Lyriost – Madentiraden

12.12.2012 um 17:35 Uhr

Objektivität II

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Objektivität II

Wenn jemand sich Objektivität "als jenseits aller Subjektivität angesiedelt vorstellen" kann, dann "glaubt" er an Objektivität, ob ihm das nun klar ist oder nicht. Aber wo könnte die Idee der Objektivität anders "angesiedelt" sein als im Erkenntnisvermögen des Subjekts?

Jenseits aller Subjektivität kann ich mir gar nichts vorstellen, denn jenseits aller Subjektivität gibt es kein Vorstellungsvermögen. Ohne Vorstellungsvermögen sehe ich jedoch keine Möglichkeit, mir etwas, und sei es noch so abstrakt, vorzustellen.

Eine scheinbar von der Wahrnehmung losgelöste Idee ist ein graues spekulatives Modell, das selbst dennoch auf Wahrnehmung beruht, denn ohne Wahrnehmung ist alles nichts. Kein Gedanke ohne eine Vorstellung von etwas. Und diese Vorstellung ist in unserm Kopf, also subjektiv.

Wenn ich den Begriff "Sinn" benutze – und zwar im Gegensatz zum allgemeinen Gebrauch, der seinen Ursprung unkritisch ins metaphysische Wolkenkuckucksheim à la Weltgeist, Entelechie, Gott oder dergleichen verlegt –, dann mit dem nötigen skeptischen Ernst, der es nicht erlaubt, diesem Begriff mehr als lebenspragmatische Relevanz zuzugestehen. "Sinn" ist ein subjektives Konzept. Manchen ist nicht bewußt, daß bereits ein Bedeutungskonzept, und zwar ein subjektives, vorhanden war, als jemand das Wort "Sinn" erfand. Und daß damit und mit allen anderen späteren Aufladungen diesem "Sinn" und seinen Ausprägungen jede "objektive Realität" abgeht?

Es geht hier nicht um Fremdbeeinflussung, nicht um meine Subjektivität versus die eines andern, sondern um Subjektivität versus Objektivität (als etwas jenseits des Subjektiven). Diese Objektivität ist ohne ein Subjekt nicht denkbar. Von einem Bild, das niemand sieht, kann nicht gesagt werden, ob es existiert und ob es ein Bild ist. Wenn aber doch einer da ist, der es sieht, dann ist dessen Sicht auf das Bild eine Sicht im Rahmen seiner Wahrnehmungsmöglichkeiten, so daß über ein "objektives", außerhalb einer subjektiven Wahrnehmung existierendes Bild keine verläßliche Aussage gemacht werden kann.

Nicht schwer zu verstehen: Um ein Objektives jenseits alles Subjektiven zu postulieren, bedarf es eines postulierenden Subjekts, und damit haftet dem Postulat des Objektiven von vornherein Subjektives, Nicht-Objektives an, was bedeutet, daß ein reines Objektives "jenseits" des Subjektiven ein Ding der Unmöglichkeit ist. Objektivität als (objektiver) Standpunkt jenseits aller (subjektiven) Standpunkte wäre ein Standpunkt jenseits seiner selbst. Ziemlich glitschiger Punkt.

Objektivität I

 

eins plus eins

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenAlcide schreibt am 12.12.2012 um 20:02 Uhr:Ich stimme dir weitgehend zu. Mich würde nur interessieren, wo du die Mathematik verortest?
    1+1=2
    Ist das nicht eine objektive Erkenntnis?
  2. zitierenGrafKroete schreibt am 12.12.2012 um 21:02 Uhr:oh welch schnöde Frage zu solch einem genialen Gedanken...... 1+1=Eins, es ist lediglich die subjektive Wahr-Nehmung die diffidiert .......*g*
  3. zitierenLyriost schreibt am 12.12.2012 um 23:12 Uhr:Tropfen in Tropfen
    Arithmetik des Wassers
    eins plus eins gleich eins

    die nasse Familie
    widerstrebt der Zählerei

    ;-)
  4. zitierenLyriost schreibt am 13.12.2012 um 09:03 Uhr:Lieber Alcide, die abstrakten mathematischen Strukturen sind nichts Empirisches, sondern wurden durch Logik erzeugt, also im Gehirn von Subjekten; und nach dem ersten Unvollständigkeitssatz von Gödel gibt es in "hinreichend starken widerspruchsfreien Systemen" immer nicht Nachweisbares. Der zweite Unvollständigkeitssatz stellt fest, daß solche Systeme ihre eigene Widerspruchsfreiheit nicht beweisen können. Siehe "Gödel, Escher, Bach".
  5. zitierenAmanita schreibt am 13.12.2012 um 12:53 Uhr:Das sind die Dinge, die ich immer versucht habe zu begreifen, bei denen es mir aber nie gelungen ist. Für den Grundkurs "Formale Logik" an der Uni fehlten mir aus der Schule die entscheidenden Vorkenntnisse. Aber in meinem (schlecht bezahlten) Job kommt man mit Fuzzy Logic aus...
  6. zitierenAlcide schreibt am 13.12.2012 um 19:00 Uhr:Mir geht es da wie dir, Amanita, um Logik habe ich auch immer einen großen Bogen gemacht: in meinem Grundschulzeugnis wurde noch fett unterstrichen vermerkt: "Das logische Denken bereitet ihm Schwierigkeiten", das bleibt sitzen...

    Mir geht es eigentlich auch nur darum, uns vor den Fallstricken des Solipsismus zu retten (oder hauptsächlich mich selbst), die meiner Meinung nach durch eine zu starke Betonung des Subjektiven erwächst... Freilich konstruieren wir unsere Welt in uns, aber die Gesetze (auch die der Logik) sind in anderen Subjekten die gleichen... das postuliere ich jetzt mal ganz frech, nicht weil ich es beweisen kann... (Gott bewahre), nein, aus Beharren auf dem gesunden Menschenverstand... wir sitzen alle auf demselben Baum... es sitzt nicht jeder im luftleeren Raum und konstruiert sich einen Baum...
  7. zitierenLyriost schreibt am 13.12.2012 um 20:21 Uhr:... wir sind der Baum und alles andre ...
  8. zitierenGrafKroete schreibt am 13.12.2012 um 21:12 Uhr:Bäume und ihre Früchte.......
  9. zitierenzartgewebt schreibt am 15.12.2012 um 13:15 Uhr:"Tropfen in Tropfen
    Arithmetik des Wassers
    eins plus eins gleich eins

    die nasse Familie
    widerstrebt der Zählerei"
    ~~~

    Gedicht und Bild
    sind sehr aussagekräftig,
    mehr bedarf es nicht …

    alles andere ist für mich chinesisch ;-)

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