Lyriost – Madentiraden

12.06.2007 um 00:30 Uhr

Über Missionare

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Unsere Missionare

Kaum etwas erzeugt in mir einen heftigeren Widerwillen und ein stärkeres Ekelgefühl als Missionare, Leute, die sich für auserwählt halten, die glauben, sie hätten etwas "geschaut", was den meisten anderen verborgen bleibt, die sich einbilden, sie müßten Verirrte, Irrende auf den rechten Weg bringen, "Samenkörner" in das Bewußtsein anderer Menschen legen, die noch im dunkeln tappen.

Heutzutage sind solche selbsternannten Fruchtbringer größtenteils glücklicherweise nicht mehr bewaffnet, und nur noch wenige von ihnen hantieren immer noch mit Feuer und Schwert, und ihr Fanatismus hat meist moderatere und sublimere Formen angenommen. Eine Zwangsfütterung mit Samenkörnern findet nur noch in Ausnahmefällen statt.

Dennoch: Hinter welchen Namen diese messianischen Wahrheitslämpchen sich auch verbergen, sie sind allesamt von der gleichen Art. Sie schätzen es nicht, wenn Menschen in Eigenverantwortung lernen und bestimmen wollen, was sie für richtig und für falsch halten, was sie glauben oder nicht glauben wollen. Ihre Lehren sind so totalitär wie schwammig autorisiert, und meist sind es irgendwelche vergilbten Papiere, die irgendeinem antiken Stenotypisten von einer angeblich übermenschlichen Autorität oder auch nur von einer altersweisen menschlichen mit seherischen Fähigkeiten diktiert worden sein sollen und die, wie unsere Missionare frech behaupten und manchmal tatsächlich selbst glauben, die letzte, unhinterfragbare Wahrheit in sich tragen.

Nun haben sie, unsere Missionare, die Jünger der angeblitzten Autoritäten und Autoritätenstellvertreter, durch höhere Gewalt, Erwählung oder auch nur durch meditative Wahrheitsempfängnis den Auftrag erhalten, Licht in das Dunkel der irdischen Verirrungen zu bringen, und so richten sie ihre Taschenlampen auf die Wege der in dunkler Verwirrung tappenden Armgeistigen, um ihnen zu helfen, göttliches Licht in ihre Angelegenheiten zu bringen. Und wenn der eine oder andere mal blinzelt, weil er ein wenig geblendet wird, beginnen unsere Missionare gleich zu frohlocken und bilden sich allen Ernstes ein, ihre Taschenlampen wären Scheinwerfer des Heiligen Geistes oder sie wären auf besondere Weise mit der unendlichen kosmischen Energie verdrahtet.

Man sollte sich vor ihnen hüten und sich auf das eigene Licht verlassen – selbst wenn es nur eine Kerze, ein kleines Licht ist.

Wer sein Licht unter den mit Samenkörnern gefüllten Scheffel solcher Missionare stellt, wird in Zukunft davon abhängig sein, ob sie ihre Taschenlampen an- oder ausknipsen. Wer, außer diesen Missionaren, kann das ernsthaft wollen?

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