Lyriost – Madentiraden

09.04.2005 um 10:48 Uhr

Maskensammlung

von: Lyriost

Maskensammlung

Meine Kommode im Flur hat viele Schubladen mit einer ständig wachsenden Sammlung von Masken in allen Farben.

Da ist die des verständnisvollen Liebhabers, die des liebevollen Sohnes, des Literaturkenners, des Akademikers, des Chronischkranken, des immer noch jugendlichen älteren Herrn. Daneben liegen die Masken des Philosophen (etwa zehn verschiedene), des Altachtundsechzigers, mehrere unterschiedliche Musikkenner-Masken, nach Stilen geordnet, von Heavy-Metal bis Schubert. Die Moralistenmaske, ein wenig angestaubt, findet sich neben der des Fußballfans und in einer anderen Schublade die des Lyrikers in der späten Postmoderne. Eine Esoterikermaske gibt es auch und natürlich die Vatermaske, die mir schon immer als eine der problematischsten erschienen ist. Und es gibt viele andere mehr, so viele, daß ich unlängst bei eBay nach einer passenden alten Kommode Ausschau gehalten habe.

Je nach Bedarf setze ich eine der Masken auf, wenn ich das Haus verlasse, um den Erwartungen derer gerecht zu werden, die ich zu treffen gedenke, und manchmal nehme ich ein paar weitere mit, damit ich, falls nötig, auf irgendeiner Toilette unauffällig wechseln kann: "Ich muß mich mal kurz frisch machen."

Ehrlich gesagt: Das strengt mich ganz schön an, und von Zeit zu Zeit überlege ich mir ernsthaft, ob ich nicht besser aufhören sollte mit diesem Maskentanz und einfach nur noch ich selbst sein.

Und wenn die andern dann Probleme haben, mich in ihre Schubladen einzuordnen, dann ist das deren Problem. Ich aber bin so frei, wie jemand nur irgend sein kann. Ich denke, das werde ich tun: Ich werde mich von den Masken befreien. Der Teil meiner Persönlichkeit, der in jeder von ihnen enthalten ist, geht mir dadurch nicht verloren, im Gegenteil: Ich werde für alle als Ganzes sichtbar. Jedenfalls für die andern Maskenlosen und für die, die ihre Brillenmaske absetzen oder sich zumindest bewußt werden, daß sie eine tragen.

Nicht erschrecken, ich bin mal so frei.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenFreiheit schreibt am 09.04.2005 um 14:16 Uhr:Wir neigen leicht dazu,Masken aufzusetzen,wenn wir unsicher sind oder anderen gefallen wollen oder einfach zu faul sind über unsre Probleme zu reden,wenn wir traurig sind und es anderen zeigen,die mit einem reden wollen.Auch ich war an eine Fassade gewöhnt,die mich schützte und nach außen hin glücklich sein zu schien.Doch innerlich war ich einsam und sehr verletzt.Wenn man dann lernt,sich zu zeigen,das wahre Gesicht,Stimmungen,wird man Personen finden,die sich einem annehmen und dann ist man nicht mehr allein.
  2. zitierenlynn schreibt am 09.04.2005 um 21:27 Uhr:Ja, lass die Masken zuhause, lass sie in der Schublade und verschließe sie am besten. Nicht das die Maskerade irgendwann deine Persönlichkeit verschlingt. Denn diese Masken sind Massenware, jeder hat ein paar von ihnen in seiner Handtasche oder in seinem Schrank liegen, doch deine Persönlichkeit ist einzigartig. Deine Persönlichkeit gibt es kein zweites Mal, warum solltest du sie hinter einer Maske verstecken?
  3. zitierenLyriost schreibt am 09.04.2005 um 21:52 Uhr:... weil die meisten Leute mit meiner Persönlichkeit überfordert sind.
  4. zitierenlynn schreibt am 09.04.2005 um 22:07 Uhr:Es geht nicht darum, was andere denken! Lass sie doch überfordert sein. Es ist doch ein Zeichen über was für eine beeindruckende Persönlichkeit du verfügst.

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