Lyriost – Madentiraden

22.04.2005 um 11:51 Uhr

Konsistent authentisch

von: Lyriost

Konsistent authentisch

Wenn auch als Modeerscheinung etwas im Abklingen, wird gern die Forderung erhoben, jemand, der sich in der Öffentlichkeit darstellt, solle das so tun, daß er nicht nur authentisch erscheine, sondern Authentizität ausstrahle: Sei authentisch!

Dagegen ist ja nun nichts einzuwenden. Nicht wegen der Forderung der andern, sondern aus Gründen der inneren Authentizität halte ich mich daran, mich so darzustellen, wie ich bin. Oder zumindest so, wie ich mich selbst sehe.

Doch die Forderung nach Authentizität ist nicht die einzige. Es gibt noch einige Erwartungen mehr, unter anderen die nach Konsistenz der Gedankenführung. Man möchte Klarheit, Stabilität, Eindeutigkeit. Was aber nun, wenn mein autochthones Gehirn Widersprüchliches produziert, wie das bei jedem der Fall ist, der sein Denken nicht immer nur im Trab hält, sondern auch mal, und sei es aus Lebensfreude, galoppieren läßt?

Wenn sich das in meinen Texten widerspiegelt, kann man mich mit Recht inkonsistenten Denkens bezichtigen, und darunter leidet nicht nur mein Ruf des konsistenten Denkers, sondern auch meine Glaubwürdigkeit. Schnell wird dann der Vorwurf des postmodernen Anything goes erhoben und das, was ich sage, als Facette der Beliebigkeit abgetan. Was es vielleicht tatsächlich ist. Aber mich dafür verantwortlich zu machen, das wäre nicht recht.

In einer Welt, in der nach und nach alle beruhigenden Konstanten wie von einem übergroßen Scheibenwischer weggewischt werden und in den Orkus der Geistesgeschichte purzeln, ist die Forderung nach Konsistenz nur zu verständlich, aber die Ehrlichkeit gebietet, darauf hinzuweisen, daß es nicht möglich ist, konsistent zu sein, denn ein glaubwürdiger Mensch muß sich Inkonsistenz zugestehen, wenn er nicht im Denken erstarren will.

Die einzige Konsistenz, die von mir zu erwarten ist, ist konsistente Authentizität. Jedenfalls für mich selbst. Wer authentisch sein will, muß mit seinen Inkonsistenzen leben und hoffen, daß der ehrliche Umgang mit ihnen zu einer anderen Art von Konsistenz führt.

Oder zumindest zu dauerhafter Authentizität, was ja immerhin so etwas Ähnliches wie eine Konstante sein könnte.


 


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