Lyriost – Madentiraden

20.02.2008 um 22:13 Uhr

Die wenig Wohlgesinnten

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Die wenig Wohlgesinnten

Die Rezensentin der ZEIT, Iris Radisch, ist dem gerade erschienenen Roman "Die Wohlgesinnten"von Jonathan Littell alles andere als wohlgesinnt. Sie führt aus:

Das "Debüt" (das im übrigen keines ist) sei "literarisch mittelmäßig bis dürftig", geringe "sprachliche Ambition", "Wälzer", "Landser-Kitsch", Edelporno, "geschwätzig", "literarische Mängel", "Bibliotheksphantasie" mit "hochkulturellen Ködern" und und und. Kaum ein pejoratives Attribut wird ausgelassen, um das Buch in die Schmuddelecke der Trivialliteratur zu werfen. Komplettverriß. Dummerweise hat der Autor jüdische Wurzeln.

Aber die Literaturkritik unterscheidet normalerweise sorgsam zwischen Autor und Protagonist. Deshalb gehen "Widerwärtigkeiten", "Kitsch" usw.

"... Nicht auf Littells Konto. Das muss man ausdrücklich hervorheben, weil Autor und Figur sich immer wieder zwillingshaft zu vereinen scheinen." Und sofort wird dies gleich wieder zurückgenommen: "Viele Ausführungen Aues kehren in Littells Interviews wieder, und die beiden teilen offenbar zahlreiche Vorstellungen und Lieblingsautoren." Das soll vorkommen. Viele mögen Brahms.

"Das ungelöste Geheimnis ... hat dieser Roman nicht gelöst." Als wären Geheimnisse eine Art Kreuzworträtsel.

"Warum sollen wir dieses Buch eines schlecht schreibenden, von sexuellen Perversionen gebeutelten, einer elitären Rasseideologie und einem antiken Schicksalsglauben ergebenen gebildeten Idioten um Himmels willen dennoch lesen?" (Stillschweigend wird hier erneut die geistige Identität von Autor und Figur mindestens angedeutet.)

Die Antwort ist einfach: um zu sehen, ob dieses Buch – gelesen ohne Enttabuisierungsüberempfindlichkeit, ohne all die voreingenommenen, literaturwissenschaftlich verbrämten Qualitätsnormen und moralischen Vorurteile – uns dem Verstehen näherbringt.

Deshalb habe ich das Buch heute gekauft, und mein erster Eindruck ist ein völlig anderer als der der Rezensentin. Aber ich habe auch noch nicht viel davon gelesen – und vor allem nicht so viele Interviews mit dem Autor verfolgt. Aber das ist gut so. Der Blick ist dadurch ungetrübter. Vielleicht ein Vorteil.

 

Am Anfang steht ein Mißverständnis

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierentinius schreibt am 21.02.2008 um 01:30 Uhr:Na, na. Nicht so laut verkünden, daß Dir das Buch vor dem Erstverkaufstag ausgehändigt wurde. ;) Ich hab es heute bestellt. Ich kenn jetzt einige Kritiken, auch die von Iris Radisch, werde mich aber erst damit auseinandersetzen, wenn ich die 1400 Seiten plus Marginalienband hinter mir haben werde. Egal ob gut oder schlecht, ist Littells Roman wohl eines der Bücher aus 2008, die man lesen sollte (abbrechen kann man immer noch - was ich eh nicht täte). Und im Mai wartet Mr. Pynchon. - Sehr interessant finde ich, wie anhand - fremder - Rezensionen in Blogs und Foren immer wieder versucht wird, zu beweisen, daß das Buch schlecht ist. Da kommt dann so ein Hinweis auf einen link mit dem Kommentar : hier ist alles gesagt.... Und daß ein reichlich konservatives Blog regelrecht Stimmung macht, wundert mich nun eigentlich gar nicht....
  2. zitierenLyriost schreibt am 21.02.2008 um 09:09 Uhr:Bin gespannt, was du dazu sagen wirst. Glücklicherweise sind wir nicht an die Fraktionsdisziplin von Redaktionskonferenzen gebunden und müssen auch nicht verstimmt sein, weil uns so ein Hinterhofverlag einen Bestseller vor der Nase weggeschnappt hat. Geistige Unabhängigkeit ist das einzige Statussymbol, an dem mir etwas liegt.

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