein fühle die Qual
weißer Idiot auf dem Stuhl
ein Käsebettler

Umgeben von Idjoten ...
sollen auf mich achten
aber tun es nie

Dennoch habe ich gelernt
die Sahne im Bad
keine Schagsahne

wir können uns nicht entkommen
und die Katzentür
ist manchmal auch zu


Henri, die existentialistische Katze

08.12.2012 um 10:22 Uhr

Schwarze Zahlen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Schwarze Zahlen

Auf der Website des NDR kann man zur Einstellung der Financial Times Deutschland lesen, deren letzter Titel, "in Anspielung auf die unerreichten schwarzen Zahlen, die zum Aus geführt haben", laute: "Endlich schwarz."

Da frage ich mich doch zum einen, wie Zahlen zu etwas führen können, gar zum Aus, dazu noch Zahlen in einer bestimmten Farbe, und zweitens sogar "unerreichte" Zahlen, also solche, die es gar nicht gibt. Kann denn etwas, das es nicht gibt, zu etwas führen?

Ich selbst lege jedenfalls, wenn ich schwarze Zahlen schreiben möchte, den roten Stift beiseite und nehme den schwarzen zur Hand, und dann schreibe ich so viele schwarze Zahlen, wie ich will. Aber ich will gar nicht, denn Wörter sind mir lieber als Zahlen.

07.12.2012 um 15:45 Uhr

Schielbirne

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Schielbirne

Lustig, diese immer gleichen Verirrungen der Jugendmode. Während wir früher im Winter in farbigen Nyltest-Hemden froren, rennen heute viele winters wie sommers in Beanies rum. Wer es nicht kennt, Beanies sind kastrierte Pudelmützen, die oft tief, fast bis zur Nasenwurzel, heruntergezogen werden. Sehr gut geeignet als Übungsgerät für solche, die das Schielen lernen wollen. Wichtig: Auch die Ohren sollten bedeckt sein – besonders im Sommer bei Temperaturen über dreißig Grad und im Winter in überheizten Räumen.