Lyriost – Madentiraden

29.10.2009 um 14:11 Uhr

Nasenring

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Nasenring

Im Gegensatz zur Reue, die uns dazu ermutigen kann, einen Fehler wiedergutzumachen und zukünftig anders zu handeln, als wir es getan haben, ist unsere Scham häufig ein Mittel der Selbsterniedrigung, ja Selbstzerfleischung und ein prächtiger Nasenring, an dem uns andere nach Belieben durchs Gelände ziehen können.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenGretchen schreibt am 30.10.2009 um 15:57 Uhr:Sehr schön geschieden, Lyriost - ich grüße Dich - aber erläuterst Du die Wörtchen Reue und Scham nicht zu sehr nach dem Nutzen? Scham oder Reue? Geht das? Scham ist für mich ein Besudelt-Sein von etwas, Reue eine Herzenstat, welche aus einer Besinnung ihre Kraft genommen und zur Tat vorschreiten will ..

    Liebe Grüße und hab ein schönes Wochende
    Deine Gretchen
  2. zitierenGretchen schreibt am 30.10.2009 um 16:00 Uhr:"fortschreiten", bitte entschuldige, Lyriost, blöder Verschreiber von mir.
  3. zitierenLyriost schreibt am 30.10.2009 um 17:40 Uhr:Hallo, Gretchen, du hast recht, Nutzenerwägungen sind mir nicht fremd, und ich glaube, wir täten gut daran, die Dinge hauptsächlich danach zu beurteilen, welchen Nutzen sie für uns haben, ganz in der Nachfolge von Protagoras und seinem Homo-mensura-Satz. Was die Scham betrifft, so ist ihr Auslöser weniger in einem Besudeltsein zu suchen, als vielmehr in moralisch-religiösen Konditionierungen und in deren gesellschaftlichen Usancen, die wir verinnerlicht haben. Was ist Besudelung? Und warum sollte ich mich deren schämen? Weshalb empfindet ein von Machtmißbrauch welcher Art auch immer "Besudelter" Scham? Wären nicht Wut und Zorn eher angemessen? Die Scham schützt doch nur: den Gewalttäter vor der Vergeltung und die Gesellschaft vor der Reflexion über die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die auf Machtstrukturen basieren, direkte und institutionelle, nützt also nicht den Opfern, sondern den Tätern.

    Ein Opfer, das Scham empfindet, hat ein unangemessenes Gefühl und bestraft sich damit selbst. Hauptsache, die andern haben ihre Ruhe. Scham ist also kein Besudeltsein, sondern das gesellschaftlich-moralisch unausgesprochen vorgegebene Reaktionsverhalten des einzelnen auf eine Besudelung oder etwas, das er als Besudelung empfindet oder sich durch geltende moralische Normen zu empfinden gezwungen sieht.

    Das ist die eine, die Opferseite. Auf der anderen Seite, der Täterseite, ist Scham bestenfalls als eine Vorstufe der Reue zu akzeptieren. Bleibt es bei der (passiven) Scham, dann ist sie nur ein billiger Trick, um tätige Reue zu vermeiden.

    Liebe Grüße
    Ly
  4. zitierenGretchen schreibt am 30.10.2009 um 23:24 Uhr:Danke, Lyriost, Deine Darlegung ist ausgezeichnet und hat mich sehr angenehm berührt.


    Dir eine gute Nacht
    Gretchen

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