Lyriost – Madentiraden

13.03.2007 um 02:03 Uhr

Berliner Architekturimpressionen

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Berliner Architekturimpressionen

Vor ein paar Tagen war ich mal wieder am Potsdamer Platz (der Film, den ich sehen wollte, lief leider nur dort im Cinemaxx), und ich war dazu verdonnert, die Leistungsschau der modernen Architektur zu ertragen, diese sterile Ansammlung von Betonschrott, Stahl und Glas. Wie jedes Mal, wenn ich dort entlanggehe, kam ich mir vor wie in einer überdimensionalen Vasenausstellung im Museum Woolworth und freute mich einzig darüber, daß das Weinhaus Huth die Zeiten und die Zeitenwenden überstanden hat.

Im Gegensatz dazu ist vom Brikett der Republik, auch Palast der Republiiik genannt, glücklicherweise immer weniger zu sehen, was wohl nur noch ein paar ideologisch asbestresistente Fossilien bedauern mögen.

Jetzt kann man nur hoffen, daß die Arbeiten im ehemaligen Kronleuchterzirkus bald abgeschlossen werden und das geplante Humboldt-Forum Gestalt annimmt, und zwar ohne sich avantgardistisch gebärdendes Bauhaus-Blech, das sich modern nennt, obwohl es doch eher davon lebt, daß es antihistoristische Theorie transportiert und wurzellose Ahistorie gebiert. Architektur als das übriggebliebene Granulat des letzten Winters.

Da etwas wirklich Neues und Innovatives nicht in Sicht ist und auch nicht dem gegenwärtigen Lebensgefühl in Berlin entspricht, bin ich ganz einverstanden mit der beschlossenen Lösung, die ich als historistisches Zitat betrachte, mit dem die Berliner und die Touristen gut leben könnten.

Allerdings wünschte ich mir, die Verantwortlichen würden sich dazu durchringen, bei all der geplanten zitierenden Altbauerei für deutliche, am besten ironische Anführungszeichen zu sorgen, um den Romantikern aller Fachrichtungen den allzu romantisierenden Blick nach hinten zu verstellen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenJan schreibt am 13.03.2007 um 12:46 Uhr:Salopp ausgedrückt: Da bis du ja der richtige Mann für die Chipperfieldsche Insellösung.
  2. zitierenLyriost schreibt am 13.03.2007 um 13:14 Uhr:Nun ja, Jan, die Museumsinsel ist wieder ein Fall für sich. Da sollte man aufpassen, daß die Anführungszeichen nicht zu groß werden. Darüber wird natürlich heftig gestritten, unter anderem neuerdings auch mit der Unesco. Stichwort Weltkulturerbe. Gruß
  3. zitierenvonWegen schreibt am 14.03.2007 um 00:46 Uhr:Alle, die der Meinung sind, dass es ziemlicher Schwachsinn ist, den Palast der Republik als historisches Denkmal abzureißen, um stattdessen das Schloss als ein historisches Denkmal zu simulieren, sind nicht gegen Asbest, sondern gegen ein Erinnern resitent, das nur sentimental sein möchte.
  4. zitierenLyriost schreibt am 14.03.2007 um 12:51 Uhr:Gerade die Erinnerung an den "Kessel Buntes" im Palast ist es, was ich als (durchaus nachvollziehbare) Sentimentalität bezeichnen würde. Vom denen allerdings, die das frühere Schloß jemals von innen gesehen haben, leben dagegen, wenn überhaupt, nur noch wenige. Sentimentalität hat immer etwas mit der persönlichen Geschichte zu tun. Aber wenn man ein Schloß schöner findet als eine simple Quaderkiste, dann hat das was mit persönlichem Geschmack zu tun. Und darüber sollte man ruhig streiten. ;-)
  5. zitierensynchrono schreibt am 17.03.2007 um 10:18 Uhr:Ich bekenne, den Palast zu vermissen. Dort haben wir meinen Sohn "geplant", dort habe ich Leon Gieco, Mercedes Sosa und viele andere gesehen. Auch wenn er nicht schön war, war er offen für mich, uns, viele. Und ich wünschte, es wäre auch heute noch so. Ich habe einen engen Bezug zum Gebäude. Darin passierte ein Teil meines Lebens.

    Was man von dem monarchistischen Schloss so wohl nicht erwarten kann. Was soll es also dort?

    Und? Ist das jetzt Ideologie?
  6. zitierenLyriost schreibt am 17.03.2007 um 13:16 Uhr:@ synchrono Nein, das ist, wie oben gesagt, durchaus nachvollziehbare Sentimentalität. Das Schloß paßt dort nur optisch besser hin. Finde ich. Gruß
  7. zitierensynchrono schreibt am 17.03.2007 um 14:45 Uhr:Was hast Du oben gesagt? :"was wohl nur noch ein paar ideologisch asbestresistente Fossilien bedauern mögen."

    Und Sentimentalität wäre doch eher der Wunsch nach einer seelenlosen Hülle ehemals angeblich glanzvoller Zeiten als nach einem mit Leben erfüllten Kulturklotz...

    Wikipedia:
    Sentimentalität (von französisch sentiment = "Gefühl, Stimmung") ist eine vorübergehende oder auch andauernde Gemütsverfassung, die durch Gerührtheit gekennzeichnet ist. Die Rührung ist allerdings falsch: sie nimmt ihren äußeren Anlass nur zum Vorwand, um sich dann in sich selbst hineinzusteigern. Dieser psychische Mechanismus kann z. B. davor schützen, bestehende Belastungssituationen oder Konflikte tatsächlich bedenken oder angehen zu müssen.
  8. zitierenLyriost schreibt am 17.03.2007 um 17:14 Uhr:Gerade die Erinnerung an den "Kessel Buntes" im Palast ist es, was ich als (durchaus nachvollziehbare) Sentimentalität bezeichnen würde. Wobei der "Kessel Buntes" all das beeinhaltet, was an Persönlichem mit einer bestimmten Zeit verknüpft ist. Und was bei Wikipedia über Sentimentalität geschrieben steht, interessiert mich nur bedingt und ist auch nur ein Teil des Ganzen. Ich habe meine ganz eigene Vorstellung von dem, was gemeinhin als Sentimentalität bezeichnet wird, und ich empfinde es als unangemessen, darüber entscheiden zu wollen, ob die Rührung des einen oder des anderen "echt" ist. Vielfach ist die Ablehnung von Sentimentalität nichts weiter als die Angst verkopfter Rationalisten vor ihren eigenen, rational nicht zu erklärenden Gefühlen und Sentimentalitäten. Ja, so manchem grauschleierigen Mentaldiagnostiker erscheint beinahe jedes Gefühl als Sentimentalität. Das nur am Rande.
  9. zitierensynchrono schreibt am 17.03.2007 um 17:22 Uhr:Zur Sentimentalät gebe ich Dir recht. Nur um meine Bemerkung zu Deiner Bemerkung hast Du bemerkenswerterweise einen merkwürdigen Bogen geschlagen... :-) Schönes Wochenende noch.
  10. zitierenLyriost schreibt am 17.03.2007 um 18:30 Uhr:Dir auch ein schönes Wochenende, synchrono. Wenn es dir recht ist, werde ich demnächst, ausgehend von deiner Bemerkung, etwas Grundsätzliches zum Thema "Palast der Republik" und selektive Erinnerung schreiben.

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