Lyriost – Madentiraden

18.07.2015 um 12:35 Uhr

Realitätsleugnung

von: Lyriost

Realitätsleugnung 

Im Zeitalter der Globalisierung als Angehöriger einer Exportnation Multikulturalität abzulehnen und auf deutschtümelnde Monokultur zu setzen, das zeugt von schlechter Schulbildung in allen Bereichen – von Sozialkunde über Biologie bis hin zu Mathematik. Außerdem herrscht bei den sogenannten Nationalen oder Nationalkonservativen ein gravierende Mangel an emotionaler und Sozialkompetenz, und vor allem fehlt es meist an Allgemeinbildung, die über das Unterscheiden von Biersorten und Automarken hinausgeht. 

08.07.2015 um 10:17 Uhr

Kollektives Denken?

von: Lyriost

Kollektives Denken?

tao schrieb:
Das kollektive Denken ist das zweite Stadium des Denkens. Die erste Schicht des Denkens ist sehr chaotisch, die zweite Schicht ist kollektiv. Da ist die Gruppe, die Familie, die Gesellschaft, die Nation wichtiger als ich. Dieses Denken denkt an andere, opfert seine eigenen Interessen, wird kollektiv, wird Teil der Gesellschaft, einer Sippe, eines Stammes, beginnt zivilisiert zu sein. Zivilisation bedeutet, Teil einer Gesellschaft zu sein. Das primäre Denken kennt keine Identität, das sekundäre Denken kennt die kollektive Identität. Nietzsche nannte sie "das Kamel". Wenn ich so einen Menschen fragst: Wer bist du? Dann antwortet er vielleicht mit: Ich bin ein Doktor oder ein Geschäftsmann. Er zeigt mir, wohin er in der Gesellschaft gehört, welche Funktion er bekleidet. Das ist nicht viel an Selbsterkenntnis. Aber für die Zwecke der Nützlichkeit ist es genug und viele Menschen bleiben da stehen. Diese Etiketten, die ich gesammelt habe, sind gut, damit ich als Mitglied in der Gesellschaft funktionieren kann, aber sie zeigen nichts von meiner Realität.
Das Ego lebt von Unterstützung, von der Beachtung meiner Umwelt. Das Ego kann nur in der und durch die Gesellschaft bestehen. Es wird von ihr genährt. Obwohl das Ego die Gesellschaft loswerden will, individuell sein will, wird es auf subtile Weise doch von ihr genährt und erhalten, bleibt es von ihr abhängig. Die Schwierigkeit mit dem Ego ist, dass es von den anderen definiert wird. Diese anderen haben sich in meinem Herzen eingenistet. Die Umwelt schmeichelt mir im besten Fall und so nimmt sie Besitz von mir. Diese Schmeichelei ist ein Trick, um mein Ego zu nähren. Das Ego existiert in mir, aber es ist im Besitz der anderen.
Wenn ich nichts entscheiden muss, dann gibt es natürlich auch keine Besorgtheit. Entscheiden bringt Besorgnis. Sie erscheint auf der dritten Stufe des Denkens, dem individuellen Denken. Nietzsche nannte es "den Löwen". Solange ich mich nach den kollektiven Regeln definiere, bin ich in gewisser Weise ein Heuchler. Ich tue etwas, weil andere das auch tun. Doch nun besteht meine Identität nicht mehr nur im Dazugehören. Meine Identität besteht nicht mehr nur darin, dass ich ein Hindu, ein Christ oder Mohammedaner bist. Meine Identität ist persönlicher: Ich bin ein Maler oder ein Dichter. Meine Identität ist kreativer, sie besteht nicht mehr darin, dass ich dazu gehöre, sondern darin, dass ich etwas beitrage - was nur ich zur Welt beitragen kann. Das ist eine sehr kritische Stufe - die dritte, denn sie ist in der Mitte. Zwei Stufen sind darunter und noch zwei Stufen sind darüber. Es ist der mittlere Grad. Wenn ich falle, dann falle ich in den Abgrund des Wahnsinns. Wenn ich steige, dann steige ich auf zum Einssein mit dem Tao.

Schauen wir uns den Post mal etwas genauer an.

