Lyriost – Madentiraden

31.07.2014 um 09:45 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 13

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 13

Ihr unverhohlener Ärger war … mit den Händen greifbar.“ Grundlegendes Curriculum im Fach Deutsch, Grundschule: Unterscheidung der Substantive in Konkreta und Abstrakta. Die einen kann man anfassen, die andern nicht. „Ärger“ ist zwar ein Hauptwort, und deshalb schreibt man groß, aber man kann den Ärger nicht packen, nicht mit den Händen greifen. Dabei möchte man ihn gelegentlich gerne schütteln und würgen. Geht aber nicht.

Leanne, Chloes Mutter, und Leannes „minderjähriger“ Lover stehen hintereinander vor einer Spiegelkommode. „Voller Genugtuung registrierte er, dass sie sich Halt suchend mit den Händen am Außenrand der Kommode festkrallte.“ Festkrallte. Wie ein Bergsteiger in der Eigernordwand oder eine Katze an einem Baumstamm. Nicht etwa Gold suchend, sondern Halt, und auch nicht mit den Füßen, sondern tatsächlich mit den Händen. Und dann auch noch am Außenrand der Kommode, wo auch sonst? (Gibt es dort auch einen Innenrand?) Lauter überflüssige Informationen wie auch die nächsten: „Dort stand neben dem Telefon noch eine mit chinesischen Ornamenten bemalte Vase. Unzählige rote Rosen … deren samtig weiche Blütenblätter ...“ Dann folgt noch eine Menge Leanne charakterisierender adjektivischer Ornamentik von „glühenden Saphiraugen“ bis „warmgoldenem Teint“, und schon ist der Schwanz des Herrn „mehr als bereit“.

Das liest man öfter: Er ist mehr als bereit, mehr als todmüde, mehr als verbittert, es ist mehr als übertrieben, mehr als genial. Das ist mehr als bescheuert, möchte man sagen. Ist es aber nicht, es ist schlicht doof.

Morgen geht’s weiter mit Seite 14 und „unwiederbringlich“.

30.07.2014 um 12:21 Uhr

Sanktionen

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

Sanktionen

Da in letzter Zeit so viel von Sanktionen gegen Rußland geredet wird, ohne daß diese für mich nachvollziehbar begründet werden, und man keine gegen die USA beschließt, obgleich mir viele Gründe dafür einfielen, angefangen bei der allgemeinen Schnüffelei der Geheimdienste über die unmenschliche Anwendung der Todesstrafe bis hin zur vielfältigen Einmischung in die Angelegenheiten anderer Länder usw. usf., möchte ich hier darauf hinweisen, daß ich zukünftig keine Partei mehr wählen werde, die vorrangig statt der Interessen des eigenen Landes und Europas die Lieder anderer singt, ob sie sich nun schwarz, rötlich oder auch grün gebärdet – von braun ganz zu schweigen. Diese Sanktion tritt rückwirkend ab der letzten Wahl in Kraft.

30.07.2014 um 11:02 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 11/12

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 11/12

Seite 12 ist eine achtzeilige Spitzkolumne, und deshalb handle ich sie heute gleich mit ab.

Beim Plappern, ob nun in Romanform oder beim Nachbarschaftstratsch, kann man sich schon mal verplappern, das kommt vor und geschieht bisweilen, und zwar ganz ohne Absicht, nämlich aus Versehen. Der Duden definiert „verplappern“ als „aus Versehen etwas ausplaudern“. Da nun dem Ausdruck „verplappern“ das Versehen immanent ist, ist die Erklärung: „Ich hatte Angst, dass du dich aus Versehen verplapperst“ ziemlich ungeschickt, und die Wendung „aus Versehen“ hätte, weil überflüssig, dem Stift des Lektorats zum Opfer fallen müssen, wenn es bei der Buchherstellung denn eines gegeben hätte, das diesen Namen verdient. Ich erwähne das nur, weil dieserart Füllmaterial überall in dem Buch zu finden ist.

