Lyriost – Madentiraden

21.04.2005 um 00:18 Uhr

Logische Merkwürdigkeit

von: Lyriost

Logische Merkwürdigkeit

Der Unterschied zwischen den beiden sprachlich und logisch scheinbar kongruenten Aussagen "alles ist möglich" und "nichts ist unmöglich" ist der Ausschluß des Nichts in der zweiten Aussage, während in der ersten die Möglichkeit des Nichts – alles ist möglich, also auch das Nichts – enthalten ist.

Ist das nicht merkwürdig? Wenn alles möglich ist, dann auch das Nichts, wenn aber nichts unmöglich ist, kann alles sein, nur nicht nichts oder das Nichts. Wie das?

Woher kommt dieser Unterschied? Gibt es eine Möglichkeit, diese Möglichkeitsantinomie befriedigend aufzulösen?

Wahrscheinlich, möglicherweise (um mit dem Wort zu spielen) hat sich irgendein Aussagenlogiker oder ein Parmenides-Rezipient wie Heidegger bereits mit dieser Frage beschäftigt und sie möglicherweise (schon wieder das Wort) beantwortet, aber das weiß ich nicht, und deshalb stelle ich mich nicht dumm, wenn ich hier selbst versuche, sie zu beantworten: Ich bin dumm. Das ist eine hervorragende Basis für einen denkenden Menschen. Und obwohl ich nicht glaube, daß der Widerspruch dieser beiden Aussagen beseitigt werden kann, so hoffe ich doch, daß irgendein Licht in das Dunkel meiner Unwissenheit fällt, wenn ich denke.

Also: alles ist möglich versus nichts ist unmöglich.

Das unscheinbare "ist" brauchen wir im Augenblick nicht, obwohl ihm bei genauerer Betrachtung eine ungeheure Dynamik innewohnt, aber da es auf beiden Seiten der Gleichung vorhanden ist, können wir kürzen.

Also: alles möglich versus nichts unmöglich.

Parallele Struktur von Antonymen: alles – nichts, möglich – unmöglich. Ein bißchen Dreherei: alles möglich, nichts unmöglich – alles unmöglich, nichts möglich. Keine Kerbe zu finden, wo man Ockhams Rasiermesser ansetzen könnte.

Es bleibt dabei: Wenn alles möglich ist, ist das Nichts nicht ausgeschlossen, und wenn nichts unmöglich ist, ist alles möglich, außer das Nichts.

Gehen wir hier vielleicht unseren Sprachgewohnheiten auf den Leim? Immerhin gibt es einen kleinen Unterschied, aber der ist zumindest auf den ersten Blick lediglich begründet in der Konventionalität der Grammatik bzw. der Orthographie: nichts und das Nichts. Auf der einen Seite das Indefinitpronomen "nichts" und auf der anderen das Nomen "Nichts", im Englischen "nothing" und "nothingness".

Ganz offensichtlich hat die zweite Aussage eine doppelte Bedeutung, und es scheint so, als ob der Unterschied in der Orthographie: alles, nichts/Nichts in etwas anderem begründet ist als in Schreibgewohnheiten. Warum wird "alles" immer klein geschrieben? Warum nicht "das Alles" und "das Nichts" (von der reformierten Rechtschreibung, in der es "mein Ein und Alles" gibt, mal abgesehen). Wird "alles" vielleicht klein geschrieben, weil es bereits ein Nomen gibt, das seinen Platz einnimmt, das All? Aber was macht das schon? Ist das All nicht alles? Ist nicht beides, mal abgesehen vom Sprachgebrauch, gleich umfassend?

Alles möglich, Nichts/nichts unmöglich. Das bringt uns nicht weiter.

Rein intuitiv erscheint mir die zweite Aussage aber sinnvoller als die erste, doch warum? Alles ist möglich heißt: Alles kann sein, auch nichts oder das Nichts, aber wie sollte das Nichts oder nichts sein? Wenn es wäre, dann wäre es etwas und nicht nichts, und damit wäre es ein Teil des Seins, was ja nicht geht. Also Humbug.

Wenn aber nichts unmöglich ist, dann ist alles möglich außer nichts. Natürlich kann nichts nicht sein, denn das macht nichts ja gerade aus, daß es nicht ist. Aber wenn es nicht ist, dann ist es nicht. Daraus folgt, daß über das nichts/Nichts nichts gesagt werden kann. Es existiert nicht, das Nichts, oder nur sprachlich-logisch.

