Lyriost – Madentiraden

08.07.2015 um 10:17 Uhr

Kollektives Denken?

von: Lyriost

Kollektives Denken?

tao schrieb:
Das kollektive Denken ist das zweite Stadium des Denkens. Die erste Schicht des Denkens ist sehr chaotisch, die zweite Schicht ist kollektiv. Da ist die Gruppe, die Familie, die Gesellschaft, die Nation wichtiger als ich. Dieses Denken denkt an andere, opfert seine eigenen Interessen, wird kollektiv, wird Teil der Gesellschaft, einer Sippe, eines Stammes, beginnt zivilisiert zu sein. Zivilisation bedeutet, Teil einer Gesellschaft zu sein. Das primäre Denken kennt keine Identität, das sekundäre Denken kennt die kollektive Identität. Nietzsche nannte sie "das Kamel". Wenn ich so einen Menschen fragst: Wer bist du? Dann antwortet er vielleicht mit: Ich bin ein Doktor oder ein Geschäftsmann. Er zeigt mir, wohin er in der Gesellschaft gehört, welche Funktion er bekleidet. Das ist nicht viel an Selbsterkenntnis. Aber für die Zwecke der Nützlichkeit ist es genug und viele Menschen bleiben da stehen. Diese Etiketten, die ich gesammelt habe, sind gut, damit ich als Mitglied in der Gesellschaft funktionieren kann, aber sie zeigen nichts von meiner Realität.
Das Ego lebt von Unterstützung, von der Beachtung meiner Umwelt. Das Ego kann nur in der und durch die Gesellschaft bestehen. Es wird von ihr genährt. Obwohl das Ego die Gesellschaft loswerden will, individuell sein will, wird es auf subtile Weise doch von ihr genährt und erhalten, bleibt es von ihr abhängig. Die Schwierigkeit mit dem Ego ist, dass es von den anderen definiert wird. Diese anderen haben sich in meinem Herzen eingenistet. Die Umwelt schmeichelt mir im besten Fall und so nimmt sie Besitz von mir. Diese Schmeichelei ist ein Trick, um mein Ego zu nähren. Das Ego existiert in mir, aber es ist im Besitz der anderen.
Wenn ich nichts entscheiden muss, dann gibt es natürlich auch keine Besorgtheit. Entscheiden bringt Besorgnis. Sie erscheint auf der dritten Stufe des Denkens, dem individuellen Denken. Nietzsche nannte es "den Löwen". Solange ich mich nach den kollektiven Regeln definiere, bin ich in gewisser Weise ein Heuchler. Ich tue etwas, weil andere das auch tun. Doch nun besteht meine Identität nicht mehr nur im Dazugehören. Meine Identität besteht nicht mehr nur darin, dass ich ein Hindu, ein Christ oder Mohammedaner bist. Meine Identität ist persönlicher: Ich bin ein Maler oder ein Dichter. Meine Identität ist kreativer, sie besteht nicht mehr darin, dass ich dazu gehöre, sondern darin, dass ich etwas beitrage - was nur ich zur Welt beitragen kann. Das ist eine sehr kritische Stufe - die dritte, denn sie ist in der Mitte. Zwei Stufen sind darunter und noch zwei Stufen sind darüber. Es ist der mittlere Grad. Wenn ich falle, dann falle ich in den Abgrund des Wahnsinns. Wenn ich steige, dann steige ich auf zum Einssein mit dem Tao.

Schauen wir uns den Post mal etwas genauer an.

„Das kollektive Denken ...“ Moment. Denken im Wortsinne ist der größte Teil dessen, was in einem Gehirn geschieht. Gehirn ist das Ding, das oberhalb der jeweiligen Wahrnehmungsorgane sein Wesen und sein Unwesen treibt und alles koordiniert, damit der einzelne Mensch – oder auch das Tier – als Ganzes überlebensfähig ist. Mit diesen Verrichtungen hat das Gehirn reichlich zu tun, und vor allem im wachen Zustand ist es so sehr mit Regulierungstätigkeit beschäftigt, daß es sich und seine Funktionalität nicht auch noch reflektieren kann. Diese Reflexionsfähigkeit ist zumindest in den meisten menschlichen Gehirnen potentiell angelegt, und zwar in jedem für sich, denn vernetzt sind sie erst mal nicht: Es gibt kein Kabel vom einen zum andern, und Empfänger für WLAN-Hotspots sind nicht vorhanden. Folglich gibt es – im Gegensatz zum Unbewußten – nur individuelles Denken und kein kollektives. Wir können deshalb zwar kollektiv fühlen, aber nicht kollektiv denken.  

Das Denken ist etwas Individuelles, Heidegger würde sagen: etwas je individuelles, und hat vor allem eines im Sinn, das eigene Überleben. Da dieses Überleben des einzelnen qua Zivilisation an eine Gruppe gekoppelt ist, und das nicht erst seit gestern, sondern schon seit Urzeiten, berücksichtigt der kluge einzelne die Interessen der Gruppe, der er zugehörig ist oder sich zugehörig fühlt, denn das sichert ihm zumindest zeitweilig das Überleben. Dadurch wird sein Denken natürlich beeinflußt, aber es bleibt dennoch ein individuelles Denken. Nur das Handeln ist kollektiv, und es ist eines mit Hintergedanken.

All die scheinklugen terminologischen Höhenflüge von inhaltlich-primärem und -sekundärem Denken prallen an der Mauer dieser Tatsachen ab. Zarathustras hierarchisches Kamel-Löwen-Kind-Gerede ist nichts weiter als ein Wahngebilde, wie das daraus folgende Konstrukt der „Ewigen Wiederkehr“, hübsche Metaphern in einem philosophischen Märchen.

Wenn jemand fragt: Wer bist du? und dieser antwortet: ein Doktor, dann hat er die Frage nicht verstanden, denn es wurde doch nicht gefragt: Was bist du? Lieber tao, viele Menschen mögen zwar blöd sein, aber so blöd nun auch wieder nicht.

Den hier vielbesprochenen Egokram lasse ich mal weg und auch die von Heidegger entlehnte Sorgerei. (Warum nennst du übrigens nicht deine Quellen und tust so, als wüchsen deine Gedanken auf deinem Mist; hat das was mit Federschmuckerschleichung zu tun? Ego, Ego.)

Zum Schluß wird dann bei dir das angebliche kollektive Denken plötzlich zu kollektiven Regeln eingeschmolzen, und die angebliche kollektive Identität (die in Wahrheit nur ein Teil der Identität ist) wird zu einer anderen, ebenfalls kollektiven Identität (die wiederum auch nur ein Teil der Gesamtidentität ist); es findet also eine simple interne Identitätsverschiebung statt oder, noch einfacher gesagt: Die Prioritäten werden neu definiert. Was daran kritisch sein soll, erschließt sich mir nicht. 

Über Fallen und Aufsteigen, den uralten Wahn von Hölle und Himmel mit all seinen hierarchisierenden moralischen Anhaftungen, muß man einem gebildeten Menschen, so glaube ich, heute nichts mehr erzählen.

Insgesamt, lieber tao, wieder mal ein mißlungener Versuch. 

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