Lyriost – Madentiraden

01.07.2005 um 15:26 Uhr

Über Dünkel

von: Lyriost

Über Dünkel

Wenn ich mich einem andern unterlegen fühle, ist das ein normales Gefühl, das ich zum Beispiel dann entwickle, wenn ich Gedichte von Gottfried Benn oder Einsteins Schriften lese oder mir sitzend auf dem Zahnarztstuhl die Struktur des Nervensystems im Kiefer erklären lasse. Ich habe genügend Selbstbewußtsein, um zu akzeptieren, daß andere etwas besser wissen oder besser können als ich. Und ich habe genügend Verstand, um zu begreifen, daß Menschen unterschiedliche Begabungen haben. Und wenn ich noch solange übe, ich werde nie Gitarre spielen können wie Mr. Hendrix oder eine Figur verkörpern wie Bruno Ganz.

Nun auf die Idee zu kommen, etwa im Gespräch mit Bruno Ganz diesem Dünkel unterstellen zu wollen, also eine übertriebene Selbsteinschätzung, weil er meine Meinung übers Theater nicht teilt, das käme mir komisch vor. Mag sein, daß das, was er sagt, bei mir Nachdenken auslöst und meine Meinung modifizieren hilft, mag aber auch sein, daß sich meine Auffassungen nicht verändern, wie auch immer, aber ihm Dünkel unterstellen, nein. Wie käme ich dazu?

Wer andern Dünkel unterstellt, leidet ebenso wie der dünkelhafte Mensch: Es sind die Gefühle von Minderwertigkeit, meistens uneingestanden, die solchen Unterstellungen zugrunde liegen. Und nicht selten ist es gerade der wahrhaft dünkelhafte Mensch, der andern Dünkel anreden möchte.


Diesen Eintrag kommentieren