Psychischer Knochenbau
Psychischer Knochenbau
Nun sag, wie hältst du es mit dem Charakter?
Die Meinung darüber, ob der Charakter angeboren oder erworben sei, ob man ihn ändern kann oder nicht, wird vom Zeitgeist jeder Epoche unterschiedlich beantwortet, je nachdem, ob der genius saeculi eher optimistisch oder pessimistisch eingefärbt ist und wieviel Zöpfe zum Abschneiden bereithängen. Die Antwort auf diese Gretchenfrage aber hängt in erster Linie davon ab, was man als Charakter bezeichnet.
So wie ich das Wort Charakter verstehe, ist der Charakter eine Konstante, und alle "Änderung" ist entweder Verstellung oder mangelnde Fähigkeit, hinter die eigenen Verrenkungen und Selbsttäuschungen zu schauen. Der Charakter ist für mich so etwas wie psychischer Knochenbau, und meiner hat sich bei genauerer Betrachtung, das heißt nackt vor dem Spiegel und auf Röntgenbildern, seit über fünfzig Jahren nicht geändert. Der eine nicht und nicht der andere. Und wer glaubt, bei andern charakterliche Veränderungen zum Guten oder zum Schlechteren wahrzunehmen, der hat lediglich vorher nicht aufmerksam genug hingeschaut.
Und wie man sich über die Schmächtigkeit manches Menschen wundert, wenn man ihn eines Tages mal ohne seinen mit Schulterpostern aufgemotzten Mantel sieht, so erstaunt uns bisweilen der Charakter anderer, wenn veränderte Lebensumstände alle schmückende Kostümierung abgeschmolzen haben.
Deshalb zeigen sich die meisten am liebsten nur sich selbst nackt vor dem Spiegel. Aber auch das bevorzugt im Dunkeln.



Grüße
Gretchen
Max Beckmann schrieb in seinem Exil in Holland viel in sein Tagebuch hinein. Er lebte in einer Dachstube in einem alten Zigarrengeschaft. Seine Arbeit ging nur schleppend voran. Erfahrungen aus den beiden Kriegen - er war im Ersten Weltkrieg Sanitäter - konfrontierten ihn mit einer Wirklichkeit, die ihm kaum Gelegenheit bot, gegen innere Widersprüche ein großes Training anzusetzen, doch dachte er über den Tod nach und notierte damals, daß er sich an den Gedanken gewöhnt habe, wieder zu einem Nichts zu werden ...
Ich vermute, daß Beckmann sehr wohl davon eine Ahnung hatte, wie schwierig es ist, ein Charakter zu sein. Seine Motive beweisen es. Hierin erblicke ich auch trotz vieler Masken (s)eine Absicht, sich der Wahrhaftigkeit (was immer es auch sei) zu nähern und den Blick in den kühlen, nackten Spiegel zu wagen.
Liebe Grüße zur Nacht
Gretchen
Sei mir nicht sauer.
Liebe Grüße
Gretchen
"Meine Poesie wird in nichts anderem bestehen, als den Menschen, dieses reißende Tier, mit allen Mitteln anzugreifen, und den Schöpfer, der nicht ein solches Ungeziefer hätte schaffen dürfen. – Meine Jahre sind nicht zahlreich, und doch fühle ich schon, daß die Güte nichts ist als eine Ansammlung tönender Silben; ich habe sie nirgends gefunden." (http://www.uni-greifswald.de/~dt_phil/studenten/falmer/chants_f.html)
Das erinnert ein wenig an Emile Cioran, dessen Werk ich gut kenne, und ist vielversprechend.
Nachzudenken über das, was wir Charakter nennen, ist ein probates Mittel, sich vor dem Nachdenken über Gut und Böse noch ein wenig zu drücken, aber jenes führt uns doch unweigerlich zu diesem.
Liebe Grüße an alle
Heute morgen flogen die Wildgänse wieder gen Süden. Es ist immer wieder ein wunderbares, kleines Ereignis, sie zu hören und zu sehen. Doch stimmen sie uns wie die fallenden Blätter auf jene Zeit ein, welche uns nötigt, häuslicher zu werden. Gespenstig flimmern, vom Frost ganz eingehüllt, Spinnweben in langen Fäden an zittrigen Zweigen und kahlen Ästen, lauter silberne Strähnen ...
Gretchen
Gretchen
Doch muß er (Paul) einmal geäußert haben: "Das Leben ist schrecklich".