Lyriost – Madentiraden

29.04.2015 um 16:57 Uhr

Messen mit Maßen

von: Lyriost

Messen mit Maßen

Oft hört man es werde 
mit zweierlei Maß gemessen
dabei ist es nicht
einerlei was genau da
gemessen wird:
Nicht selten ist es zweierlei
nicht richtig läßt sich
Entfernung mit einem 
Thermometer messen
und Temperatur kann
man nicht wirklich
wiegen

28.04.2015 um 10:14 Uhr

Integrationsprobleme

von: Lyriost

Integrationsprobleme

Hörte heute morgen in einer Sendung über die Probleme der jungen Bundesrepublik Deutschland, man habe damals die „Soldaten und Soldatinnen“ in die Gesellschaft integrieren müssen. Da sieht man wieder mal, zu welch hanebüchenen Aussagen es führt, wenn automatisiertes Gendergesülze in mangelnde Geschichtskenntnisse integriert wird.

Soldatinnen gab es damals in Deutschland nicht zu integrieren, nicht mal Gendarminnen. Aber Minen zu entschärfen. Besonders in den Köpfen.   

27.04.2015 um 22:28 Uhr

Tirade 215 – Stunde für Tag

von: Lyriost

Tirade 215 – Stunde für Tag

Sekunden stöhnen
Minuten wie stundenlang
Tag für Tag Monat

Stunden ächzen die Tage
und Jahre fliehen geschwind

26.04.2015 um 15:19 Uhr

Das Pferd als Kutscher

von: Lyriost

Das Pferd als Kutscher
 
„Das Erstaunliche am biologischen Gehirn ist, dass es seinen Besitzer, den umgebenden Körper, in der Welt jenseits des Gehirns mit nahezu traumwandlerischer Sicherheit durch genau jene Welt steuert, die es eigentlich gar nicht kennt.“
 
„Wie wir heute wissen (können), ist das heutige Format des biologischen Gehirns und des zugehörigen biologischen Körpers nur eine Momentaufnahme.“
 
Die obigen Aussprüche sind dem Aufsatz „Der Traum vom künstlichen Geist“ von Gerd Doeben-Henisch entnommen und fielen mir wegen ihrer Widersprüchlichkeit auf.
 
Ohne jetzt auf die gängige Körper-Geist-Dualität einzugehen, muß ich doch sagen: Es mutet seltsam an, wenn der Körper einerseits als Besitzer des Gehirns („ … seinen Besitzer, den umgebenden Körper ...“) und andererseits als Anhang „… des zugehörigen biologischen Körpers“ bezeichnet wird. Ja, was denn nun? Das Gehirn sitzt im Sattel und steuert Doeben-Henisch zufolge den („zugehörigen“) Körper (das Pferd) durch die Welt? Welch eine absonderlich naive, geradezu mechanistische Denkweise. Und dann ist auch noch, ganz im Gegensatz zu aller Erfahrung, das Pferd der eigentliche Besitzer des Reiters.
 
Als wären nicht Körper und Gehirn eine Einheit, deren Route nicht vom Schädel und von den Füßen, von der Peitsche des Reiters oder den Beinen des Pferdes, sondern von unserem inneren Antrieb, von unserem Wollen, unseren Leidenschaften, unseren Trieben bestimmt wird. Man muß sich das so vorstellen, als säßen wir in einer Kutsche, auf dem Bock ein Kutscher, der nicht immer auf uns hört, und mit Pferden, die gern mal mit uns durchgehen.
 
Genau das, daß die Pferde mit ihm durchgehen, scheint Doeben-Henisch beim Schreiben passiert zu sein.
 
Kann vorkommen.

Telopolis 

 


26.04.2015 um 14:14 Uhr

Tunnelwanderung

von: Lyriost

Tunnelwanderung

Am Ende des Tunnels, in dem man gerade steckt, sieht man irgendwann Licht, so scheint es manchmal und so ist öfter noch zu hören. In Wirklichkeit aber ist dort am Ende des Tunnels, so lernen wir im Laufe unseres Lebens, der Anfang des nächsten Tunnels. Macht aber nichts, solange uns die Streichhölzer nicht ausgehen (in memoriam Tor Ulfven).

26.04.2015 um 12:56 Uhr

Tirade 214 – Nur Bilder

von: Lyriost

Tirade 214 – Nur Bilder

Auf Trampelpfaden
mit Gedanken Gefühlen
wie Falter fliegend bei Nacht
 
nur Bilder auf den Seiten
Schatten im Mahlstrom der Zeit

24.04.2015 um 03:56 Uhr

Schönheit

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Schönheit und ihr Ideal

In der Antike, als die meisten Menschen noch weitgehend ungestört sinnliche Erfahrungen machen durften und mußten, meißelte man seine Vorstellungen von Schönheit in Stein. Schon frühe Artefakte sind Ausdruck der Auseinandersetzung mit der Anmut des Lebendigen und dessen weniger geschätzten Teilen wie auch mit den ambivalenten Erscheinungen der Natur.

