Lyriost – Madentiraden

26.07.2007 um 13:33 Uhr

Die Furcht vorm Apodiktischen

von: Lyriost

Die Furcht vorm Apodiktischen

Ein Dr. Steffen Graefe sagte in einem Vortrag mit dem Titel "Hermeneutik und Verstehen" so einiges, was ich nicht verstehe. Unter anderem zitiert er Emile Cioran, einen aphoristischen Philosophen und Schriftsteller:

Der Geschmack an der Einsamkeit erfährt nur in dem überwältigenden Todeswunsch vollkommene Erfüllung, der unseren Widerstand übersteigt.
Graefe: "Durch das Wörtchen nur wird der apodiktische, d.h. totalitäre, Charakter dieses Satzes, der eine bloße Behauptung zum Ausdruck bringt, offenkundig. Cioran stellt die folgende Behauptung auf:

Nur wenn ich vom Wunsch nach dem Tode überwältigt werde, soll mein Bedürfnis nach Einsamkeit vollkommene Erfüllung finden. Das ist eine totalitäre Setzung, die keinen Widerspruch mehr zuläßt."


Ist es nicht tatsächlich so, daß apodiktische Aussagen viel stärker zum Widerspruch herausfordern als trickreich begründete? Der Vorwurf des Apodiktischen ist so gesehen nichts weiter als das Lieblingsverdikt von Argumentationsschwächlingen. Cioran apodiktisch? Offensichtlich nicht, denn wie wir sehen, wird Ciorans These hier widersprochen. Allerdings nur formal. Auf die inhaltliche Aussage des Cioranschen Diktums geht der Autor nämlich im weiteren gar nicht ein. Die Chance, Ciorans Aussage eventuell zu widerlegen, nutzt er nicht. Nur zum Schluß die ebenso falsche wie überflüssige Bemerkung:

"Die bloßen Worte mögen wir aus unseren eigenen diffusen Erlebnissen mit unseren eigenen einsamen Seelenzuständen ein Stück weit nachvollziehen können. Ob sie wahr sind oder nicht – und ob sie in jedem Fall gelten müssen – ist allerdings längst noch nicht erwiesen."

Als könnten bloße Worte wahr sein. Wie wir alle wissen, gelten selbst naturwissenschaftliche Theorien nur so lange, bis sie widerlegt werden. Und nun sollen Philosophen und Schriftsteller nur noch etwas behaupten, was "erwiesen" ist? Oder sollen sie in Klammern hinter jeden Ausspruch setzen: persönliche Meinung, noch nicht statistisch gesichert, eigene Erfahrung usw.?

Das ist eine merkwürdige Vorstellung von Philosophie.


www.philosophieren.de

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenArioso schreibt am 29.07.2007 um 10:38 Uhr:Ich habe Cioran gelesen und schätze ihn sehr. Ich muss dennoch sagen, dass dieser Dr. Steffen Graefe m. E. nicht ganz unrecht hat: Cioran betreibt ein Spiel mit offensichtlich unzutreffenden Verallgemeinerungen, ein Verfahren, das man so nicht hinnehmen kann. Oft sind Ciorans Notizen mehr eine Art emotionaler Poesie als Philosophie. Auch wenn dem Leser anderes suggeriert wird.
    Gruß
  2. zitierenLyriost schreibt am 09.08.2007 um 01:31 Uhr:Lieber Arioso, ist nicht nahezu jede kreative philosophische Aussage in der Nachfolge des emotionalen Poetikers und Verführers Nietzsche, noch dazu die aphoristische, beinahe zwangsläufig eine problematische Verallgemeinerung? Und ist es nicht so, daß es in der Philosophie, der alle Systeme zerbrochen sind, nur wenige zutreffende Verallgemeinerungen gibt, wenn man mal von der mathematischen Logik absieht? Ob eine Verallgemeinerung unzutreffend ist oder nicht, wer wollte das entscheiden?
    Wenn du nach zutreffenden Verallgemeinerungen in der Philosophie (wie auch anderswo) suchst, wirst du wenig finden, und das Apodiktische stört nur dort, wo wir ihm nicht folgen mögen. Aber das müssen wir doch auch nicht.
    Herzliche Grüße
  3. zitierenhttp://hueckel.twoday.net/ schreibt am 25.11.2007 um 22:25 Uhr:Es stellt sich die Frage, inwiefern ein aphorismisches Denken und Schreiben nicht sowieso schon immer ein apodiktisches ist und die "Furcht vor dem Apodiktischen" gerade denjenigen nicht kümmert, der sich in Aphorismen auszudrücken pflegt. Die Sammlung des Gedankens in der Sentenz, das Gedrängtsein des Sagbaren in der Formel, weist in sich selbst den Keim der Beweisbarkeit von sich. Beweise implizieren einen Zusammenhang inhaltlich unabhängiger, aber äußerlich abhängiger Sätze, so dass der Aphorismus, der im Grunde ein einziger großer Satz ist, in seiner ganzen Ausschließlichkeit weder des Beweises mächtig ist, noch diesen darzulegen versucht.
    Der Aphorismus will nicht an die dialogische Qualität seines Inhaltes appellieren, sondern markiert einen monologischen Sinn, deshalb darf man ihn nicht als Argument verstehen.
  4. zitierenLyriost schreibt am 26.11.2007 um 07:37 Uhr:Der Aphorismus ist, manchmal bewußt, häufiger unbewußt, eine Art Wissenschaftssatire.

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