„Das kollektive Denken ...“ Moment. Denken im Wortsinne ist der größte Teil dessen, was in einem Gehirn geschieht. Gehirn ist das Ding, das oberhalb der jeweiligen Wahrnehmungsorgane sein Wesen und sein Unwesen treibt und alles koordiniert, damit der einzelne Mensch – oder auch das Tier – als Ganzes überlebensfähig ist. Mit diesen Verrichtungen hat das Gehirn reichlich zu tun, und vor allem im wachen Zustand ist es so sehr mit Regulierungstätigkeit beschäftigt, daß es sich und seine Funktionalität nicht auch noch reflektieren kann. Diese Reflexionsfähigkeit ist zumindest in den meisten menschlichen Gehirnen potentiell angelegt, und zwar in jedem für sich, denn vernetzt sind sie erst mal nicht: Es gibt kein Kabel vom einen zum andern, und Empfänger für WLAN-Hotspots sind nicht vorhanden. Folglich gibt es – im Gegensatz zum Unbewußten – nur individuelles Denken und kein kollektives. Wir können deshalb zwar kollektiv fühlen, aber nicht kollektiv denken.  

Das Denken ist etwas Individuelles, Heidegger würde sagen: etwas je individuelles, und hat vor allem eines im Sinn, das eigene Überleben. Da dieses Überleben des einzelnen qua Zivilisation an eine Gruppe gekoppelt ist, und das nicht erst seit gestern, sondern schon seit Urzeiten, berücksichtigt der kluge einzelne die Interessen der Gruppe, der er zugehörig ist oder sich zugehörig fühlt, denn das sichert ihm zumindest zeitweilig das Überleben. Dadurch wird sein Denken natürlich beeinflußt, aber es bleibt dennoch ein individuelles Denken. Nur das Handeln ist kollektiv, und es ist eines mit Hintergedanken.

All die scheinklugen terminologischen Höhenflüge von inhaltlich-primärem und -sekundärem Denken prallen an der Mauer dieser Tatsachen ab. Zarathustras hierarchisches Kamel-Löwen-Kind-Gerede ist nichts weiter als ein Wahngebilde, wie das daraus folgende Konstrukt der „Ewigen Wiederkehr“, hübsche Metaphern in einem philosophischen Märchen.

Wenn jemand fragt: Wer bist du? und dieser antwortet: ein Doktor, dann hat er die Frage nicht verstanden, denn es wurde doch nicht gefragt: Was bist du? Lieber tao, viele Menschen mögen zwar blöd sein, aber so blöd nun auch wieder nicht.

Den hier vielbesprochenen Egokram lasse ich mal weg und auch die von Heidegger entlehnte Sorgerei. (Warum nennst du übrigens nicht deine Quellen und tust so, als wüchsen deine Gedanken auf deinem Mist; hat das was mit Federschmuckerschleichung zu tun? Ego, Ego.)

Zum Schluß wird dann bei dir das angebliche kollektive Denken plötzlich zu kollektiven Regeln eingeschmolzen, und die angebliche kollektive Identität (die in Wahrheit nur ein Teil der Identität ist) wird zu einer anderen, ebenfalls kollektiven Identität (die wiederum auch nur ein Teil der Gesamtidentität ist); es findet also eine simple interne Identitätsverschiebung statt oder, noch einfacher gesagt: Die Prioritäten werden neu definiert. Was daran kritisch sein soll, erschließt sich mir nicht. 

Über Fallen und Aufsteigen, den uralten Wahn von Hölle und Himmel mit all seinen hierarchisierenden moralischen Anhaftungen, muß man einem gebildeten Menschen, so glaube ich, heute nichts mehr erzählen.

Insgesamt, lieber tao, wieder mal ein mißlungener Versuch. 

08.07.2015 um 04:16 Uhr

Bedenkenswert

von: Lyriost

Bedenkenswert

Bei der Befolgung der weitverbreiteten theorematischen Aufforderung: „Lerne denken, ohne zu werten“  kommt es im Ergebnis nicht selten zu einer Vertauschung der Verben. Man wertet nun, ohne zu denken. 