Wir sprechen also über etwas, dem keinerlei Seinsqualität zukommt, als komme ihm eine zu. Kann es sein, daß hier deutlich wird, daß Logik an unüberschreitbare Grenzen stößt? Was ist hier überfordert, unser Denken oder unsere Sprache?

Ich vermag den Widerspruch zwischen den beiden Aussagen logisch nicht aufzulösen. Wo genau liegt der Unterschied der formal gleichen Aussagen, und warum leuchtet die zweite ein, die erste aber nicht? Kann mir jemand helfen, diese Frage zu beantworten?

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenLyriost schreibt am 21.04.2005 um 09:57 Uhr:\"Allenfalls im Bereich des Nichtseins kann es ein Nichts geben.\"

    Ein \"Bereich\" des Nichtseins, wo es ein Nichts \"gibt\", wäre etwas, wo etwas ist – also nicht nichts.
  2. zitierenMonika schreibt am 14.07.2007 um 19:05 Uhr:Nichts ist alles, alles ist nichts, wenn Du leer bist von Deinen eigenen Gedanken, dann bist, dann hast Du alles und gleichzeitig leer/nichts - Erkenntnis über nothingness und allness/entity.

    :-)
  3. zitierenLyriost schreibt am 14.07.2007 um 20:11 Uhr:@ Monika Wenn es so einfach wäre, dann könnte man sich alles Denken sparen. Aber so einfach ist es nicht. Und deine These oben ist ja auch nur ein Gedanke. Und wo ein Gedanke ist, ist keine Leere. ;-)
  4. zitierenMonika schreibt am 14.07.2007 um 20:49 Uhr:Es ist ein Unterschied, ob man dies denkt, das ist ein Vorgang, oder ob es einfach bewusst ist, dann ist der Vorgang des Denkens nicht, nicht mehr da.
  5. zitierenMonika schreibt am 14.07.2007 um 22:18 Uhr:If you want to come to the nothingness, don't fight thoughts in your mind and you will go through your mind without hindrance to the allness/entity/eternity. Thoughts are obstacles to that freedom. :-) Thoughts burden, thoughts should be the clouds passing by so that you can see the clear vast eternal sky :-)
  6. zitierenLyriost schreibt am 15.07.2007 um 04:21 Uhr:Der Vorgang des Denkens ist immer da, er ist Ausdruck der Hirntätigkeit, ob unmittelbar visuell oder mittelbar textuell, das spielt dabei keine Rolle. Wenn die Hirntätigkeit uns nicht mehr bewußt ist, verschiebt sich der Fokus der Wahrnehmung. Mehr aber auch nicht. Wenn wir beim Fernseher den Ton ausschalten, nehmen wir anders wahr, zugleich reduziert und gesteigert, aber das Programm bleibt das gleiche. Wenn wir davon frei sein wollen, müssen wir ganz ausschalten. Doch auch dann läuft (wahrscheinlich) das Programm weiter.
  7. zitierenMonika schreibt am 15.07.2007 um 09:10 Uhr:Ich habe in den letzten zwei Jahren vielleicht insgesamt 2 mal den Fernseh angemacht, ansonsten schaue ich nur ohne Ton, wenn ich alle paar Wochen einmal zu Besuch bin, dort wird Fernseh geschaut. Ich lese, doch wenn ich selbst schreibe, lese ich auch über Monate keine Bücher, es stört meine eigenen Gedanken. Könntest Du zum Fokus der Wahrnehmung, der sich verschiebt, explizit etwas loslassen, ich sage bewusst "loslassen"! ;-)
  8. zitierenLyriost schreibt am 15.07.2007 um 23:55 Uhr:Also, das mit dem Fernseher ist nur eine Analogie,
    ich habe nichts gegen Fernsehen. Es kommt wie bei allem darauf an, wie man es für sich selbst nutzt. Für Bücher gilt das gleiche. Wer ein klares Denken hat, profitiert von beidem. Man kann auch aus schlechten Büchern vieles lernen.

    Mit dem Fokus der Wahrnehmung ist es ganz einfach: Wird ein Sinn von Daten abgeschnitten, reduziert sich die Gesamtmenge der zu verarbeitenden Daten, und einem anderen Sinn kann mehr Apperzeptionskapazität zur Verfügung gestellt werden. Ich dachte, das wäre klar.

