Lyriost – Madentiraden

10.02.2013 um 10:16 Uhr

Broderei 1 – Sprachgefühl

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Broderei 1 – Sprachgefühl

Henryk M. Broder, einer der originellsten Schöpfer absurder Vergleiche und Schiefhänger von Bildern, wird allgemein heftig überschätzt, vor allem von sich selbst und gerade dann, wenn es um die sprachlich-gedankliche Qualität seiner Verlautbarungen geht. Er gilt weithin als begnadeter Formulierer, was mich doch sehr überrascht. Sein größter Fan, er selbst, spricht darüber hinaus gern anderen die sprachliche Kompetenz ab und redet zum Beispiel von "erbärmlichem Deutsch", wenn jemand etwas zwar nicht übermäßig elegant formuliert hat, aber doch wenigstens gedanklich und sprachlich nachvollziehbar und ohne bedenkliche Fehler, wie sie gerade mal wieder in Broders Beitrag über Claudia Roths Eigentümlichkeiten ins Gesicht fallen.

Er schreibt in diesem Artikel über dies und das, was mit der Sache – "High five" mit einer Dikatur (sic!) – wenig bis gar nichts zu tun hat, und man merkt dabei, daß er es mit dem eigenen Denken und seiner Sprache nicht allzu genau zu nehmen in der Lage ist. So etwa, wenn er das  Schicksal der ehemaligen Ministerin Schavan beklagt: "nachdem ihr der Doktortitel aberkannt wurde, den sie vor über 30 Jahren gemacht hat". Nun, man kann – umgangssprachlich – "seinen Doktor machen", ja, das kann man, mit oder ohne Ernsthaftigkeit, aber einen Titel macht man nicht. Wenn Broder Sprachgefühl hätte, dann hätte jemand oder etwas von innen bei ihm an die Hirnrinde klopfen müssen bei solch einer Formulierung. Oder dabei: "Die flapsige Bemerkung eines älteren Herren an eine junge Journalistin". Eine "Bemerkung an" jemanden? Ich kann das Wort an jemanden richten, also eine Bemerkung machen, doch ebensowenig, wie ich dann ein Wort an diesen "gemacht" habe, habe ich eine Bemerkung an ihn "gerichtet". Jede Sprache hat ihre Feinheiten, und man sollte sie kennen, wenn man andre sprachlich kritisiert.

Daß Broder außerdem findet, ein Video sei "unmißverständlich", wo doch jeder weiß, wie Bilder lügen und trügen, und daß er den Terminus "gesundes Volksempfinden" ohne Anführungszeichen gänzlich unironisch benutzt: "Früher hat das gesunde Volksempfinden entschieden, was ein Skandal ist, heute ist es die Parteizugehörigkeit", das gibt zu denken.
Überdies ist diese Aussage inhaltlich falsch, versteht sich. Ein Skandal ist, früher wie heutzutage, das Verhalten von ANDEREN, nicht das eigene. Das ist nichts Neues, das war schon immer so. Deshalb die Frage in Matthäus 7,3, die Sache mit dem Splitter und dem Balken.


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