... und bitte sei pünktlich“, sagt die Mutter zu Chloe, „wenn du deinem zukünftigen Stiefvater das erste Mal begegnest.“ Dieser „Stiefvater“, von dem im weiteren Verlauf noch öfter unwidersprochen als solchem die Rede ist, ist ganze sechs Jahre älter als seine „Stieftochter“, könnte jedoch auch gleichaltrig sein oder jünger, wenn man den „Begriff“ so gebraucht, wie er hier völlig neben der Spur gebraucht wird: Wenn also eine geschiedene sechzigjährige Mutter einen dreißigjährigen Mann heiratete, dann wäre der nach diesem Verständnis der Stiefvater der vielleicht vierzigjährigen Tochter, was natürlich wie so vieles in diesem abenteuerlichen Buch kompletter Quatsch ist.

Nun, da Mutter, wie es scheint, wieder einen Mann bekommen wird, liegt Chloe neidisch auf dem Bett „und starrte Löcher in die Decke“. Sie fragt sich, ob sie wohl auch einen Kerl abbekäme, „oder würde sie mit einer Katze alt werden, die sie nicht mal leiden konnte?“ Mal abgesehen davon, daß hier sprachlich nicht klargemacht wird, wer wen nicht leiden kann: Chloe ist 24 und die Katze vielleicht zwei, drei, wir wissen es nicht so genau, aber es kommt nicht auf ein, zwei Jahre mehr oder weniger an an. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen und Katzen unterscheidet sich aus noch nicht bis ins letzte erforschten Gründen nicht unerheblich, und bei Stubenkatzen liegt sie bei etwa 15 Jahren. Gemeinsames Altwerden erscheint deshalb höchst unwahrscheinlich.

 

Morgen geht’s weiter mit Seite 13 und „mehr als bereit“.


29.07.2014 um 13:01 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 10

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 10

Chloe fällt das Handy aus der Hand. Das kann schon mal vorkommen, ist meist jedoch nicht so schlimm, denn die Dinger sind heutzutage doch einigermaßen robust, wenn sie nicht gerade in irgendeinen Tümpel fallen.

Aber wehe, wenn man so eine Quasselbox beim Telefonieren im Bett aus den Augen verliert. So geschehen bei Chloe: Es „verschwand auf Nimmerwiedersehen zwischen den zusammengeschobenen Falten“: Wenn man es genau nimmt und ein wenig nachdenkt, dann kann es selbstverständlich keine „zusammengeschobenen Falten“ geben, denn Falten entstehen dort, wo Stoff zusammengeschoben wird; auch dieses Bild ist also genauso purer Quatsch wie die Wendung „auf Nimmerwiedersehen“, denn natürlich ist Chloes Bett kein Klo, und deshalb heißt es im nächsten Satz: „... bis sie es wieder in Händen hielt“. Gemeint ist das „auf Nimmerwiedersehen“ verschwundene Handy.

Was sie hört, das gefällt unserer Hauptperson so gar nicht, „und mit einem Mal fühlte Chloe eine feste Hand, die sich um ihr Herz legte und es so fest quetschte, das sie den imaginären Schmerz körperlich spüren konnte“. Das würde wohl jeder mitkriegen, wenn eine Hand sich ums Herz legt und ordentlich zudrückt, die Frage ist nur: Wie kommt die Hand dort hinein? Unter die Rippen.

Die Antwort: gar nicht. Ist ja nur ein „imaginärer“ Schmerz, also frei erfunden. Ach so. Doch wie kann man solchen Schmerz „körperlich spüren“? Spontan fällt mir jetzt der Phantomschmerz nach Amputation ein, aber im Gegensatz zu dem wurde hier aktuell nichts amputiert, sondern nur gequetscht, so daß ich mich jetzt nicht mit den neurologischen Grundlagen derartiger Schmerzen befassen muß. Alles nur eingebildet, auch das körperliche Spüren. Dem Himmel sei Dank.

Morgen geht’s weiter mit Seite 11 und dem „zukünftigen Stiefvater“.

28.07.2014 um 15:51 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 9

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 9

Auf Seite 9 lesen wir von „schleimigen Schmeichlern … die außer einem muskelgestählten Körper und einem Gehirn von Einzellerniveau nichts zu bieten“ haben.

Gehört denn die schleimige Sorte Mann, wenn man mal auf diese klischeehafte Betrachtungsweise eingehen mag, nicht eher zum Club der charmanten Untersetzten, die linkisch palavernd auch von ihrer körperlichen Mittelmäßigkeit abzulenken versuchen? Und ist es nicht tatsächlich so, daß gerade zum schleimigen Schmeicheln mehr Grips gehört als zum Präsentieren aufgepumpter Körperteile?