Nach und nach entstanden ästhetische Theorien, die dazu beitrugen, den subjektiv-sinnlichen Anteil bei der Herausbildung des Schönheitsgefühls zurückzudrängen und das in den Vordergrund zu schieben, was wir als Schönheitsideal bezeichnen. Im Zusammenspiel zwischen ästhetischer Theorie und Kunst, aber auch mit Religionen und Moden, entwickelten sich die Schönheitsideale der verschiedenen Kulturen und Epochen.

Heute, im Zeitalter von Globalisierung und technischer Perfektionierung, ist das Schönheitsideal in erster Linie Ausdruck von Warenästhetik und einer computergestützten Glättung des Realen. Am Ende steht das Ideal des Photoshop-Realismus: der faltenfreie schlanke Mensch, der mit sich selbst reparierenden technischen Geräten hantiert, wie dem Smartphone, dessen Oberfläche selbsttätig etwaige Kratzer „heilt“.

Das Schönheitsideal der Zukunft wird Benutzungsspuren nicht mehr tolerieren. Und vermutlich auch keine Zeichen gelebten Lebens.  

Was übrigbleibt, ist ein industriell vorgegebenes universelles Wahrnehmungsmuster höhergradiger Perfektion, ein nicht mehr in Frage zu stellendes Ideal der Ideale.   

23.04.2015 um 10:02 Uhr

Let it be (für S.)

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Let it be (für S.)

Im Dunkeln das Leuchten
am Abend Unrast nicht Ruh
und immer die Frage
woher kommt das
woher und wozu
die ganzen Fragen …
 
kommt immer näher
und ist doch bald schon so fern
 
La vie est belle
ich mag dich so gern
 
Es wär so schön
ist groß ist klein
am besten wäre
man ließe es sein

21.04.2015 um 10:55 Uhr

Grundierungen

von: Lyriost

Grundierungen

Der Duden in seiner beträchtlichen Unweisheit erlaubt, wie ich bei meiner Tätigkeit immer wieder erfahren muß, neben der korrekten Ausdrucksweise „vor dem Hintergrund“ (zum Beispiel des Eisenbahnerstreiks) auch die unsinnige Variante „auf dem Hintergrund“, was ich logisch nur verstehen kann, wenn es etwa um das Bemalen einer Leinwand geht. Nun ist es so – weshalb, habe ich noch nicht herausgefunden, ich kann nur vermuten, möchte das jedoch jetzt nicht tun –, daß sich die blödsinnigen sprachlichen Varianten zunehmend mehr und mehr durchsetzen.

Aber manchen ist das Doofe nicht doof genug, und dann führen sie etwas Neues in die Sprache ein, und so hörte ich heute morgen im Bildungsradio, man müsse etwas „vor dem Untergrund sehen“. Das ist nun wirklich schon nah am Abgrund.

21.04.2015 um 09:33 Uhr

Aus(s)chwitz

von: Lyriost

Aus(s)chwitz

 

FAZ 

 

18.04.2015 um 11:32 Uhr

Selbstoptimierung

von: Lyriost

Selbstoptimierung

Viele versuchen, das Beste aus sich rauszuholen. Ich lasse es lieber drin.

17.04.2015 um 15:54 Uhr

Witzig

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Witzig

Wolfgang Schäuble hat in New York Witze gemacht, und alle haben laut F.A.Z. darüber gelacht. Wer Schäubles Englisch-Pronunciation kennt, fragt sich, worüber die wohl genau gelacht haben. 

17.04.2015 um 09:38 Uhr

Selbsternannt

von: Lyriost

Selbsternannt

Die F.A.Z. und „die selbst ernannte Aufklärungsplattform“ Wikileaks

Wenn einer (selbsternannten) Nachrichtenverbreitungsinstitution wie der F.A.Z. oder einem der unzähligen amerikanischen Geheimdienste nicht ins Konzept paßt, was ein anderer sagt oder tut, wird gern das Adjektiv „selbsternannt“ verwendet, um ihn lächerlich zu machen, ihn zu verspotten oder ganz allgemein zu diskreditieren. Der selbsternannte Aufklärer, der selbsternannte Umweltschützer, der selbsternannte Moralwächter, Friedenskämpfer und so weiter. Oder auch, wie im Falle der Ukraine, die selbsternannte Volksrepublik. Als bedürfe es eines Verwaltungsaktes wie der Ernennung, um seine Meinung äußern oder politisch aktiv werden zu dürfen. Ich finde, es wird langsam Zeit, daß Journalisten begreifen: Mediale Aufklärungsmonopole, die ganz nach Belieben und je nach politischer Einflußnahme berichten oder auch nicht berichten, gehören der Vergangenheit an, und für Aufklärung ist weder ein Redaktionsrat noch ein Ministerium und schon gar keiner der ominösen Dienste mit den wenigen Buchstaben zuständig.


