Lyriost – Madentiraden

15.02.2007 um 13:15 Uhr

Erdmann – Szenische Monodialoge 4 – Informationelle Selbstbestimmung

von: Lyriost

Erdmann – Szenische Monodialoge 4

ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Ich sehe gar nicht so
alt aus wie ich bin
auf dem Papier.
O Gott, nur gut
daß ich weiß daß
mein Kind
meines ist
und der Briefträger
nicht blöde grinst
wenn er mich sieht
sonst sähe ich alt aus
und wäre nur
bedauernswerter Zahlvater
wie so viele.
Ist das nicht
ungeheuerlich:
Demnächst soll
einer der ahnt
oder sogar weiß
daß ihm lächelnd ein
Kuckucksei ins Nest
gelegt wurde
und das bewiesen hat
per Gentest
ohne Zustimmung
der Kuckuckin
versteht sich –
die wäre ja auch
schön blöd wenn
sie zustimmte
daß etwas geklärt wird
was sie bereits weiß –
also der soll ins Gefängnis
nicht etwa die
betrügerische Kuckuckin.
Nennt sich Recht
oder gar Männerrecht
wie Feministinnen
sagen würden.
Informationelle
Selbstbestimmung
ist das Zauberwort
und der Kuckuckin
ist es verbrieft
stellvertretend für
ihre Leibesfrucht
die von nichts ahnt
als hätte ein Kind nicht auch ein
höherwertigeres Recht
das Recht auf Kenntnis
seiner wirklichen Abstammung.
Das ist schon eine Zauberjustiz
die so was aus
dem Zylinder holt.
Versteht man natürlich
denn ist ein Zahlvater da
muß nicht der Staat
aufkommen für
die Kinder fremdfickender
Ehe-Bürgerinnen.
Moralischer Offenbarungseid
nicht im Sinne der Sexualmoral
mein Gott da soll doch
jeder machen was er will
aber ist da nicht die
viel elementarere Frage
von Mein und Dein?
Wir haben ein traditionell
schwachsinniges Vaterschaftsrecht
als wären wir
beim Schiffsunglück
auf hoher See:
Frauen und Kinder zuerst.
Wobei auch die Kinder letztlich
aus dem Rettungsboot
gestoßen werden.
Sie sollen nicht erfahren
wer ihr Vater ist
sie kennen ihre Mutter
das soll wohl reichen.
Überhaupt kommt es nicht
auf biologische Richtigkeit
der Vaterschaft an.
Sagte ein Oberlandesgericht
im Jahr zweitausend
vor, nein nach Christus.
Na dann.
Sachen gibt's.

Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenJan schreibt am 18.02.2007 um 18:05 Uhr:"Versteht man natürlich, denn ist ein Zahlvater da, muß nicht der Staat aufkommen für ..." - Ich glaube, die Sache ist noch viel schlimmer. Es ist eine träge, sich selbst referierende, eine bewegungsfaule, selbstherrliche Justiz. Da fehlt die Kraft, die sich auf Augenhöhe mit der Justiz befindet und sich mit ihr auseinandersetzt, also der Gesetzgeber etwa. Aber das ist halt ein weiter Weg.
  2. zitierenLyriost schreibt am 20.02.2007 um 11:24 Uhr:Wie man hörte, liegen Gesetzentwürfe seit längerem in der Schublade. Man wartete, wie so oft, auf richterliche Entscheidungen, Aufforderungen. Soviel zum Gesetzgeber. Die Trägheit scheint mir ganz allgemein das herrschende Element zu sein. "Wir sollen ein Gesetz überprüfen oder gar neu ... Das Bundesverfassungsgericht hat uns bisher nicht angewiesen ..."

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