Lyriost – Madentiraden

01.04.2010 um 08:28 Uhr

Metareflexion

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Metareflexion

Man hört bisweilen, die Beachtung von Grammatik und Orthographie begrenze die Ausdrucksmöglichkeiten. Diese These, die gern die Lyrik ins Feld führt, ist jedoch durch nichts belegt und, wie ich denke, Ausdruck des Wunsches, die eigene Lernunwilligkeit und daraus resultierende Schwächen zu kaschieren. Weil man es zu mühsam findet, sich mit Regeln vertraut zu machen, stellt man diese in Frage. Doch wer überzeugend und erfolgreich gegen Regeln opponieren will, muß sie erst einmal lernen. Unvollständige Sätze in Gedichten, wie etwa eine Ellipse, verstoßen in keiner Weise gegen die Rechtschreibung, sondern sind ein Wesensmerkmal moderner Dichtung. Überdies wird kein halbwegs vernünftiger Mensch Wert darauf legen, in der Lyrik die konventionelle Interpunktion und dergleichen beachtet zu sehen.

Grundsätzlich jedoch fördert nach meiner Erfahrung die umfassende Kenntnis und Anwendung der grammatikalischen und orthographischen Regeln ebenso die Klarheit des eigenen Denkens, wie sie zum tieferen Verständnis dessen beiträgt, was ein anderer zu sagen hat.

Ein Gedanke ist so etwas wie ein Tautropfen, und wer sich Gedanken macht über die graphische Repräsentation seiner Gedanken, also die Grammatik und die Regeln der Orthographie in seine Überlegungen einbezieht, tritt ein in die Metareflexion. Dadurch, daß man das, was man denkt, nicht einfach kompromißlos raushaut, sondern in eine den Regeln der Sprache gemäße Form bringt, wird so mancher Gedanke klarer. Was einer tatsächlich denkt, wird erst sichtbar, wenn der Morgennebel sich gelichtet hat. Der Tautropfen beginnt zu schillern.   

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenNimien schreibt am 01.04.2010 um 08:33 Uhr:Du sprichst mir aus der Seele!
  2. zitierenZebulon schreibt am 01.04.2010 um 09:43 Uhr:Sprache wird durch Schrift erst schön und nur wer die Regeln der Typographie beherrscht, kann sie brechen um Wirkung gezielt zu erzeugen.

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