Das pejorative „Gehirn auf Einzellerniveau“ paßt da nicht so recht, zumal das Bild auch anderweitig mißlungen ist, denn Einzeller besitzen gar kein Gehirn. Folglich kann es – betrachtet mit einem normalen Menschenhirn – gar kein Gehirn auf Einzellerniveau geben. Auch ein Gehirn mit nur einer Zelle, gleich welcher Farbe, ist beim besten Willen nicht möglich, denn wie wir vom PC wissen, braucht es selbst dort neben dem Strom zwei Elemente, damit die Sache überhaupt in Gang kommt.

Der „zivilisierte Umgang“ von Tochter Chloe und Mutter Leanne ist noch schwieriger als das Zustandekommen von wortgestaltenden Hirnfunktionen, wie wir lesen können, denn: „Chloe hätte ohne zu zögern ihre linke Brust hergegeben, wenn dies tatsächlich möglich gewesen wäre.“ Warum nicht gleich beide, und wieso gerade die linke? Ich lasse diese Verücktheit hier mal unkommentiert.

Morgen geht’s weiter mit Seite 10 und „imaginären Schmerzen“.

27.07.2014 um 10:26 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 8

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 8

Chloe „nahm den geschwollenen Kitzler“ und machte mit ihm rum, „als würde sie den Gummiball eines klassischen Blutdruckmeßgeräts bearbeiten“. Wenn man sich das bildlich vorstellt, kommt man ins Staunen. Entweder wir haben es hier mit einem Fall von extremer Klitorishypertrophie bzw. Klitoromegalie zu tun, oder es handelt sich bei dem Meßgerät um Inventar einer Tierarztpraxis, das der Veterinarius bei der Untersuchung von Zwerghamstern benötigt. Ansonsten wirkt der Vergleich, genauso wie die beschriebenen Folgen der Kitzlerbearbeitung, „eine Reihe von kleinen Explosionen“ und „pure Feuerstöße“ im Leib, ein wenig überdimensional, überambitioniert.

Doch bevor das Haus zusammenbricht oder abbrennt, beginnt plötzlich „auf dem Nachtkästchen“, wie man im Süden der Republik und in Österreich sagt, „ein lebendig gewordenes Kunststoffgehäuse“ zu hüpfen und mit „dämlichem Gebimmel“ auf sich aufmerksam zu machen. Frage eins: Ist die, zugegeben relativ neue, Kulturtechneik des Klingeltonwechselns Chloe noch nicht bekannt? Frage zwei: Wie kommt das Mobilfunkgerät ins Schlafzimmer aufs Kästchen? Ist es hereingeschlichen wie die stille, zurückhaltende „Terrorkatze“ und hinaufgehüpft auf den Nachtkasten? Chloe selbst wird es doch wohl kaum auf dem Nachtkastl abgelegt haben, bevor sie mit ihrer autoerotischen Feierabendgestaltung begonnen hat, zumal sie noch kurz zuvor, wir erinnern uns, den „frenetisch blinkenden Anrufbeantworter absichtlich ignoriert“ hatte.

Chloe ist nun erbost und erbittert, hochgradig verärgert, sinkt „wie ein nasser Sack auf die Matratze“ (nasse Säcke auf Matratzen, das kennen wir ja alle), und beinahe „segelt“ das Störgerät „auf den weichen Hochflorteppich zu ihre Füßen“. Diese neuen Handys sind dünn wie Papierflugzeuge, man fragt sich, wie die Entwickler dort auch noch das „dämliche Gebimmel hineinkriegen“.

Ein Blick aufs Display: Mutter ruft an, die Mutter, die bei Chloe wie im weiteren beschrieben, für ausgeprägte Wut und Enttäuschung sorgte und nur anrief, wenn sie etwas brauchte. Wie reagiert nun die „erboste, verbitterte, hochgradig verärgerte“ Chloe? „Sofort erlosch ihre Wut.“ Aha.

 

Ich merke, daß ich angefangen habe, einen Kommentar zum Buch zu schreiben, der sich zu einem Parallelbuch auswächst. Deshalb werde ich mich bei den folgenden Seiten auf die Kommentierung der allerschlimmsten Merkwürdigkeiten und der lustigsten Stilblüten beschränken.

