Lyriost – Madentiraden

21.02.2010 um 21:42 Uhr

Spätrömische Dekadenz

von: Lyriost

Spätrömische Dekadenz

Betrachtet man die Geschichte der Dekadenz, so war diese zu allen Zeiten – auch und gerade im alten Rom – eine Sache der Arbeitslosen. Arbeitslosigkeit verführt geradezu zur Dekadenz. Der Arbeitslose möchte nicht mehr in einer bescheidenen Stadtvilla wohnen, es zieht ihn in einen repräsentativen Marmorpalast. Ein Arbeitsloser, der nur über zehn bis zwanzig Sklaven gebietet, wird von anderen Arbeitslosen milde belächelt, und wer gar in einem kleinen Badezimmer in simples Wasser steigt, statt sich von Bediensteten zum Milch- oder Sektbad ins eigene Badehaus geleiten zu lassen, ist ein gesellschaftliches Nichts. So war das im alten Rom, und so ist das noch heute. Die Dekadenz der römischen Nichtstuer wurde dem Römischen Reich zum Verhängnis, es ging vor allem zugrunde an der Gier der beschäftigungslosen Reichen, der Jagd nach dem persönlichen Vorteil, mangelndem Gemeinsinn, verbunden mit Prunksucht. Insofern ist die neoliberale Gesellschaftsentwicklung eine Entwicklung in Richtung Neodekadenz. Nur das mit dem Prunken muß noch etwas verbessert werden. Der Maserati Quattroporte – auch mein Lieblingsfahrzeug – als Dienstwagen eines Sozialarbeiters, allerdings keines Arbeitslosen, ist so gesehen ein Anfang, der Hoffnung macht. Selbst begütertere Arbeitslose bescheiden sich dagegen meist noch mit S-Klasse-Kutschen aus Sindelfingen, unpathetische Fahrzeuge von geringem ästhetischem Wert.

Wenn in letzter Zeit von jemandem, der mit seiner zu kurzen Latte im (für ihn) historischen Nebel stochert, versucht wird, den Dekadenzbegriff auf nichtvermögende, zum großen Teil unfreiwillige Arbeitslose auszudehnen, dann steckt dahinter nicht zuletzt so etwas wie der Sozialneid von Besserverdienenden, die heimlich von spätrömischen Verhältnissen träumen, Verhältnissen, wo der Herr noch der Herr war und der Sklave der Sklave und wo man sich köstlich über die Rangelei der Bediensteten amüsieren konnte, die entstand, wenn die Herren ein paar Brosamen vom Tisch wischten.

Dekadenz, ja selbst der Anschein einer solchen Haltung, ist ausschließlich etwas für die Oberschicht, das muß klar sein.  

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierensternenschein schreibt am 23.02.2010 um 02:22 Uhr:Lieber Lyriost,
    eine herausstechende Analyse über Nebelstocherer.
    Der Sozialarbeiter wollte ja noch den Anschein wecken, er bräuchte ein derartiges Dienstfahrzeug, da er sonst bei den Firmen mit denen er zu tun hat ein "Nichts" ist. Nicht für vollgenommen wird.
    Es braucht uns nicht mehr, es reicht wenn wir den Wagen schicken.
    Erschreckend fand ich auch die Hamburger Intitative gegen die Schulreform.
    Die wohl stark von der FDP gefördert und initiert wird.
    Da sagten Eltern dann im TV (ja, manchmal schaue ich auch TV ), es sei ein Unding wenn der Sohn eines Vorstandsvorsitzenden zusammen mit einem Arbeiterkind unterrichtet werden würde.
    Von Chancengleichheit woltlen diese Eltern nichts wissen. Sie sei unnatürlich.
    Es gibt das Proletariat, das soll arbeiten und nicht studieren. Die können doch den Kindern von wohlhabenden nicht die Arbeitsplätze weg nehmen.
    Dieses sei die natürliche Ordnung.
    Dienstleistung für die Unteren, Herrschaft für die Reichen.
    Das was man da hören konnte, war Standesdünkel hoch drei.
    Liebe Grüsse
  2. zitierenUnbreakable schreibt am 23.02.2010 um 23:16 Uhr:Sternenschein, du bist eh ertappt - du schaust auch oder viel RTL und so`n Zeugs. ;o)

    Wären die Reichen auch die Intelligenteren und Stärkeren, hätte das Prinzip seinen Sinn. Das war evtl. mal so, ist es aber nicht mehr. Mal sehen, "wohin der Sturm uns trägt".

    Altrömische Dekadenz ist inzwischen nicht nur den "Herren" vorbehalten. Der Mensch an sich ist altrömisch dekadent (geworden).

    "Peace", sagte sie und rauchte die Friedenspfeife (ok, ist nur 'ne ordinäre Kippe - aber der Gedanke zählt ja).
  3. zitierensternenschein schreibt am 24.02.2010 um 03:51 Uhr:@unbreakable,
    das war wohl eher ZAP oder NDR Regional in denen diese Interviews mit den Eltern liefen.
    Privatsender gibt es hier auf BTVT garnicht.
    Schaue hauptsächlich Phönix, Extra Eins, 3 Sat und son Zeug.
    Wenn ich mal Sat anhabe, was eher selten ist, auch Chile, Argentinien, Rai, Spanien oder Französische Sender, wenngleich ich da nicht alles verstehe.;-)

    Die Schweizer Musikrundfunksender über Sat sind übrigens recht gut, auch die ORF Sender mit ihren oftmals interessanten Diskussionen. Radio Sputnik ist auch nicht zu verachten. Bla...*lach*
    Ansonsten bin ich krank und habe im Radio meistens NDR Info laufen.
    Sonntags das "Feature" ist oftmals hörenswert.


    Es wäre erstaunlich wenn die Reichen die Intelligenteren wären. Würde der Wahrscheinlichkeitsrechnung widersprechen und der Gausschen Glockenform der statistischen Verteilung.

    Besser gefördert, aufgrund des Gelde, ja, das ist wohl unbestritten.
    Als stärker sehe ich die Reichen auch nicht an, eher als schwächer, denn sie sind abhängig. Für alles brauchen sie jemanden. Zum Kochen, zum Putzen ihrer grossen Häuser, zum Gärtnern, ja selbst manchmal zum Autofahren und um ihre Kinder zu Erziehen.

    Nichts können sie alleine. Früher brauchten sie sogar noch Kammerdiener um sich anzuziehen.

    Was soll daran stark sein?
    Ohne ihren Hofstaat sind sie ein Nichts.

    Und ohne ihr Geld wären sie dieses auch.
    Ich glaube sie könnten nicht einmal von diesen Hartz IV Regelsätzen überleben, würden glatt verhungern, da sie das Geld in einem oder zwe Tagen ausgeben würden und für den Rest des Monats nichts mehr hätten.


    Peace.

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