Lyriost – Madentiraden

23.04.2005 um 01:04 Uhr

Meines Erachtens

von: Lyriost

Meines Erachtens

Fünf Minuten Deutsch
Ein falscher Fall meines Erachtens

Von Ruprecht Skasa-Weiß

Nach und nach verkuddelmuddelt aber wirklich alles! Kommt nach davor, kommt nach danach, oder geht's auch ohne Nach-Kommen? "Nach meinem Erachten durchaus", sagt dieser. "Also meiner Meinung nach unbedingt", meint jener. "Meines Erachtens, das reicht", erklärt ein Dritter. Was er nicht sagt, das ist: "Meiner Meinung." Dabei wäre auch noch diese Fügung theoretisch richtig. Aber da Wem- und Wesfall bei weiblich gebeugten Wörtern gleich klingen, ist man praktisch zum Verzicht genötigt. Es hört sich falsch an ...

So weit und noch weiter Ruprecht Skasa-Weiß in der "Stuttgarter Zeitung". Aber nicht weit genug. Ob nun meines Erachtens oder was auch immer, das ist wohl doch eher sekundär. Primär ist für mich (sic!) die Frage, was die Leute treibt, diese überflüssigen Meinungsäußerungen über die eigene Meinung in die Rede einzustreuen. Am schlimmsten ist das in wissenschaftlich sein wollenden Büchern, in denen so manches Mal auf einer Seite fünfmal m. E. auftaucht. Wozu soll das gut sein? Ist der Autor sich vielleicht gar nicht so sicher, wie er vorgibt? Hat er möglicherweise Angst vor irgendwelchen Autoritäten, die ihm übers Maul fahren könnten, oder hat er sein Erachten irgendwo in der Uni-Bibliothek geklaut?

Daß das meine Meinung ist, was ich schreibe, ist doch wohl klar, darauf muß nicht ständig hingewiesen werden. Wer dauernd betont, daß das, was er sagt, seine Meinung ist, ist sich seiner Meinung nicht sicher, das steht spätestens seit Freud fest. Oder er hält sich für so unbedeutend, daß er mit "meiner Meinung nach" oder "nach meiner Meinung" die Bitte zum Ausdruck bringt, ihm doch mal zuzuhören, obschon er im Grunde nichts zu sagen hat. Und das ist dann meist tatsächlich so.

In älteren Büchern findet sich in diesem Zusammenhang das schöne Wörtchen unmaßgeblich". Immer schön ducken, wenn man was sagt, damit mögliche Zornesblicke über einen hinweggehen.

Wenn man sagt, was man denkt, sollte man es ohne solches Demutsgestotter tun, und wenn meine Meinung für jemand anderen als meine Meinung deutlich wird, dann vor allem dadurch, daß sie sich in der Form oder inhaltlich von anderen Meinungen abhebt. Ob andere meine Meinung als meine Meinung erkennen oder nicht, und ob sie sie maßgeblich finden oder nicht, das ist ihre Sache.

Und wenn sich einer seiner Sache nicht sicher ist, sollte er keine wissenschaftlichen Bücher mit meines Erachtens und meiner Meinung nach schreiben, sondern erst mal noch ein wenig nachdenken.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenrollblau schreibt am 23.04.2005 um 06:22 Uhr:Für mich heißt \"meines Erachtens\", das ich gern gebrauche, daß ich meine subjektive Meinung äußere, nachdem ich mir über ein Thema Gedanken gemacht habe, daß ich diese Meinung nicht als allgemeinverbindliche Wahrheit ansehe und damit die eines Anderen durchaus parallel gelten lasse. Nicht mehr und nicht weniger. (ich habe zwar durchaus den Hang zum Apodiktischen, staune aber immer wieder, wenn sich Leute auf meine Beurteilungen - etwa bei Büchern - verlassen. Allerdings wenn ich gerade da diese Konstruktion kaum an, sondern eher in schriftlichen Diskussionen, also fortschreitenden Prozessen, in denen das Signalisieren von Kommunikationsbereitschaft eher notwendig erscheint.) LG rollblau
  2. zitierenLyriost schreibt am 23.04.2005 um 09:43 Uhr:Lieber Rollblau, allgemeinverbindliche Wahrheiten finden sich doch höchstens in Märchenbüchern. Meinungen sind immer subjektiv, und im Diskurs kann geklärt werden, ob die eine oder die andere was für sich hat oder mehrere sinnvoll sind. Wozu also m. E.? Macht man sich schon groß, wenn man vom Sinn der eigenen Meinung überzeugt ist? Machen wir uns mit m. E. nicht kleiner, als wir sind?
  3. zitierenLyriost schreibt am 24.04.2005 um 21:19 Uhr:Ich habe noch mal darüber nachgedacht, was genau ich sagen will. Ich möchte das an einem Beispiel deutlich machen. Meines Erachtens (und hier finde ich es angebracht) sind die Stones bedeutender als die Beatles. Auch wenn ich eine Menge Argumente anführen könnte, warum ich das so sehe, und fest davon überzeugt bin, daß ich das richtig sehe, macht m.E. hier Sinn. Wenn ich aber zum Beispiel sage, Nietzsche hat einen größeren Einfluß auf die Literaturgeschichte gehabt als Kant, dann kann ich mir das m.E. sparen.
  4. zitierenrollblau schreibt am 24.04.2005 um 22:01 Uhr:Der Einfluß Nietzsches ist eine beweisbare (empirisch nachzuvollziehende) These. Eine Qualitätsbewertung etwa oder ein politisches Argument dagegen sind Behauptungen oder persönliche Meinungen. LG rollblau
  5. zitierenLyriost schreibt am 24.04.2005 um 22:17 Uhr:Lieber rollblau, wenn das so einfach wäre! Auch Kant hat sehr große Bedeutung (Schiller, Goethe, Lessing, Kleist u.v.a.), und je nach Vorliebe werden sich die Gelehrten streiten, und das könnte sogar in Erbsenzählerei ausarten. Dennoch könnte ich meine These empirisch begründen, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Als Philosophen sind mir beide gleich wichtig, es gibt also meinerseits in diesem Falle kein geschmäcklerisches Vorurteil.



    Bei der größeren Bedeutung der Stones, die sich ebenso empirisch nachvollziehen ließe, ist es insofern etwas anders, als ich zusätzlich zu aller Empirie lieber Musik von den Stones höre und sie in meiner Biographie eine größere Rolle gespielt haben. Nur deshalb, weil ein Fitzelchen Geschmacksvorurteil mit hineinspielt, bin ich hier geneigt, meine Abneigung gegen \"meines Erachtens\" hintanzustellen.

Diesen Eintrag kommentieren