    Und darüber hinaus: Wenn wir denken, daß wir aufhören zu denken, hören wir nicht etwa auf zu denken, wir hören nur auf zu denken, daß wir denken. Das Denken lacht sich eins und denkt still weiter. Gruß
  9. zitierenMonika schreibt am 16.07.2007 um 14:47 Uhr:ohne Willen kein bewusstes Denken, sondern unausgedachte Denkrelikte, wolkenfetzenhaft auftauchend, sich zusammenbauschend, planlos wieder sich entschleiernd, verdünnisierend - wie der Körper die Speise verdaut, so verdaut das Gehirn Gesehenes, Erlebtes, nicht zu Ende Gedachtes, Schwelendes
  10. zitierenLyriost schreibt am 16.07.2007 um 14:54 Uhr:Ja sicher, aber der Wille ist in uns allen, er ist unsere innerste Triebkraft. Es gibt keine Existenz ohne den Willen, keine menschliche und auch keine sonstige.
  11. zitierenMonika schreibt am 16.07.2007 um 18:17 Uhr:Triebkraft??? Eher Einengung per se
  12. zitierenLyriost schreibt am 16.07.2007 um 18:20 Uhr:Wie sollte etwas sein, ohne einen Willen zu sein? Alles Seiende ist nur Ausdruck ebendieser gerichteten Kraft.
  13. zitierenMonika schreibt am 16.07.2007 um 18:25 Uhr:Der Wille ist der Schöpfung (Adam hab Dank) aufoktroyiert und damit ist das Paradies des willenlosen freien glückseligen Lebens dahingegangen.
  14. zitierenLyriost schreibt am 16.07.2007 um 18:30 Uhr:Das ist ein Glaube, der mich nicht überzeugt. Ein wie immer geartetes Paradies funktioniert nicht ohne Willen. Wie sollte eine Blume wachsen, ohne den Willen zu wachsen? Das Existierende ist keine platonische Idee. Und in einem virtuellen Paradies gibt es kein Leben.
  15. zitierenMonika schreibt am 16.07.2007 um 18:38 Uhr:Kant versus Gott

    Der Same entscheidet sich, ob er auf Stein wachsen will oder nicht ;-)
  16. zitierenLyriost schreibt am 16.07.2007 um 19:03 Uhr:Kant? Vielleicht Schelling oder Bergson oder Schopenhauer oder Nietzsche. Aber bestimmt nicht Kant.
  17. zitierenLyriost schreibt am 16.07.2007 um 19:36 Uhr:Monika, du mißverstehst vollkommen den Charakter des Willens. Ohne den Willen, ein Stein zu sein, ist kein Stein ein Stein.
  18. zitierenMonika schreibt am 17.07.2007 um 20:28 Uhr:Erkläre mir bitte, inwiefern der Stein willentlich ein Stein ist
  19. zitierenMonika schreibt am 17.07.2007 um 22:04 Uhr:Der Allwille/Urwille lebt in allem, das ist mir schon klar, aber der Stein an sich hat keinen Willen.
  20. zitierenLyriost schreibt am 18.07.2007 um 00:41 Uhr:Der Stein hat nicht den (quasiindividuellen) Willen, ein Stein zu sein, sondern seiner Erscheinung ist der Formwille inhärent, der den Stein, den Stein als materielles Substrat, erst in die Materialisierung "getrieben" hat und ihn dort hält. Wenn es nicht so wäre, wäre nichts "geworden", könnte nichts ENTstehen und könnte nichts BEstehen. Wenn du so willst, sind wir lebende Steine, die sich des allem Bestehenden innewohnenden Dranges nach Werdung und Mehrwerdung bewußtwerden. Der Mensch ist eine Art Augenstein.