Morgen geht’s weiter mit Seite 9 und „Einzellerniveau“.

26.07.2014 um 10:33 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 7

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 7

Ganz erstaunlich finde ich, wie viele Gefühle ich vor der Vivian-Hall-Lektüre noch nicht kannte, zum Beispiel Zwischengefühle wie etwa „dieses unglaubliche Gefühl zwischen angenehmem Wohlbefinden und schmerzhafter Ruhelosigkeit“. Dieses Ding saust, wie es scheint, eine Weile irgendwo im Körper rum und „schoss direkt in ihren [Chloes] Unterleib“. Bum, bum. Ja, unglaublich oder besser kaum zu glauben. Ich frage mich jetzt, weil ich nicht immer so leichtgläubig bin, wie ich sein sollte, ob es neben dem angenehmen Wohlbefinden auch noch ein unangenehmes Wohlbefinden gibt. Muß es wohl, denn sonst wäre es unsinnig, von angenehmem Wohlbefinden zu sprechen, weil das Angenehme Wesensmerkmal des Wohlbefindens ist. Vielleicht ist dieses Gefühl auch nur eine Antwort auf das Freudsche unbehagliche „Unbehagen in der Kultur“, das mit seiner Libidoverformung so lustbremsend wirkt.

Das führt dann zu „süchtig machenden Qualen“ (wie bei Karl May: „Unter Masochisten“ oder so ähnlich), und diese Qualen „sammelten“ sich „in dem winzigen Nervenbündel ihrer Weiblichkeit“, etwa so wie Wasser in der Regentonne. Und als die Tonne dann ziemlich voll war, „hielt Chloe es nicht länger aus und schob sich die leichte Hose und ihren Slip [aus Baumwolle, wir erinnern uns] ein Stück über die Schenkel hinunter. Sie machte sich nicht die Mühe, sie ganz auszuziehen ...“ Da fragt sich nun nicht nur der Grammatiker: Wie zieht man Schenkel aus?, ist es doch in der deutschen Sprache so, daß ein Pronomen im attributiven Relativsatz wie hier beim Hose-Slip-Schenkel-Beispiel, aber nicht nur dort, sich stets auf das letzte vorhergehende Nomen bezieht. Wenn ich also sage, das Haus des Mannes mit dem zerstörten Giebel, dann ist klar, wo der Dachschaden zu suchen ist: nicht beim Haus. Das weiß Frau Vivian Hall aber nicht, und deswegen findet man bei ihr ständig falsche Bezüge wie diesen, was hier einmal exemplarisch gezeigt werden sollte.

Doch nun zurück zum Wesentlichen: „Ein Stöhnen unterdrückend, begann sie sich zu streicheln.“ Warum wird das Stöhnen unterdrückt? Sind kleine Kinder im Raum, oder geniert man sich vorm Miezekätzchen, das möglicherweise katholisch erzogen wurde? Schnell wie immer hat Chloe „himmlische Empfindungen“ wie etwa „einen scharfen Stich der Wonne“. „Zeitgleich setzen Kontraktionen ein als laue Vorboten“ von etwas Gewaltigem, so daß Chloe keine Zeit hat, im Bett nach der liegengebliebenen Stecknadel zu suchen, die den scharfen Stich verursacht haben könnte.

Jetzt sehnt sich Chloe nach einer Zunge, die durch die „Falten ihrer Weiblichkeit pflügte, jede Furche und jede Vertiefung nachzog“. Dabei ist es beim Pflügen tatsächlich so, daß die Furchen in die Erde gerissen werden, nicht etwa nachgezogen. Im übertragenen Sinne wäre das krasse Körperverletzung. Aber nun ja, vielleicht wäre das gar nicht so abwegig, soll doch die „Klit mit peitschenden Schlägen zur Räson“ gebracht werden. Eine zur Räson (Einsicht?) gebrachte Klitoris: ein gewagtes Bild.

