Lyriost – Madentiraden

12.01.2007 um 07:38 Uhr

Über Kunst und Fälschung

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Über Kunst und Fälschung

Wenn spektroskopische Altersbestimmung, reflektoskopische und mikroskopische Untersuchungen notwendig sind, um zu bestimmen, ob ein Kunstwerk echt ist, und nicht mal ausgewiesene Kunstwissenschaftler in der Lage sind, ohne all diese technischen Hilfsmittel eine Fälschung vom Original zu unterscheiden, dann wird deutlich, daß der Mythos von der Aura des Kunstwerks eben das ist, was er ist: ein Mythos. Wäre es nicht so, könnte jeder Kunstrezipient problemlos das Original von der Reproduktion unterscheiden, und man könnte sich aufwendige und teure Expertisen sparen, weil ja jeder gleich sehen würde, was Sache ist.

Wichtig ist, was die Menschen glauben. Wenn sie an die Echtheit eines Kunstwerks glauben, werden sie der Kopie gestatten, so auf sie zu wirken, als seien sie mit dem Original konfrontiert. Das ist das eine.

Das andere ist Folgendes: Wenn ein begnadeter Fälscher mir die perfekte Kopie eines Bildes von Max Ernst anfertigt, dessen Ausdruckskraft mich jedesmal, wenn ich im Museum war, trotz des Gefühls, nicht allein und unter Beobachtung zu sein, tief auf mich gewirkt und mich mitgerissen hat, dann reicht mein Bewußtsein, eine Fälschung vor mir zu haben, nicht aus, um mir diese tiefe Empfindung zu nehmen, wenn ich, wann immer ich will, in meinem Wohnzimmer vor dieses Bild trete.

Wenn der reiche Mensch dagegen, der es sich leisten kann, einem Museum ein bedeutendes Kunstwerk wegzuschnappen, in seinem elektronisch gesicherten privaten Museum vor den Rembrandt tritt, dann genießt er nicht so sehr die Aura des Kunstwerks, sondern in erster Linie sich selbst, seine Herausgehobenheit, seine gesellschaftliche Stellung, seine Macht.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenzartgewebt schreibt am 12.01.2007 um 14:33 Uhr:Richtig erkannt! Und weißt, was MIR zudem noch sauer aufstößt; setze unter ein Gemälde einen Namen oder eine Zahl – schon alleine das genügt, dass dein Blick getrübt wird.

    War einmal mit einer kleinen Gruppe in einem Heimatmuseum. Nebst vielen, überaus bemerkenswerten Dingen, fanden sich auch einige Bilder an den Wänden, die keinerlei Beachtung fanden. Wir gingen eigentlich ALLE desinteressiert daran vorbei – auch ich.
    Dann machte uns plötzlich der Museumswärter darauf aufmerksam, dass diese Bilder von dem Maler, ich sag mal "soundso" sind und wahnsinnig wertvoll wären.

    Und siehe da...wir besahen uns die Bilder ein zweites Mal...und es ging ein Raunen durch die Menge...ein: „Oooohhh“ und „aaaAAAHHH“…und „Waaaaaaahnsinn – so schön“. Ich musste lächeln... ;-)
  2. zitierenLyriost schreibt am 14.01.2007 um 11:22 Uhr:Was wäre das Sein ohne den Schein. ;-)

Diesen Eintrag kommentieren