Lyriost – Madentiraden

17.10.2009 um 13:50 Uhr

Der befreite Blick II

von: Lyriost   Kategorie: Sonstiges

Der befreite Blick II

Die Warteschlange vor dem nordöstlichen Seiteneingang von Santa Maria del Fiore, dem Florentiner Dom, konnte sich sehen lassen, aber es ging, anders als bei den Uffizien, zügig voran, und bald waren der Panoramenjäger und seine Gefährtin der sonnigen Luftigkeit entrissen und tauchten ein in die düstere Enge des Treppensystems. Er begann, die Stufen zu zählen, angeblich 463, gab es jedoch nach kurzer Zeit auf, als ihnen in unregelmäßigen Wellen Irrgänger entgegenkamen, die eine Abzweigung verpaßt haben mußten, aber nichtsdestotrotz größtenteils angegrimmte Mienen aufgesetzt hatten, weil sie nicht realisierten, daß nicht die Entgegenkommenden, sondern sie selbst sich als Geisterkletterer betätigten. Und da sie sich in der Mehrheit befanden, die bekanntlich immer recht hat, werden sie ihren Irrtum, wenn überhaupt, erst später am Eingang bemerkt haben, der eben zum Aufgang führt und nicht der Ausgang ist.

Nicht nur daß die Entgegenkommenden seine weitere praktische Anwendung des Dezimalsystems verhinderten, sie zwangen ihn auch zu umfangreichen olfaktorischen Meditationen. Natürlich ist eine feine Nase in engen Räumen mit vielen Menschen stets mehr Fluch als Segen, aber hier war allzu offensichtlich, daß es zu mehreren heimlichen Entgasungsaktionen gekommen sein mußte, denn urplötzlich gerieten sie in eine Gestankwolke, die unmöglich von einer einzelnen Person verursacht sein konnte. Alles Naserümpfen half nichts, allein die Beschleunigung der Schritte verhieß Erleichterung. Doch Erleichterung stellte sich erst ein, als sie die schmale Galerie betraten, die an der Innenwand der Kuppel herumführte.

Hier konnte man durch eine Balustradenverkleidung aus angeschmuddeltem Plexiglas in den Innenraum des Doms hinunterschauen, wo erstaunlich kleine Gestalten umherliefen. Wie er am Tag zuvor beim Hochschauen in die Kuppel bereits gedacht hatte, mußte das Ganze deutlich höher sein, als es von unten betrachtet erschien. Doch lohnender als der Blick nach unten war der auf das Kuppelfresko, das ihn zuerst an die phantastischen Darstellungen von Hieronymus Bosch denken ließ. Bei genauerer Betrachtung jedoch kam er zu dem Schluß, daß es sich hier um eine vergleichsweise realistische Darstellung handelte, bei der die Dämonen deutlich weniger dämonisch aussahen als bei Bosch. Ihre menschliche Gestalt war lediglich durch ein wenig Verfremdung attributiv modifiziert.

"That's the hell", sagte der dicke Mann vor ihnen, vermutlich Engländer oder zumindest Brite, lachend und deutete auf eine beschwänzte Gestalt, die einen Menschen mit einer Riesenzwille an den Boden drückte. "Ja", sagte die Gefährtin auf deutsch. "Wer hätte das gedacht." Der Dicke nickte emphatisch, und als er noch zu hören bekam: "A hell in a hell", wiederholte er unbeeindruckt heiter: "That's the hell." Plötzlich Gedränge. Wieder einmal ein Irrläufer, der sich mit Mühe an den ihm Entgegenkommenden vorbeiquetschte und auf deren Murren erklärte, er habe was mit den Augen oder es sei was mit seiner Frau (da "wife" und "eyes" im Stimmengemurmel ähnlich klingen, bleibt der tatsächliche Grund des Schwimmens gegen den Strom wohl für immer im dunkeln).

Nun standen sich zwei Männer mit beträchtlichen Körpermaßen gegenüber wie Müller-Lüdenscheid und Doktor Kloebner in Loriots Badewanne, und weil man auch in der Hölle bisweilen zuvorkommend miteinander umgeht, versuchte der dicke Brite nach kurzer Einschätzung der mißlichen Lage, sich vorübergehend schlankzumachen, um den andern vorbeizulassen. Auch der andere holte hörbar tief Luft und bemühte sich,
seinen Körper neu zu gestalten und Bauchumfang in Länge umzuformen. Bauch an Bauch standen sie da, und der Irrgänger mühte sich etwa dreißig Sekunden redlich, jedoch erfolglos. "You are too fat", war der Kommentar einer moderat dicklichen Frau, und allgemeines Gekicher setzte ein.

Der Panoramenjäger, selbst nicht geplagt von Gewichts- und dazugehörenden Umfangsproblemen, war froh darüber, daß der Brite vor ihm den Geisterläufer abgefangen hatte, dachte kurz über unfreiwilligen genitalen Kontakt zwischen Männern nach und fragte sich, welchem Druck das Plexiglas wohl standzuhalten vermochte, als jemand vorschlug, der Brite solle sich doch einfach auf den Boden knien, hocken oder legen, und dann ... Ob das ernstgemeint war oder nur ein böswilliger Scherz, war dem Tonfall und der Miene des Ratgebers nicht anzumerken. Aber schon trat der gedemütigte Quetscher entmutigt den Rückzug an und überließ seine Frau, wenn es sich denn um seine Frau handelte, vorläufig ihrem Schicksal. Später, am nächsten Abzweig, sah man ihn, verschämt beiseite blickend (vielleicht hatte er ja doch Schwierigkeiten mit den Augen) auf freie Bahn warten.


(Der abschließende Teil folgt nächste Woche.)     

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenGretchen schreibt am 19.10.2009 um 18:57 Uhr:Klasse, höchst humorvoll und eine schöne Prosa, sofern ich das überhaupt beurteilen kann. Dein Leserfan, welcher schon Teil eins mit großer Lust las hat noch keinen Wind hiervon bekommen .. kommt noch.
    Sehr gut, Lyriost, danke.

    Einen schönen Abend Dir und eine gute Nacht
    wünscht
    Gretchen
  2. zitierenZwischenweltler schreibt am 28.10.2009 um 17:59 Uhr:Wir warten. :)
  3. zitierenLyriost schreibt am 28.10.2009 um 18:02 Uhr:Ich auch. ;-)
  4. zitierenLyriost schreibt am 31.10.2009 um 07:45 Uhr:Lieber Zwischenweltler, ich denke mal, nächste oder übernächste Woche bin ich soweit. ;-)
    Gruß

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