Da Chloe schon mal beim Unterdrücken ist, unterdrückt sie nun auch einen „Schrei, der ihr in der Kehle saß“. Bestimmt auf einem Stuhl, aber man erfährt es nicht genauer. Er kommt jedenfalls nicht raus, der Schrei, und man hofft, er habe es bequem auf seinem Stuhl. Statt zu schreien, was das Einfachste wäre, beginnt Chloe nun, mit ihren messerscharfen Zähnen sich selbst zu beißen: „Sie riss sich die Haut auf, schmeckte das herausperlende Blut ...“ Ich glaube, es wäre besser für Chloe, einen Zahnarzt aufzusuchen und sich die Schneidezähne nachfeilen zu lassen, denn wenn so schnell das Blut herausperlt …

Außerdem gibt es auf dieser Seite noch „Glut, die wie ein Schwelbrand auf den gesamten Körper übergriff“ und viel „delikate Spannung“. Gerade bemerke ich, ich habe vergessen, wie angekündigt, etwas zu den „seidigen Wänden“ zu sagen. Das trage ich später nach, denn wie so vieles, wiederholt sich in diesem Roman auch das Bild von den „seidigen Wänden“ oft genug. Mir reicht es für heute.

Morgen geht’s weiter mit Seite 8 und „Feuerstößen und Explosionen“.

25.07.2014 um 10:04 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 6

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 6

Inzwischen hat die sogenannte Terrorkatze – wir erinnern uns, das ist jenes Tier, das „kläglich miauend hervorgeschlichen“ kam und vorwufsvoll guckte, also der reine Terror wie Garfield – ihr Kitekat weggeschlungen, und Chloe „verschlang einen Erotikthriller, da das Fernsehprogramm … mit einem unterirdischen Programm glänzte“. Also schlechtes Programm im Programm. Glanzvolle Formulierungskunst.

„Die sprachlich gebannten Lustspiele der Protagonistin nahmen Chloe gefangen.“ Sprachlich gebannte Lustspiele. Wie gesagt: Funkelnde Formulierungskunst. Folglich wird Cloe nun schnell warm: „Flüssige Hitze nistete“ sich zwischen ihren Schenkeln ein, „ihr Blut kochte“. Das geht immer ganz fix bei Chloe, wir werden es im weiteren Verlauf der Geschichte noch erleben. Sie hat einfach einen „sehnsüchtigen Unterleib“. Jetzt aber „verlor“ sich Chloe „in den äußerst grafisch beschriebenen Details des Liebesaktes“. Was meint die Autorin bloß mit „äußerst grafisch“? Ist es ein Erotikthriller für Heranwachsende, also bilderbuchartig und mit Schaubildern, schematischen Darstellungen angereichert? Oder meint Frau Hall die graphische Gestalt der Schriftzeichen? Aber die hat ja eigentlich selten so direkt erotisierende Wirkmächtigkeit. Egal. Der Ausdruck „äußerst grafisch“ ist jedenfalls äußerst blaß.

Wie auch immer, das Buch gleitet ihr aus den Händen, und sie „drehte sich mit einem erstickten Laut auf den Rücken“. Vielleicht würgt sie sich dabei selbst ein wenig, deshalb sicher der „erstickte Laut“. Anschließend streicht sie mit der Hand, kann sein entschuldigend, „über ihren Hals und ihre Kehle“. Ich dachte, die Kehle sei ein Teil des Halses. Ist das nicht so? Dann wird sie wohl mit der Hand und mit den Fingern darüberstreichen. Auf jeden Fall wird die Atmosphäre jetzt ganz schön lichtvoll: „Das warme Licht der Nachttischlampe tauchte ihr Schlafzimmer in goldenes Licht ...“

Nun wurden ihre Nippel „noch praller und reckten sich ihr bettelnd entgegen“. Die Autorin hat eine leise Ahnung, daß da etwas nicht so ganz stimmen könnte, deshalb heißt es im folgenden Satz: „Da es ihr leider anatomisch nicht möglich war“ [was?], „verwöhnte sie sich auf andere Weise.“ Zum Beispiel indem sie wieder mal den Kopf nach hinten wirft. Hemmungslos.

Morgen geht’s weiter mit Seite 7 und „seidigen Wänden“.