F.A.Z.

 

16.04.2015 um 21:48 Uhr

Über Rücksichtslosigkeit

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Über Rücksichtslosigkeit

Wenn zwei sich nicht zuletzt deshalb streiten, weil einer von beiden seine Interessen rücksichtslos durchzusetzen versucht, dann ist es kein Beitrag zu einem Kompromiß, wenn der Rücksichtslose sein rabiates Verhalten etwas abmildert. Es ist ein Witz, daß einer, der seine Rigorosität einem anderen gegenüber etwas dämpft, dafür ganz selbstverständlich ein Entgegenkommen dieses anderen als dessen Beitrag zu einem Kompromiß erwartet.

15.04.2015 um 10:19 Uhr

Meinung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Meinung

Mit der Meinung ist es ganz ähnlich wie mit dem Geschmack. Ebenso wie der Geschmack bildet auch jene sich allzu häufig leider im wesentlichen unbemerkt und ganz ohne eigenes Zutun im Kopf der Meinenden oder auch Meinenwollenden. Ob es sich bei diesen um Wohlmeinende handelt, ist dabei zweitrangig, und dem Vorgang der Meinungsbildung vorgeschaltet ist nicht selten der der Meinungsübernahme. Man kann auch neudeutsch sagen: Die Generierung von Meinung wird gerne „outgesourct“. Das Wort wirkt auf mich in diesem Zusammenhang genauso schrecklich wie der damit bezeichnete Vorgang.

14.04.2015 um 22:59 Uhr

Geschmacksfragen

von: Lyriost

Geschmacksfragen

Das auffallendste Charakteristikum guten Geschmacks sind seine vielfältigen Erscheinungsformen: Diversität beinahe wie bei Schmetterlingen, im Gegensatz zu diesen allerdings viel geringere Verbreitung. Beim schlechten Geschmack ist es genau umgekehrt: sehr verbreitet und wenig differenziert. Wie bei Ratten: vergleichsweise wenige Arten bei enormer Verbreitung.

13.04.2015 um 18:23 Uhr

Nachruf auf Günter Grass

von: Lyriost   Stichwörter: Danzig, Seebär, Grass, Lübeck

Nachruf 

Der alte Seebär
ging heimlich heute von Bord
die Ratten blieben

es wird ihm nicht gefallen
wo er jetzt ist: nur Ruhe

11.04.2015 um 12:26 Uhr

God's Own Country

von: Lyriost

God's Own Country

In den USA beginnt gerade der Vorwahlkampf der Republikaner – mit pathetischem Gedröhne: Wahrheit und Freiheit und ganz viel Gott. Also leeres Gerede über Irreales. Zum Thema Wahrheit frage man die Buschs, bei Freiheit fällt mir die überdimensionierte Gefängnisindustrie mit der weltweit höchsten Inhaftierungsrate ein, und Gott ist allüberall im Lande vor allem ein lukratives mediales Geschäftsmodell. 

10.04.2015 um 09:05 Uhr

Kleinenwahn

von: Lyriost

Kleinenwahn

Je winziger einer ist, um so stärker sein Verlangen nach Größe. Daher der Drang einiger Wachstumsgestörter, in der Öffentlichkeit „Gott ist groß“ zu rufen. Man weiß immerhin, daß einem niemand, nicht mal die Kleinsten, glauben würde und lächelnd beiseite schaute, riefe man statt dessen das, was man mit dem Größenruf wirklich meint: „Ich  bin groß.“ 

10.04.2015 um 00:04 Uhr

Vor- und Nachdenker

von: Lyriost

Vor- und Nachdenker

Jedes bewußte Nachdenken, vor allem das philosophisch-wissenschaftliche Nachdenken, was nicht ohne Nach-Fühlen geschehen sollte, bedeutet in allererster Linie, dem nachzuspüren, was andere gedacht und gesagt haben, ihnen hinterherzudenken, das Gesagte zu prüfen und in Beziehung zu setzen zum Eigenen. Dabei wird das Denken der anderen wie im Vorbeigehen modifiziert, ob absichtlich wegen der Strahlkraft neuerer Erkenntnisse, seien sie nun tatsächlich bedenkenswert oder nicht, oder auch ungewollt, unabsichtlich, sogar unbemerkt, unmerklich, weil man etwas nicht oder anders oder gar besser versteht als der Vordenker. Oder das auch nur glaubt. So entwickelt sich stets ein wenig Neues, es bilden sich zusätzliche Facetten, oder der Schliff wird anders, im Idealfall schärfer – wenn der Nachdenker nicht ganz verblödet ist oder vor Ehrfurcht gelähmt.