Lyriost – Madentiraden

13.01.2010 um 12:06 Uhr

Selbstmitleid

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Selbstmitleid

Selbstmitleid ist der Gram des Zukurzgekommenen oder Beschnittenen über seinen Zustand. In seinen Tagträumen gottgleich allmächtig, erfährt er sich im wirklichen Leben als mißachtet, benachteiligt und ohnmächtig, gefangen im Spinnennetz einer von ihm als feindlich empfundenen Umwelt. Wie der Trauernde, beklagt er einen Verlust, jedoch nicht den realen Verlust eines geliebten Menschen, sondern den seiner träumerisch imaginierten Macht über die Welt der Objekte, zu denen er insgeheim auch die anderen Menschen zählt. Bleibt er mit seinem larmoyanten Lamento bei sich selbst, so wird es ihm bisweilen gelingen, sein Selbstmitleid als melancholische Gestimmtheit zu bejahen, es künstlerisch umzusetzen und daraus neues Selbstwertgefühl zu schöpfen.

Wenn demgegenüber die gedrückte Stimmung zur Schau gestellt wird, immer ostentativeren Charakter annimmt, das Selbstmitleid also appellativ zu funkeln beginnt, wird deutlich: Solcherart Selbstmitleid ist ein Versuch, diejenigen, von denen der Zukurzgekommene sich mißachtet fühlt, auf sich aufmerksam zu machen und sie zu sich heranzuziehen. Gelingt dies, was eher selten der Fall ist, schlägt das Benachteiligungsgefühl um in narzißtischen Triumph. Gelingt dies nicht, führt diese Form des Selbstmitleids häufig zu Zorn, Wut und Vergeltungsphantasien, mindestens jedoch zu einer ausgeprägten Verbitterung.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenAquarius schreibt am 13.01.2010 um 13:18 Uhr:Sehr gut geschrieben! In einer schwierigen Situation darf jeder auch Mitleid mit sich selbst haben. Das sollte eben nur nicht über die Massen andauern, denn sonst besteht genau die Gefahr, die du beschreibst.
  2. zitierenLyriost schreibt am 13.01.2010 um 18:38 Uhr:Lieber Aquarius, gegen Mitleid mit sich selbst ist auch in weniger schwierigen Situationen nichts einzuwenden: Wenn man sich dreimal hintereinander mit dem Hammer auf den Daumen geschlagen hat, sollte man sich ruhig ein wenig als armes Würstchen betrachten und sich bemitleiden, wenn's kein anderer tut. Nur eben nicht wochenlang. Und man sollte dabei nicht ausgerechnet von dem, der einen Finger durch eine Säge verloren hat, Mitgefühl einfordern.

    Problematisch finde ich, wenn Selbstmitleid zur Methode wird.
  3. zitierenAquarius schreibt am 13.01.2010 um 18:40 Uhr:Korrekt! Deine Antwort entspricht meinem Denken.

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