    Das ist der gegenwärtige hypothetische Stand meiner Theorie.
  21. zitierenMonika schreibt am 18.07.2007 um 00:52 Uhr:Das gefällt mir fast, im ersten Satz sprichst Du nun aber dem Stein den Willen wieder ab, was mir zusagt, was Du aber im Vorangegangenen anders sahst.
  22. zitierenLyriost schreibt am 18.07.2007 um 09:19 Uhr:Du sahst es anders, nicht ich. Deswegen siehst du auch eine Veränderung der Aussage, ich nicht. Weil du den Charakter des Willens mißverstehst. Du siehst einen Willen im Sinne von: Ich will dies, ich will das. Der Wille, den ich am Werke sehe, ist aber der Wille zum Sein oder, wie Nietzsche sagen würde, der Wille zur Macht. Bedenke, daß der Mensch dazu neigt, Gelesenes durch seine Interpretation, der das eigene (oder geborgte) Weltbild und deren Definitionen zugrunde liegen, zu idiographisieren, zu kontaminieren und damit zu verfälschen. Wenn man in das Fremde Teile des eigenen Bildes hineininterpretiert, dieses ihm unterlegt oder ihm überstülpt, verzerrt man jenes.
  23. zitierenMonika schreibt am 18.07.2007 um 10:44 Uhr:Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will
    nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene
    (Ich kenne Nietzsche ;-))
  24. zitierenMonika schreibt am 18.07.2007 um 10:49 Uhr:und zu Kontamination, Verfälschung etc. da heißt es ja so schön:
    Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die Menschen: - nicht mehr den Kopf in den
    Sand der himmlischen Dinge zu stecken, sondern frei ihn zu tragen, einen Erden-Kopf, der der
    Erde Sinn schafft!
    Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen Weg wollen, den blindlings der Mensch
    gegangen, und gut ihn heissen und nicht mehr von ihm bei Seite schleichen, gleich den Kranken
    und Absterbenden!
    Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und erfanden das Himmlische
    und die erlösenden Blutstropfen: aber auch noch diese süssen und düstern Gifte nahmen sie von
    Leib und Erde!
    Ihrem Elende wollten sie entlaufen, und die Sterne waren ihnen zu weit. Da seufzten sie: ``Oh
    dass es doch himmlische Wege gäbe, sich in ein andres Sein und Glück zu schleichen!'' - da
    erfanden sie sich ihre Schliche und blutigen Tränklein!

    Aber das kennst Du und ich, insofern betrachte ich Deine Unterweisung an mich als Neutrum.
  25. zitierenMonika schreibt am 18.07.2007 um 10:54 Uhr:oder eher ne-utrum, keine Definition/Ansichtsweise, weder von Dir noch von mir, ist falsch
  26. zitierenLyriost schreibt am 18.07.2007 um 11:29 Uhr:Man sollte jedoch nicht vergessen, daß Zarathustra eine literarische Figur ist. Nietzsche ist mehr als Zarathustra, mehr auch als nur dionysisches Verzückungsbekenntnis.
  27. zitierenMonika schreibt am 18.07.2007 um 13:11 Uhr:Ich habe Nietzsche vor 40 Jahren anders gelesen als heute und so ist es nicht nur mir ergangen, irgendwie ist da ein System, das eigentlich keins ist.
  28. zitierenLyriost schreibt am 18.07.2007 um 23:39 Uhr:"Eigentlich" ist dein Kommentar "irgendwie" keine sinnstiftende Aussage und ein Kommentar, der "eigentlich" keiner ist und "irgendwie" nirgendwohin führt. Deshalb setze ich jetzt hier den Schlußpunkt.
  29. zitierenMonika schreibt am 18.07.2007 um 23:46 Uhr::-) Der griechische Autor Plutarch berichtet in seinem "Mulierum virtutes 6, Moralia 246b":

    "Bevor die Kelten die Alpen überquerten, brach ein fürchterlicher und hartnäckiger Streit unter ihnen aus, der beinahe zu einem Bürgerkrieg führte. Aber die Frauen stellten sich zwischen die bewaffneten Parteien und berieten sich über die Meinungsverschiedenheiten, wobei diese daraufhin solch ehrliche Beschlüsse faßten und solch redliche Urteile fällten, daß eine bewundernswerte Freundschaft unter ihnen entstand. Die Folge davon war, daß die Männer damit fortfuhren, ihre Frauen in Fragen von Krieg und Frieden zu konsultieren."
  30. zitierenLyriost schreibt am 18.07.2007 um 23:51 Uhr:Wie gesagt: Schlußpunkt.
  31. zitierenMonika schreibt am 06.08.2007 um 13:48 Uhr:.
    (Hier ist mein Schlusspunkt!) Keine Ahnung, warum mein erster Schlusspunkt hier am 18.07. nicht registriert wurde, daher heute nochmals.
  32. zitierenLyriost schreibt am 06.08.2007 um 16:34 Uhr:Auf meinem eigenen Blog setze, und ich denke, das wird jeder verstehen, ich selbst die Schlußpunkte. Deshalb.
  33. zitierenLyriost schreibt am 28.03.2008 um 15:13 Uhr:http://kommentare.zeit.de/user/lyriost/beitrag/2008/03/10/logische-merkwuerdigkeit

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