24.07.2014 um 12:28 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 5

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 5

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, die Katze Kassiopeia, die „kläglich miauend hervorgeschlichen“ kam und vorwufsvoll guckte. Hungrig, na klar. Trotzdem hatte sie still im dunklen Wohnzimmer abgewartet, bis Frauchen das Licht anmachte. Das ist aber so gar nicht Katzenart, denn hungrige Katzen machen Rabatz und sind bekanntlich gern nachts im Dunkeln unterwegs und brauchen dabei kein künstliches Licht. Chloe „strich der launischen Katzendame über den fellbedeckten Rücken“. Aha, Chloes Katze hat also Fell auf dem Rücken, keinen Schuppenpanzer, kein Gefieder, keine Schlangenhaut. Wahrscheinlich hat sie sogar einen Schwanz wie andere Katzen; doch darüber erfahren wir nichts, nur daß das Tier „launisch“ ist, denn es wendet sich dem Körbchen zu und leckt sich die Pfoten. Das tun hungrige Katzen natürlich nicht, und deshalb ist die Szene ganz schlecht erfunden.

Da Chloe die Katze „einzig und allein“ zum Kuscheln angeschafft hatte, wendet sie sich nun „eingeschnappt“ ab und „marschiert in ihr Schlafzimmer“. Also Chloe, nicht die Katze. Dort hängen, erfährt man, Hosenanzüge „wie Soldaten beim Appell in Reih und Glied“ auf ihren Bügeln. Das muß ein lustiges Soldatenleben sein, wenn man so rumhängen kann. Ist das so? Ich weiß nicht, denn ich war noch nie Soldat. Aber ich habe doch einige Zweifel.

„Nur noch mit einem … nicht sonderlich aufreizenden Baumwolltanga bekleidet, schlüpfte sie in bequeme Freizeitkleidung.“ Die wird im folgenden genauer beschrieben, was ich nicht erwähnenswert finde. Daß Chloe jedoch die Arbeitskleidung vorher abstreift, sollte man voraussetzen können, ohne daß es der Erwähnung bedarf, es wäre sonst unpraktisch und sähe doof aus – aber die Autorin wollte ja den Baumwolltanga hervorheben, obgleich der sicher ebenfalls keiner Erwähnung bedarf.

Madame „lief“ jetzt „tiefer in den Raum hinein“, was Größe suggerieren soll, und „spähte“ aus dem Fenster, das nun in allen Einzelheiten mit Gardinen und so beschrieben wird. Sie schaut nicht, sie „späht“, hält also Ausschau. Doch wonach? Nach den „Lichtern der Stadt“, die sie „ungehindert durch die Verglasung“ (sie kann sich also richtiges Fensterglas leisten) sehen kann – und im Hintergrund „erkennt“ sie die verschwommenen Umrisse der London Bridge“. Da frage ich mich: Sind diese Umrisse immer verschwommen, wie die Wortwahl es nahelegt, oder meint die Autorin vielmehr, sie erkenne verschwommen die Umrisse der tatsächlich akkurat dastehenden Brücke. Das ist nicht dasselbe.

Morgen geht’s weiter mit Seite 6 und der „Terrorkatze“.


23.07.2014 um 11:12 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 4

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 4

Nicht nur die „bleierne Müdigkeit“ der Beine macht der armen Chloe zu schaffen, sondern der „ohrenbetäubende Londoner Geräuschpegel“ hat dafür gesorgt, daß sich „ihr armer Kopf anfühlte wie ein zu heiß gekochtes Würstchen“.

Das gibt nun in mancherlei Hinsicht zu denken. Zum einen: Wie fühlt sich ein solches Würstchen? Sollte es fühlen können, was eher unwahrscheinlich ist, könnten wir uns bei allem Mitgefühl für das arme Würstchen nicht einfühlen. Wir wissen also nicht, wie sich ein solches Würstchen fühlen könnte. Nun kann es aber sein, daß die Autorin meint, der Kopf der armen Chloe fühle sich innen in etwa so an wie ein derartig gekochtes Würstchen von außen. Ein verwegenes Bild, aber die Autorin wird wohl wissen, wie sich das anfühlt, sonst käme diese Metapher ihr sicher nicht in den Sinn.

