Lyriost – Madentiraden

14.04.2005 um 16:26 Uhr

Plagiat

von: Lyriost

Plagiat 

Man erinnert sich vielleicht an die Plagiatsvorwürfe Daniel Libeskinds in Richtung Peter Eisenman, als es um die architektonische Konzeption des Berliner Holocaust-Mahnmals ging. Eisenmans Stelen hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit denen Libeskinds, die vor dem Jüdischen Museum in der Lindenstraße zu sehen sind.

Nun ist jemand auf einen italienischen Zeichentrickfilm aus den siebziger Jahren gestoßen, in denen es eine Szene mit ganz ähnlichen psychologisch-architektonischen Stelen gibt, und es wird die Vermutung geäußert, hier könne die Quelle des möglichen Plagiatplagiats sein. Und wer weiß, vielleicht findet ein Kustos im Depot des Pergamonmuseums demnächst Fotografien einer Ausgrabungskampagne mit eng angeordneten Steinen, die an Stelen erinnern. Und dann?

Ich empfinde solche Plagiatsdebatten als oberflächlich, weil darin ein fragwürdiger Originalitätsgedanke zum Ausdruck kommt, der die ganze Moderne durchzieht.

Ist es nicht zum einen so, daß wir tagtäglich einer unglaublichen Bilderflut ausgesetzt sind, von der nur ein geringer Teil den Weg durch die Huxleysche Reduzierröhre in unser Bewußtsein findet? Und der Rest sickert in unbewußte Tiefen, aus denen jederzeit luftblasenähnlich etwas aufsteigen kann, was sich mit anderem in unserem Bewußtsein vermischt. Ist das nun etwas Eigenes oder etwas Fremdes?

Als schöpften nicht alle wirklich kreativen Menschen in erster Linie aus ihrem Unbewußten, das ja, wie wir nicht zuletzt durch C. G. Jung wissen, zum Großteil ein kollektives Unbewußtes ist. Wenn wir uns beklauen, dann beklauen wir uns nicht gegenseitig, wir beklauen uns selbst. Und das ist ja wohl nicht verboten.

Wenn ich bei jedem Satz, den ich schreibe, überlegte, ob jemand das schon mal ähnlich formuliert hat, dann käme ich wohl nicht weit.

Und wir wissen doch alle, was ein gewisser Salomon vor ein paar Jahren gesagt haben soll: "Es gibt nichts Neues unter der Sonne."

Für klarere Fälle gibt es das Urheberrecht und die Patentämter.
 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenBernardo schreibt am 16.04.2005 um 08:05 Uhr:Ich empfinde solche Plagiatsdebatten als oberflächlich, weil darin sich die Eitelkeit des Menschen wiederspiegelt und das Recht auf eine Idee, diese nur für sich zu beanspruchen. Sie nehmen nicht wahr, daß die Differenz auch durch Nuancen zu einer völlig neuen Sichtweise kommt, die sich ihnen wegen ihrer Eitelkeit verschließt oder verschlossen werden soll.
  2. zitierenLyriost schreibt am 16.04.2005 um 09:00 Uhr:Ja, so ist es, die Nuancen sind es, aber wer sieht sie? Schopenhauer hat gesagt, es komme nicht so sehr darauf an, was einer sagt, sondern viel mehr darauf, wie er es sagt.
  3. zitierenBernardo schreibt am 16.04.2005 um 09:37 Uhr:wer würde wagen, Schopenhauer hier zu widersprechen ...

    Und dennoch reicht es mir nicht:

    es kommt nicht so sehr darauf an, was einer sagt, sondern was einer nicht sagt und wie er es sagt, und daß das, was er sagt, sich homogen in sein Weltbild einfügt.

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