Lyriost – Madentiraden

26.11.2008 um 23:47 Uhr

Mutmaßungen über Alfred und ein Gedicht

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Staedter, Alfred, Wolfenstein, Version, eins, neunzehn, vierzehn

 

Mutmaßungen über Alfred und ein Gedicht

Vom Belle-Alliance-Platz fuhr Alfred mit der Groschenbahn, vorbei an der Kürassierkaserne, an der verwaisten Markthalle, wo Arbeiter den letzten Schmutz des Tages zusammenkehrten. Auf der anderen Seite thronte gravitätisch das Kammergericht, und er dachte kurz an sein staubtrockenes Jus-Studium. Dann aber durchfuhr ihn wieder der bohrende Liebesschmerz. Diesmal hatte ihn Konrad brüsk zurückgewiesen, so als wäre Alfreds zaghaft tastende Hand eine lepröse Klaue. Und dann hatte Konrad ihm einen Vortrag gehalten über wahre Freundschaft, die nur mit wahren Freunden gelebt werden könne und nicht mit Fehlgeleiteten wie Alfred, und Alfred war geflüchtet, als wären tausend Teufel hinter ihm her. Ja, weggelaufen war er, geflohen vor ... Ja, vor was? Sich der Einsicht zu verschließen, daß Männer seine Sinne mehr affizierten als alle noch so attraktive Weiblichkeit, ja ihn erotisch echauffierten, hatte er längst aufgegeben, und Konrad, das hatte Alfred gespürt, es gesehen, gerochen, mit allen Sinnen aufgesaugt, Konrad ging es ebenso wie ihm selbst. Aber Konrad hatte gelacht und gewütet, getobt und hämisch gegrinst und ... Konrad war noch nicht so weit, er wollte sich noch ein Weilchen selbst betrügen. Wie so viele.

Alfred sackte in sich zusammen und blickte auf die endlosen Fensterreihen, die an ihm vorbeizogen, dieses graue Gewürge, dieses blutleere Steinfeuerwerk, das alles Leben garottengleich langsam, ganz langsam strangulierte, erstickte und schlußendlich fossilierte. Nichts würde bleiben als Sedimente vergeblicher Träume.

Die Tram hielt und spuckte alle aus. Nur Alfred blieb sitzen, leidend und voller Zorn und innerlich geschüttelt von einem gnomigen Mischwesen aus Selbsthaß und Larmoyanz. Im letzten Moment, die Straßenbahn hatte bereits angeruckt, kamen sie hereingeflogen und schwebten wie schwarze Engel auf die Sitze, die beiden, deren Blicke sich ineinanderbohrten wie Schrauben in Holzbretter. Sie verzehrten einander mit einer Glut, die Alfred frösteln machte. Der junge Mann, die junge Frau, sie sprachen nicht, sie nahmen nichts um sich herum wahr, sie kopulierten geradezu mit orgiastisch geröteten Augen. Und Alfred wurde klein und alt und grau wie das Straßenpflaster. Und alles war so dicht, so dicht an seiner Kehle und er so fern, so fern von allem, was lebte und glühte.

Als er nach Jahren, wie ihm schien, endlich sein Zimmer betrat, brach Übelkeit sich Bahn, und er erleichterte sich in den Nachttopf. Er weinte, schluchzte, sprach stakkatoartig mit sich selbst und erlebte das Echo seiner Verzweiflung wie den Widerhall von Rufen in einer Tropfsteinhöhle. Erst nach langen Kämpfen mit Decken und Laken schlief er erschöpft ein.

In der Nacht weckten ihn Geräusche. Ein Kind schrie, er hörte flüsternde Stimmen, die sich zu polterndem Geschrei aufbliesen und dann wieder beruhigten, bevor sie ebenso schnell verstummten wie zuvor das Kind. Alfred machte Licht, setzte sich an den Tisch und schrieb:

   

Städter 

 

            Nah wie die Löcher eines Siebes stehn

            Fenster beieinander, drängend fassen

            Häuser sich so dicht an, daß die Straßen

            Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

 

            Ineinander dicht hineingehakt

            Sitzen in den Trams die zwei Fassaden

            Leute, ihre nahen Blicke baden

            Ineinander, ohne Scheu befragt.

 

            Unsre Wände sind so dünn wie Haut,

            Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.

            Unser Flüstern, Denken .. wird Gegröhle ..

 

            – Und wie still in dick verschloßner Höhle

            Ganz unangerührt und ungeschaut

            Steht ein jeder fern und fühlt: alleine.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenzartgewebt schreibt am 27.11.2008 um 19:12 Uhr:Ach Herr Lyriost, ich finde Ihre narrative Interpretation des Gedichtes „Städter“ von Alfred Wolfenstein ganz wunderbar. Zwar wahnsinnig bedrückend und noch anrührender als das Gedicht selbst – mir stockte der Atem beim Lesen - , doch sehr auf die große „Seelennot“ des Dichters eingehend.

    Diesen Stil, also die narrative Gedichtinterpretation, könnten Sie eigentlich bei Ihren eigenen Gedichten auch anwenden fällt mir gerade so ein. Zum besser Verstehen ;)
  2. zitierenLyriost schreibt am 27.11.2008 um 22:30 Uhr:Liebe Madame Tendre-Damasser, danke sehr für ihre überaus schmeichelhaft-zarte Wortmeldung, die mich natürlich wie immer beglückt. Indes, die Anwendung meiner Methode aufs eigene lyrische Schaffen ist nicht möglich, da mir in diesem Fall der Spielraum für Spekulationen allzu arg begrenzt erscheint. Sind denn meine Gedichte tatsächlich so schwer zu verstehen? Liebe Grüße nach Austria
  3. zitierenzartgewebt schreibt am 28.11.2008 um 14:29 Uhr:Verstehen tu` ich sie nicht wirklich … deine Gedichte Lyriost, doch sie rühren mich sehr an, wecken etwas in mir, das tief zu schlummern scheint. Sie gehen auf eine Ebene, die mir anfangs noch fremd scheint, bei genauerer Betrachtung aber doch Bekanntes zutage fördern. Ich werde regelrecht überschwemmt von Bildern, die ich aber nicht richtig zuordnen kann.
    Das verwirrt mich ... und ich versuche Ordnung in das (mein) Bilderchaos zu bringen.
    Ein sehr schwieriges Unterfangen sage ich dir ;)
  4. zitierenLyriost schreibt am 28.11.2008 um 18:14 Uhr:Vorab: Im zweiten Kommentar meine ich natürlich "Ihre" (nicht "ihre"). Ansonsten: Man muß Gedichte nicht verstehen, ebensowenig wie Musik. Allzuoft wird Lyrik mit dem Verstand nicht nur entkleidet, sondern es wird versucht, ihr mit (meistens stumpfen) Messern die Haut abzuziehen. Das kann nicht Sinn der Interpretation sein. Du machst das schon ganz richtig. ;-)

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