Soviel zur sinnlichen Seite, aber darüber hinaus möchte ich noch etwas zur logisch-semantischen sagen: Ich selbst esse selten Würstchen, und wenn, dann „koche“ ich sie gar nicht, sondern lasse sie in heißem Wasser ziehen, weil sie sonst platzen und von außen so unansehnlich werden wie manches Hirn von innen. Wenn ich sie aber, vielleicht auf Wunsch eines exzentrischen Gastes, kochen würde, dann sicher nicht zu heiß, denn das Wasser beginnt bei etwa hundert Grad zu sieden. Das Würstchen kocht dann, auch wenn weiter erhitzt wird. Heißer kochen geht gar nicht, außer vielleicht im Labor und mit einer anderen Flüssigkeit als Wasser. Ich vermute mal, es ist gemeint, der Kopf fühle sich an wie ein zu „lange“ gekochtes Würstchen. Im Text steht jedoch zu „heiß“. Dabei sehen die Wörter doch ganz und gar nicht zum Verwechseln aus.

„Der Pegel ihres Gute-Laune-Barometers fiel ins Bodenlose ...“ Vielleicht fiel der Zeiger ihres Meßgerätes gegen null, aber, na, lassen wir das. Viel interessanter ist, daß sie „absichtlich den frenetisch blinkenden Anrufbeantworter“ mit Mißachtung straft, obgleich er sich doch solche Mühe gibt. Eine derartige Leidenschaft traut man Anrufbeantwortern im allgemeinen nicht zu, aber bisweilen nehmen sie wohl Charaktereigenschaften ihrer Besitzer an. Da muß noch geforscht werden. Warum Chloe den Anrufbeantworter „absichtlich“ ärgert, man erfährt es nicht. Aber es wird mitgeteilt, daß sie „unterwegs“ (sie hatte sich mit „einer entschlossenen Bewegung von der Tür“ abgestoßen und „durchquerte den schmalen Flur“ – der Leser denkt zuerst, die Wohnung könnte unter Wasser stehen und das Ganze geschähe schwimmend) ihre „hochhackigen Schuhe“ los wurde, indem sie „die Designerstücke lieblos von den schmerzenden Füßen streifte“. Na so was. Nicht einmal über die Farbe der Schuhe erfährt man etwas.

Was wird einem statt dessen mitgeteilt? Sie sieht durch einen Spalt ins Wohnzimmer. Und was sieht sie da? „… nichts als tiefe Dunkelheit, die gierig durch die Lücke nach außen drängte“. Also Licht, das, wenn auch nicht gierig, in die Dunkelheit „drängt“, weil es dazu neigt, sich gradlinig auszudehnen, das kann ich mir noch mit Mühe vorstellen, aber gierige Dunkelheit im Wohnzimmer, da fehlt mir die Phantasie.

Zum Schluß erfährt man auf Seite 4, daß Chloes Hand „nach dem seitlich angebrachten Lichtschalter“ tastete. Das ist wichtig, denn in den meisten Wohnungen sind die Lichtschalter ja oben unter der Zimmerdecke oder in den Fußboden eingelassen. Nun flammt das Licht auf, und „ihre Katze kam hinter der Couch hervorgeschlichen“.

Morgen geht's weiter.

22.07.2014 um 10:18 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 3

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 3

(Die Geschichte von „F. A. Verbotenes Verlangen ist schnell erzählt: In der Londoner High Society macht Töchterchen Chloe, angehende Immobilienmaklerin (24) heftig rum mit dem Gigolo-Lover ihrer Mutter, er eine große Nummer in der Kunstszene, sprich Galerist und Kunstmanager, um die dreißig, sie eine berühmte Schauspielerin, passendes Alter, also etwa Ende vierzig, Anfang fünfzig, und spannt ihn ihr aus. Anfangs geschieht das aus Versehen, später mit verheimlichter Absicht. Das Ganze ist am Ende natürlich zum Besten aller. Außer den genannten Personen gibt es noch ein paar unbedeutende Nebenfiguren und einen nach langen Jahren plötzlich wiederaufgetauchten Ehemann der Mutter Schauspielerin, heimlicher Vater der Protagonistin. Und eine angeblich zickige Katze, die sich aber tatsächlich ganz normal verhält – im Gegensatz zu den meisten handelnden Personen.)

