Lyriost – Madentiraden

27.11.2008 um 00:26 Uhr

Narrative Gedichtinterpretation

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Narrative Gedichtinterpretation

Narrative Interpretationsstrategien wie die meine, angewendet auf Alfred Wolfensteins Gedicht "Städter" aus dem Jahr 1914, sind zwangsläufig hochspekulativ und literaturwissenschaftlich in beträchtlichem Maße fragwürdig. Und dennoch sind sie vielleicht näher am Text und wahrhaftiger als so manche akademische Trottelei, die sich in Silbenzählerei und metrischer Scheinanalyse ergeht, vollgestopft mit tropischen Reziprokprojektionen, die nichts sichtbar machen als die scheinbare Gelehrsamkeit des Interpreten und dessen Verinnerlichung der gültigen literarhistorischen Epochenschablonen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierensternenschein schreibt am 04.12.2008 um 18:42 Uhr:Selbst wenn sie hochspekulativ sind, so sind sie doch hervorragend geeignet Interesse für dasGedicht zu wecken. Wenn dann letztendlich die hochsekulative Interpretation, aus meiner bescheidenen Sichtweise, die interessantere Lesart von beiden ist. Sie käme auch ohne das Gedicht aus. ;-)
    Obwohl sich beides wohl bedingen mag. Ja, das Gedicht sogar als erstes da war. So scheint doch im jetzt, das Gedicht erst aufgrund der Interpretation enstanden.
    Liebe Grüsse
  2. zitierenLyriost schreibt am 05.12.2008 um 07:47 Uhr:Lieber sternenschein, ich freue mich immer wieder über deinen Besuch und deine wohlmeinenden Kommentare.
    Zur Verteidigung des Gedichts sei zu sagen, daß es die erste, noch etwas holprige Fassung von Wolfenstein ist (1914); die zweite (1920) ist in ihrer Vieldeutigkeit meiner eigenwilligen eindimensionalen Interpretation um Längen voraus (lieben Gruß zurück):

    Städter

    Nah wie Löcher eines Siebes stehn
    Fenster beieinander, drängend fassen
    Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
    Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

    Ineinander dicht hineingehakt
    Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
    Leute, wo die Blicke eng ausladen
    Und Begierde ineinander ragt.

    Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
    Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine,
    Flüstern dringt hinüber wie Gegrö(h)le:

    Und wie stumm in abgeschloßner Höhle
    Unberührt und ungeschaut
    Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.
  3. zitierensternenschein schreibt am 09.12.2008 um 03:31 Uhr:Danke fùr die zweite Fassung.

    Eher anerkennend und bewundernd, aufgrund der Wortgewaltigkeit und des Feinsinns, als wohlmeinend.


    Zudem menschlich nähergebracht, durch das Mädchen welches in der Toreinfahrt vo r dem verschlossenen Tor steht.
    Ein Bild, welches im Kopf bleibt.
    Noch immer.
    Liebe Grüsse
    sternenschein

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