Lyriost – Madentiraden

15.01.2013 um 23:49 Uhr

Dummdreisterei

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Unwort

Dummdreisterei

Die Jury in Darmstadt hat diesmal wieder eine Wortverbindung gefunden, die in den Katalog der unanständigen, politisch inkorrekten Komposita aufgenommen werden soll: "Opfer-Abo". Kannte bislang so gut wie keiner, wird jedoch durch die Wahl zum "Unwort des Jahres" nun bekannt werden und dann auch öfter zu hören sein. Tatsächlich hatte es vorher bereits jemand verwendet: einmal, glaube ich. Für mich ist die Entscheidung der Jury ein einzigartiger Fehlgriff und eine grandiose Dummdreisterei. Mit Sprachkritik hat das nichts zu tun. Genaugenommen ist die Wahl nichts weiter als eine politideologische Stellungnahme. Wer weiß, vielleicht erfindet man im nächsten Jahr selbst ein Wort passend zur Absicht, jemanden zu diskreditieren. Wozu die tatsächlich gesprochene und geschriebene Sprache beobachten? Sicher kommt auch wieder eine schöne Anregung von Frau Schwarzer. Die hat doch bestimmt ein Abo bei der Empfehlungssammelstelle. 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierengrenzgaenger schreibt am 16.01.2013 um 06:11 Uhr:oh je, wo fange ich an...

    also. ersens: vor dem hintergrund der tatsache, dass man dieses wort bisher tatsächlich so gut wie nicht kannte und die aufnahme in die liste unanständigen, politisch inkorrekten Komposita es erst einer breiteren masse zugänglich macht (wenn auch wahrscheinlich nicht gerade der, die es benutzen würde...oder wird diese liste auch in der bildzeitung veröffentlicht?), finde ich diese wahl tatsächlich auch unglücklich. eben deswsegen. man sollte solche worte durch konsequente nichtbeachtung wieder in der versenkung verschwinden lassen. punkt eines.

    andererseits, und da würde ich dir widersprechen wollen, ist das tatsächlich ein unglaublich hässliches wort, das durchaus an den sprachkritischen pranger gestellt gehört. alleine die suggestion, das opfer sei an seiner situation selbst (mit-)schuld - ein abo schließt man in aller regel aus freien stücken ab - finde ich unerträglich. daher halte ich es für durchaus gerechtfertigt, dieser komposition an den kragen zu gehen. warum das wort allerdingsvauf einer liste für unanständige, politisch inkorrekten Komposita auftauchen soll, ist mir jedoch nicht ganz klar. ich würde eine liste für zynische, menschenverachtende kompositia für sinnvoller halten.
  2. zitierenPhil_Sophie schreibt am 16.01.2013 um 07:20 Uhr:Was für einen Sinn macht es überhaupt, ein "Unwort des Jahres" festzulegen? Sprachwissenschaftliches Propagandageschäft oder tatsächlich ein sozialkritisches Werkzeug um auf bestimmte Missstände in unserer Gesellschaft hinzuweisen?
    Alleine schon der Begriff "Unwort" gehört in solche Listen auf Dauer integriert. Und wen interessiert es letztlich? Niemand, denn wer weiß denn noch, dass 1991 "ausländerfrei" zum Unwort gekürt wurde und warum? Ich betrachte das alles als eine Manipulierung der sprachlichen Richtung und Denkweise des Bürgers. Ich möchte für mich selbst entscheiden können, welches Wort oder welcher Begriff in meinem Wortschatz nichts zu suchen hat. Das ist die Freiheit, die mir durch die freiheitlich demokratische Grundordnung gegeben wird und niemand, keine Jury der sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres und auch keine Frau Schwätzer...ähh Schwarzer hat mir vorzuschreiben, was ich nicht in den Mund nehmen sollte.
  3. zitierenLyriost schreibt am 16.01.2013 um 09:24 Uhr:Liebe grenzgängerin,

    das Wort ist ebensowenig "häßlich" wie alle anderen Wörter, aber seine Verwendung beinhaltet die Möglichkeit falscher Verallgemeinerungen. Auch deshalb nehme ich es nicht in meinen Sprachgebrauch auf, den ich, und da gebe ich Phil_Sophie recht, mir nicht von andern vorschreiben lasse. Mein Wortgeschmack mag ebenso fragwürdig sein wie mein Musikgeschmack, aber er ist meiner. Und meine Sache. Gern darf man mich dafür kritisieren, aber ich muß die Möglichkeit haben, dieser Kritik argumentativ etwas entgegenzusetzen, und ich erwarte, daß die Kritik innhaltlich begründet wird – und sich nicht auf den Hinweis beschränkt, das Wort sei "Unwort" des Jahres x.

    Hintergrund: Der wahrscheinliche Schöpfer dieses sogenannten Unworts hat über vier Monate im Knast gesessen, nur weil eine Freundin klagte, er habe ihr etwas getan, was sich im nachhinein nicht belegen läßt. Im Fall Gustl Mollath ist es möglicherweise nicht viel anders, und ich selbst kenne einen Fall, wo ein Mann wie ein Krimineller behandelt wird und seine Wohnung seit Monaten nicht mehr betreten darf, weil seine Frau behauptet hat ... Das sind keine Einzelfälle. Ich kann verstehen, wenn vor einem solchen Hintergrund jemand so einen Ausdruck prägt wie hier geschehen.


  4. zitierenLyriost schreibt am 16.01.2013 um 09:25 Uhr:Liebe Phil_Sophie, hier noch ein Link: http://www.blogigo.de/gedichte_gedanken/Dummwort-Unwort/5703/

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