Das Ganze fängt (auf Seite 3) so an: Chloe, die Hauptperson, kommt spätabends nach Hause, „schlurfte … mit der Vitalität und Geschwindigkeit einer alten Frau“ in ihre Wohnung. „Bleierne Müdigkeit machte ihre Beine schwer ...“ Ein aufschlußreiches Bild der „alten Frau“; man stellt sich eine vom Leben gebeugte Achtzigjährige mit Küchenschürze und in Filzpatoffeln vor. Tatsächlich aber ist die Erschöpfte vierundzwanzig und kickt, urplötzlich wieder munter geworden, in einem „tröstlichen Anfall von rücksichtsloser Gewalt“ die Tür mit dem Absatz ihres Schuhs zu. Später werden wir dann erfahren, daß sie sehr hohe Absätze trägt, auf denen nicht gut schlurfen ist.

Cloe beklagt sich innermonologisch über die „nervtötenden Wiederholungen“ ihres Alltags und über das „sterbenslangweilige Fernsehprogramm“. Ein Leben ohne Inhalt. „Der Frust nagte an ihr wie eine hungrige Maus an einem würzigen Stück Käse.“ Man muß sich das so vorstellen: Frust ist etwas, das nicht etwa im Innern entsteht, sondern vielmehr von außen kommt. Cloe sieht sich als Stück Käse, wieso nur?, und irgend etwas Fremdes nagt an ihr rum, würzig, wie sie glaubt zu sein. Als fräßen nicht hungrige Mäuse jeden Käse.

Doch noch im selben Absatz dann die Überraschung: „Der Job machte ihr Spaß, und sie war gut darin.“ Sie kommt also am späten Abend von der Arbeit, die ihr Spaß macht, nach Hause und sinniert über den grauen Alltag mit seinen „nervtötenden Wiederholungen“. Ja, was denn nun?

Die merkwürdigen Reflexionen über „lasch gewordene“ Kerle „im allmorgendlichen Frotteebademantel“, „Öko-Hebammen“ und das Stillen lasse ich unkommentiert; das würde jetzt zu weit führen.

Die „zickige Katze“ wird auf Seite 3 zwar beiläufig erwähnt, läßt sich jedoch, ganz entgegen jeglicher Katzengewohnheit, noch nicht blicken.


22.07.2014 um 00:14 Uhr

Alphabetmißbrauch

von: Lyriost

Alphabetmißbrauch

Da kam mir doch wieder, wie so oft, dieses böse, böse Wort in den Sinn, dieses aus dem sprachlichen Kompost gewachsene Kompositum, das wie kaum ein anderes einem der häufigsten Tatbestände der Neuzeit einen passenden Namen gibt, und ich dachte: Schaust du mal, ob du eine Literaturliste zum Thema findest. Nun, ich suchte, suchte, suchte, aber ich fand nichts, nicht mal das Wort selbst. Jetzt ist es meines.

22.07.2014 um 00:05 Uhr

"Verbotenes Verlangen"

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

"Verbotenes Verlangen"

Es gibt Bücher, die muß man nicht mal  aufschlagen, um zu sehen, daß etwas mit ihnen nicht stimmt; denn der Blödsinn beginnt bei ihnen schon im Titel. Die Stilblütensammlung "Family Affairs – Verbotenes Verlangen" einer gewissen Vivian Hall, etikettengeschwindelt angeboten als "Erotischer Roman", ist ein gutes Beispiel für eine dieser Zünfte, die den Alphabetmißbrauch auf die Spitze treiben.

Ich habe mir vorgenommen, mich in den nächsten Wochen (vielleicht werden es auch Monate, wer weiß) mal ein wenig mit der sprachlichen und gedanklichen Form dieser abtörnenden Lektüre zu befassen und einige der wunderhübschen Stilblüten in ihrer ganzen Pracht erblühen und verblühen zu lassen.

Heute nur so viel: Verbotenes Verlangen gibt es natürlich nicht und kann es gar nicht geben, ist doch Verlangen ein Gefühl, ein Ausdruck von Bedürfnissen. Wie sollte man das Sehnen, wie die Begierde unter Strafe stellen? Selbst der dümmste deutsche Schlager weiß: "Das kannst du mir nicht verbieten", die Damen (und Herren?) im Lektorat des Verlags von Vivian Hall – Plaisir d'Amour – wissen das, wie so vieles andere, aber leider nicht. Oder sie halten sich nicht mit Nachdenken auf.