Lyriost – Madentiraden

13.01.2009 um 14:23 Uhr

Hineininterpretieren

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Hineininterpretieren

Gerade habe ich zum wiederholten Male gelesen, in Texte könne man vieles hineininterpretieren. Oder auch "hineindeuten", also, so bezeichnet es das Duden-Wörterbuch: "aufgrund eigener Deutung oder Vermutung in etwas (etwas) zu erkennen glauben, was in Wirklichkeit nicht darin enthalten ist". Das im Duden fehlende zweite "etwas" habe ich mir zwar durch eine Interpretationsleistung erschlossen, aber es fehlt dennoch nach wie vor im Text. In meinem Kopf aber ist es vorhanden, von mir in mein Gedankengefüge hineininterpretiert, so daß es dort, was diese Definition betrifft, etwas geordneter zugeht als im Duden.

Die Definition leuchtet mir, ergänzt durch das fehlende Wort, durchaus ein. Was mir jedoch nicht einleuchtet, ist das dazugehörige zusammengesetzte Stichwort "hineininterpretieren".

Anders als "hineininterpretieren" heißt "interpretieren" erklären, erläutern, deuten, aus einem Text also etwas von dem herausholen, was darin ist. Also herausinterpretieren. Und hinein...? Hineininterpretieren, hineinlesen, hineinprojizieren ist nichts als ein Mißverständnis, denn ein bestimmter Text ist ein bestimmter Text und bleibt genau so, wie er ist. Wir können einen Text lediglich, so wie ich es hier mit dieser Duden-Definition getan habe, für uns selbst in unserem Kopf ergänzend uminterpretieren und dieses anderen mitteilen, indem wir einen Text zum Text verfassen, der diesen ergänzt.

Der ursprüngliche Text bleibt davon unberührt. Niemand kann etwas in einen vorliegenden Text hineininterpretieren. Nicht einmal der Autor selbst.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenUnbreakable schreibt am 13.01.2009 um 23:14 Uhr:Es gibt Exemplare des Duden-Wörterbuchs - wir finden ein solches auch online - in denen das Wort nicht fehlt. Es steht nur etwas unscheinbar am Anfang der Bezeichnung: "etw. aufgrund eigener Deutung oder Vermutung in etw. ...". Ergänzt durch noch ein "etwas", fiele die Interpretation der Defintion, ob hinein oder heraus, schon wieder etwas schwerer. ;o)
  2. zitierenLyriost schreibt am 14.01.2009 um 08:04 Uhr:Danke für den Hinweis. Gewöhnt an vielerlei Unregelmäßigkeiten in Duden-Publikationen, neige ich mittlerweile dazu, den Teil für das Ganze zu nehmen und nicht die komplette Vielfalt der in den Wirren der Rechtschreibreformen entstandenen Versionen anzuschauen, wenn ich mir ein Bild machen möchte. Das ist, ich gestehe es, ein Versäumnis und nicht korrekt. In diesem Fall ist es tatsächlich so, daß die letztgültige Version im Duden dahingehend korrekt ist, daß beide "etwas", wenn auch in verkürzter Form, vorhanden sind.
    Die Frage der Sinnhaftigkeit des Stichwortes wird dadurch jedoch nicht berührt – nur die Eleganz meiner Ausführungen leidet etwas. Etwas. ;-)
  3. zitierenZebulon schreibt am 14.01.2009 um 12:38 Uhr:etwas in etwas hineininterpretieren:

    Eine Bedeutung zuordnen, die nicht enthalten bzw. nicht intendiert ist.
  4. zitierenLyriost schreibt am 14.01.2009 um 12:52 Uhr:Ja, Zebulon, schon. Aber die Bedeutung ist auch nach dem Hineininterpretieren nicht drin im Interpretierten. Nur im Interpreten wabert etwas herum, was er glaubt, aus dem Interpretierten herauslesen zu dürfen. Wieso also "hinein"interpretieren? Wohinein hinein?
  5. zitierenzartgewebt schreibt am 28.01.2009 um 12:46 Uhr:Ich denke einen Text kann ich nur interpretieren.
    Aber in die Absicht, die dem Schreiben vorausgeht,
    in die Absicht, die dahintersteckt,
    da kann ich etwas hineininterpretieren –
    als Schreiber sowohl auch als Leser.

    Verstehst du was ich meine?
  6. zitierenZebulon schreibt am 28.01.2009 um 13:18 Uhr:Eine Absicht kann man hineininterpretieren.
    in die Absicht nicht.
    Man kann die Absicht dahinter
    vermuten oder erkennen.

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