Lyriost – Madentiraden

08.09.2014 um 10:23 Uhr

Ich, Wahrheit, Kausalität, Sinn

von: Lyriost

Ich, Wahrheit, Kausalität, Sinn

Wenn wir uns von außen als Person betrachten, als Person denken, fängt die Verwirrung an, denn was wir als Person sehen, ist eine ständig wechselnde, oszillierende Agglomeration von eigenen und aufgepropften Persönlichkeitsanteilen, die im Wettstreit miteinander das ausformulieren, was wir als unser Ich betrachten. Greifbar, substantiell ist da wenig.

Wahrheit ist etwas ebenso Flüchtiges, mit dem Standort und Standpunkt des Betrachtenden Verbundenes, und objektive Wahrheit finden wir tatsächlich nur in den Katechismen ideologischer Eiferer und bei Verblendeten. Selbst wenn diese Wahrheiten ausnahmsweise wohlmeinend sind, so sind sie doch immer relative Wahrheiten und sagen nichts darüber aus, was wirklich ist.

An Kausalität muß man nicht glauben, denn die ist sowohl unmittelbar wahrnehmbar wie gedanklich leicht (oder auch etwas komplexer, wie etwa bei Schopenhauers „vierfacher Wurzel“) nachzuvollziehen.

Aber „Sinn“ verflüchtigt sich bei mir, sobald ich darüber nachdenke, denn es ist allzu offensichtlich ein Konstrukt, das an bestimmte Erwartungen und Weltmodelle und vor allem an unsere Sprache gebunden ist. Sobald wir das Wort Sinn aussprechen, haben wir schon eine Vorstellung von seiner Bedeutung. Es ist aber nicht die Bedeutung des Wortes Sinn, die wichtig ist, denn die hat wie auch jedes Wort arbiträren Charakter. Das, was hinter dem Wort steckt, bleibt im Dunkeln verborgen, und es ist nicht die Wahrheit allen Weltgeschehens, es ist nicht die aristotelische Entelechie oder Hegels ominöser „Weltgeist“, sondern nur unsere kindliche Vorstellung von dem, was wünschenswert wäre. Aber das Wünschen hilft schon lange nicht mehr.

Ohne Sinn und Wahrheit ist es weniger bequem, aber es lebt sich freier. Man kann unbekümmert gestalten und muß sich seiner Gefühle nicht schämen.

Alcide 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenZwischenweltler schreibt am 08.09.2014 um 10:48 Uhr:Wer sich die Sinnfrage stellt, begiebt sich an einen tiefen Abgrund. Glücklich ist der, der sie noch schnell wieder fallenlassen kann. Hält man jedoch in ihr fest, hat man schon verloren, denn man stürzt in einen Kreis, aus dem es kein Entkommen gibt. Keine Auflösung ist in Sicht und damit keine Erleichterung. Mit ewiger Selbstqual wird der bestraft, der eigentlich nur nach Erlauchtung suchte.
    "Sinn" und "Wahrheit" sind Begriffe, die der Mensch zu seiner Selbstzerstörung schuf.
  2. zitierenZwischenweltler schreibt am 08.09.2014 um 10:49 Uhr:Sorry, es sollte natürlich "Erleuchtung" heißen.
  3. zitierenLyriost schreibt am 08.09.2014 um 11:11 Uhr:Lieber Zwischenweltler, mit der nötigen kritischen Distanz gegenüber solchen Begriffen hat man einen Denkanreiz, den es braucht, um solche Begriffe nicht nur fallenzulassen, sondern in Frage zu stellen und zu ächten, denn es ist vor allem die Verwendung dieser Begriffe, die zusammen mit dem Begriff "Nutzen" das Handeln bestimmt und das Zusammenleben auf desem Planeten vergiftet.
  4. zitierenZwischenweltler schreibt am 08.09.2014 um 11:48 Uhr:Sicher. Es bedarf einer gewissen inneren Freiheit, sich von der Geißel dieser Begriffe zu lösen. Mir ist das glücklicherweise gelungen, nur kenne ich auch eine Reihe von Menschen, die an der Sinnfrage völlig zerbrochen sind.
    Ich frage mich jedoch gelegentlich, ob es angebracht ist, diesbezüglich zu "missionieren". Darf man das überhaupt, oder wäre es besser, sich mit dem "Vorleben", repsektive dem "Vordenken" zu begnügen?
  5. zitierenLyriost schreibt am 08.09.2014 um 12:02 Uhr:Das kommt darauf an, wie man "missionieren" definiert. Wer etwas predigt, und das tun Missionare, Missionierer, der outet sich ja bereits als Wahrheitsbesitzer. Das wäre in diesem Fall nicht nur paradox, sondern auch kontraproduktiv. Verantwortlich handeln, gegenhandeln, zeigen, daß es keine von außen geschürten Denkzwänge geben muß, wir erfolgreich um geistige Unabhängigkeit ringen können, das muß reichen.
  6. zitierenZwischenweltler schreibt am 08.09.2014 um 12:29 Uhr:So sehe und hadhabe ich das auch. Allerdings - und das muss ich leider zugeben - drängt mich meine Ungeduld hin und wieder zu der Frage, ob es nicht noch wirksamere Mittel geben könnte. ;)
  7. zitierenLyriost schreibt am 08.09.2014 um 13:57 Uhr:Es gibt sicher stärkere Mittel, aber wahrscheinlich würden die meisten die Therapie nicht überleben. >:D
  8. zitierenZwischenweltler schreibt am 08.09.2014 um 14:09 Uhr:...und das wollen wir schließlich überhaupt nicht. ;)

Diesen Eintrag kommentieren