08.07.2015 um 00:16 Uhr

Melancholie und Verzweiflung

von: Lyriost

Melancholie und Verzweiflung

Melancholie ist Medizin gegen die Verzweiflung. Nur hilft diese Medizin nicht immer, und dann schreibt man die Folgen häufig nicht der Situation zu, aus der sich die Verzweiflung entwickelt, sondern der Medizin. Die tiefe Niedergeschlagenheit ist keine Nebenwirkung der Melancholie, sondern selbst Melancholie ist bisweilen unzureichend, um das Bewußtsein der letztendlichen Elendigkeit allen Seins zu ertragen. 

06.07.2015 um 08:24 Uhr

Stolz

von: Lyriost

Stolz

Wer sich in Stolz kleidet, hat keine Achtung vor sich selbst.

04.07.2015 um 14:16 Uhr

Ganz ohne Buntstifte

von: Lyriost

Ganz ohne Buntstifte

Viel Beifall fand beim Parteitag der Alternative für Dämliche folgender Satz:

„Als rechts gilt heute, wer einer geregelten Arbeit nachgeht, seine Kinder pünktlich zur Schule schickt und der Ansicht ist, dass sich der Unterschied von Mann und Frau mit bloßem Auge erkennen lässt.“ 

Darüber ein Foto einer ungeschminkten Frauke Petry im Jackett, die Haare nur unwesentlich länger als Bernd Lucke. Einen Fingerzeig über das Geschlecht der Petry kann man hier allenfalls dem Vornamen Frauke entnehmen. Aber AfD-Mitglieder würden sicher darauf verweisen, daß Frauke Petry doch einen Sticker im Ohr trägt, woran man unzweifelhaft „mit bloßem Auge“ erkennen könne, daß es sich bei ihr um eine Frau handle.  

Wie man, abgesehen von den klatschenden AfD-Mitgliedern, weiß, gehen Arbeitslose, Rentner, Erben mittelgroßer und großer Vermögen, Kranke, aber auch Schüler sehr häufig aus unterschiedlichen Gründen keiner geregelten Arbeit nach, und Politiker sind besonders in letzter Zeit überwiegend mit ungeregelten Nachtsitzungen beschäftigt. Die gelten nach der Logik des beklatschten Diktums schon mal alle also nicht als rechts – sollte man meinen. Hätte einen aber auch gewundert. Allerdings ist zu hören, daß gerade Arbeitslose und Rentner …

Nun sind Berufstätige ganz oft nicht in der Lage, ihre „Kinder pünktlich zur Schule“ zu schicken, weil die Kinder nämlich erst aufstehen, wenn die Eltern bereits unterwegs zur Arbeit sind oder die Eltern nach langen Nachtsitzungen ausschlafen müssen. Die können also auch nicht rechts sein, oder?

Wer, so fragt man sich, könnte also auf die Idee kommen, diese alle als rechts zu betrachten? Nicht mal der Erfinder dieses blödsinnigen Satzes, der so ausgiebig beklatscht wurde und mit dem versucht wird, eigene Vorurteile in andere hineinzuprojizieren. Aber es gibt ja noch die, die heimlich klatschen, wenn einer sagt, einen Menschen erkenne man daran, daß er weiß ist. Die gilt es für diese obszöne Partei zu gewinnen. Da ist man auf dem besten Weg.

Einen Dummkopf erkennt man jedenfalls daran, daß er beim Zeichnen eines bunten Bildes ganz ohne Buntstifte auskommt und ihm ein Bleistift reicht.


ntv

Telopolis

 

03.07.2015 um 19:14 Uhr

Der Ball ist nicht immer rund

von: Lyriost

Der Ball ist nicht immer rund

Frauenfußball ist auf dem Vormarsch, wenngleich er von vielen noch nicht so richtig ernst genommen wird. Kann sein, daß das an den merkwürdigen Regeln liegt, die sich, wie es scheint, doch wesentlich von denen bei den Männern unterscheiden, wie man wieder einmal bei der gegenwärtigen Frauenfußball-WM in der FAZ vorgeführt bekommt.

Am Beispiel der englischen Mannschaft kann man das gut sehen: Sie verliert im Halbfinale gegen Japan und steht dennoch im Finale, und zwar wiederum gegen Japan. Zusätzlich spielen die englischen Frauen auch noch um Platz drei – allerdings nicht gegen Japan.